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Dichtung dient dem Überleben

Ums Überleben ging es Scheherazade. Sie begann, "um nicht gleich vom Sultan abgeschlachtet zu werden, drauflos zu fabulieren" (Robert Minder) und erzählte fantastische Geschichten in tausendundeiner Nacht. Nicht von ungefähr nimmt Wolfgang Minatry an, dass in der Natur des Menschen "die Rettung durch die Fantasie vorgesehen sei", wie sie gerade die sogenannte Schöne Literatur auszeichnet, zu der sowohl Gedichte als auch Märchen gehören. Wer im Gefängnis eingesperrt ist, wer im Krankenhaus seine Tage fristen muss oder sonst wie in Bedrängnis lebt und Zugang zu Büchern hat, weiß den Wert der Literatur wohl zu schätzen. So fanden auch viele KZ-Insassen Trost in Versen, die sie auswendig kannten. Ruth Klüger schreibt in ihrem Erinnerungsbuch: "Weiter leben. Eine Jugend" über Schillers Balladen:"..mit denen konnte ich stundenlang in der Sonne stehen und nicht umfallen, weil es immer eine nächste Zeile zum Aufsagen gab, und wenn einem eine Zeile nicht einfiel, so konnte man darüber nachgrübeln, bevor man an die eigene Schwäche dachte. Dann war der Appell womöglich vorbei." Woraus ersichtlich wird, dass Menschen, die mit Gedichten lebten, nicht selten überlebten.

Kein Zweifel, für den ein oder anderen kann Literatur zur Lebens- und Überlebenshilfe werden und Ermunterung zum Durchhalten bedeuten. Das war und ist häufig in Diktaturen der Fall. Hier muss man Literatur durchweg gegen den Strich lesen, wie etwa während der Jahre im Naziregime, während der DDR-Zeit und in anderen Epochen der Unterdrückung. "Eingebettet zwischen Heilruf und klirrenden Sporen, gewannen ein paar Seiten Lessing, Verse Goethes, Szenen Schillers, Lieder der Romantik ihre volle Intensität zurück", schreibt der Literaturhistoriker Robert Minder (1902-1980) in einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung. Manches wurde freilich nicht immer und überall richtig verstanden. Wie hätte sonst Werner Bergengruens Roman "Der Großtyrann und das Gericht" oder Jochen Kleppers "Der Vater" bei Nazigrößen so viel Anerkennung finden können, wie es tatsächlich der Fall war, obwohl beide Werke ebenso eindeutig gegen den Nationalsozialismus gerichtet waren wie Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg", der schon 1930 eindringlich vor den Nazis gewarnt hatte ?

Soldaten hatten oft den "Faust" oder einen Band Rilke-Gedichte im Tornister. Selbst Lenin nahm das Werk Puschkins und den "Faust" mit ins Exil. "Was konnte er davon erwarten? Vermutlich einen Kräftezuwachs. In der Rocktasche seines älteren Bruders, der früh unter dem zaristischen Regime erschossen wurde, fand sich ein Band Heine. Nicht Bakunin, nicht Marx oder Engels: Gedichte Heines.... Literatur wählt sich auch ihre Leute aus", gibt Robert Minder zu bedenken.


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