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Ist Literatur Religionsersatz?

Andere wie Günter Kunert glauben, dass Literatur, insbesondere Lyrik, heute vielfach als Religionsersatz akzeptiert wird, insbesondere in Gegenden, die von Amts wegen auf alles Transzendente verzichtet haben wie einst die sozialistischen Länder und die frühere DDR, wobei sich gezeigt hat, dass der Marxismus über einen langen Zeitraum hinweg bestimmte geistige und seelische Erwartungen nicht erfüllt hat.

Die Ansicht, Literatur als Religionsersatz zu betrachten, vermag die im Christentum verwurzelte Schriftstellerin Gabriele Wohmann allerdings nicht zu teilen. Sie wiederum behauptet, dass viele Menschen in der Literatur nicht vordergründigen Trost suchten, sondern Wahrhaftigkeit und Identifikationsmöglichkeiten. "Schriftstellerei und Literatur können keine Erlösung bieten, sie bieten alles mögliche andere: Interessantheit, Unterhaltung, Menschenkenntnis, sie vermitteln Genuss, Freude, Bestätigung, Identifikation.., aber nichts wirklich Erlösendes, Transzendentes. Dazu ist nur die Kirche in der Lage."

Aber auch nicht Transzendenz orientierte oder religiös gebundene Autoren und Dichter wie Günter Grass sehen im Erzählen mitunter ein Überlebensmittel der Menschen. Grass beschloss 1999 seine Nobelpreisrede mit folgenden Worten: "Schließlich wird unser aller Roman fortgesetzt werden. Und selbst wenn eines Tages nicht mehr geschrieben und gedruckt werden wird oder darf, wenn Bücher als Überlebensmittel nicht mehr zu haben sind, wird es Erzähler geben, die uns von Mund zu Ohr beatmen, indem sie die alten Geschichten aufs neue zu Fäden spinnen: laut und leise, hechelnd und verzögert, manchmal dem Lachen, manchmal dem Weinen nahe." Grass hat sicherlich nicht unrecht. Immerhin waren Erzählen und Zuhören seit jeher und sind es noch ein Urbedürfnis der Menschheit.


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