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Kant und die Religion

Wir können, so Kant, von Gott kein Wissen haben, es bleibt uns nur der Glaube. "Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen", schrieb er mit Blick auf seine "Kritik der reinen Vernunft. Nicht von ungefähr nannte ihn Moses Mendelssohn den "Alleszermalmer der Metaphysik". Heine behauptete dagegen Kant "hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen."

Schon zu seinen Lebzeiten waren Geistliche und andere seiner Zeitgenossen mitunter der Ansicht, dass Kant das Christentum zerstört und das Leben vieler Menschen ruiniert habe. Einige meinten, bei Kant werde Religion zur Lückenbüsserin. Bei anderen erwarb er sich den Ruf eines Atheisten. Schiller wiederum war davon überzeugt, dass der christliche Glaube durch Kant gewonnen habe.

Für Kant ist das Christentum eine verinnerlichte Moral. Er hat die Religion überwiegend moralisch interpretiert. Er lehnte jeden äußeren Kult ab und berief sich dabei auf Hiob, der es ablehnte, Gott zu schmeicheln. Ehrfurcht vor himmlischen Mächten widerstreitet der menschlichen Würde, meinte Kant.

Als er einmal gefragt wurde, ob wir auch ohne Gottes Dasein alle moralischen Verbindlichkeiten herleiten können, antwortete er "selbstverständlich". Für Kant war mithin Moral ohne Religion durchaus möglich. Der Mensch bedarf, so Kant 1793 in seiner Religionsschrift, der Religion nicht, um moralisch zu sein.

Der Protagonist der aufgeklärten Moral ist der Mensch als freies Wesen, das sich eben darum - weil es frei ist - auch selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindet. Auf die Idee eines "anderen Wesens" kann dieses Menschenwesen verzichten, wenn es sich die Normen seines Handelns selbst auferlegt. Aber, so Kant es ist auch keineswegs unvernünftig, an die Existenz eines "anderen" Wesens zu glauben, das dafür sorgt, dass die Moral wirklich und der Mensch dabei nicht unglücklich wird. Weil ein solcher Glaube durch die Vernunft gedeckt ist, spricht Kant von einem "Vernunftglauben". (Aber im Grunde interessierte sich Kant mehr für das menschliche Ich als für Gott.)

Für Kant ist die Ethik nicht von der Offenbarung abhängig, die chinesische Ethik und die christliche Ethik unterschieden sich nicht grundlegend voneinander. Glück bedürfe keiner religiösen Grundlage und die Vernunft stelle in der Ethik ein hinreichendes Prinzip dar. (Hat er der Vernunft zu viel zugetraut?)

Kant, der die Religion innerhalb der Grenzen der kritischen Vernunft festmacht, nimmt damit gegenüber Fundamentalismen eine klare Perspektive ein. Er geht nicht von religiös inspirierten Wahrheiten aus, die von heiligen Männern vertreten werden, vielmehr wird die Religion am Massstab de Vernunft überprüft. Sie ist die fundamentale Basis für alles, was wir tun. Gott ist, laut Kant, ein Postulat der praktisch-sittlichen Vernunft. Er ist kein Wesen außer mir, sondern bloß ein Gedanke in mir.

Doch notiert er 1799 in Reflexion 8106: "Es ist unmöglich, dass ein Mensch ohne Religion seines Lebens froh werde." Aber nicht immer ist eine dokumentierte Aussage auch das letzte Wort des jeweiligen Sprechers.


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