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"Die Frau und die Tiere"

Als letzte Veröffentlichung zu ihren Lebzeiten erschienen bei Erwin Löwe im Jüdischen Buchverlag unter dem Namen Gertrud Chodziesner die Gedichte "Die Frau und die Tiere", in denen deutlich wird, wie sehr sich die Dichterin Tieren, insbesondere den Amphibien verbunden fühlte, vermeintlich hässlichen Tieren, denen im allgemeinen keine Liebkosung gilt. Die Auflage musste jedoch nach dem Novemberpogrom im Jahr 1938 und dem anschließenden Verbot jüdischer Verlage eingestampft werden.

In manchen Tiergedichten ist die Beziehung zwischen Mensch und Tier innig und voll Liebe, in anderen wird die Natur durch die Natur oder durch die Menschen rücksichtslos zerstört, Dann wieder gibt es Gedichte, in denen ein Gericht der Tiere gestaltet wird, ein Ende der Menschheitsgeschichte, über das die Tiere das Urteil fällen.

"Die innige Beziehung zur Natur", schreibt Hilde Wenzel, "und die Liebe zu allen ihren Geschöpfen mag Gertrud vom Vater geerbt haben. Sein Wissensdrang, seine großmütige Gesinnung, sein nie erlahmendes Streben nach höchster Lauterkeit machten ihn zu einem unermüdlichen Streiter für die Sache, die er einmal als gerecht erkannt hatte.."

Gertrud Kolmar lebte in einer Zeit, die seit 1870/71 euphorisch dem Glauben an Technik, Ratio und Fortschritt verfallen war. Sie selbst jedoch lehnte diese Tendenz ab und wählte die Natur als ihr Reich. Ihre Gedichte über das Tierreich erschienen unter Titeln wie "Die Unke", "Die Kröte", "Olmgast", "Die Ottern", "Das Tier", "Der große Alk", "Krähen", "Die Tiere von Ninive", "Das Einhorn", "Die Unke" und "Das Lied der Schlange, in dem die Verse vorkommen:

"Ihr kennt mich stumm, nennt mich Ringelnatter. /

Doch zieht nur die Fäden aus meinem Gesange, /

Die flimmernden Silber- und kupfernen Fäden /

Behutsam aus schwarzem gebreiteten Tuche."

(Das Lyrische Werk S.161)

Der Dramaturg, Literaturkritiker und Redakteur Hugo Lachmanski schrieb in seiner Rezension des Gedichtbandes "Die Frau und die Tiere" in der 'Central-Verein-Zeitung. Allgemeine Zeitung des Judentums': "Das Bändchen Gedichte, das jetzt vorliegt, gibt willkommene Gelegenheit, das bisherige Gesamtschaffen einer Dichterin zu überblicken, deren Weg sich nicht in das dürre Gestrüpp des Lyrisch-Konventionellen verliert, sondern die einsam ihre Straße zieht, wirklich-unwirklich, ausgestattet mit dem Rüstzeug einer ganz ungewöhnlichen Diktion, hinausstrebend in ein geheimnisvolles Reich phantastischer Visionen...

(Der) echten, tief empfundenen Naturlaute gibt es nur wenige in Gertrud Chodziesners Lyrik, denn das hervorstechende Kennzeichen dieser Lyrik ist das Barock, eine Sprache von einer geradezu verschwenderischen Fülle absonderlicher Bilder und ornamental-malerischen Zierrats. Die Dichterin schwelgt in Farben, wie sie aus neuer Zeit eigentlich nur Arthur Rimbaud, der französische Symbolist, auf seiner Palette hat. Was auch immer bei der Dichterin diesen Farbensinn geweckt haben mag...,dies Sonnenbraun und Rosenrot, dies Pfauenblau und Orangen, dies Schwarzgrünlich und Silberfarben, dies Apfelsinengelb und Smaragden, dies Kupfern und Graubläulich präsentiert sich als das überreiche, schmückende Beiwerk einer Verssprache, über der sich dann noch die kühnsten, abgelegenen Metaphern wie schwere dunkle Kuppeln wölben.."

Und im "Morgen. Monatsschrift der Juden in Deutschland" schreibt Bertha Badt-Strauß: "Das hat seit langem kein Buch mehr über mich vermocht - zumal nicht in dieser sorgenvollen Zeit..:eine Verzauberung, dass man einen Tag und eine Nacht lang in einer anderen Welt atmete, in einer fremden zaubervollen Welt voll harter, glitzernder Kristalle, voll unheimlicher Tiere und leidender Menschen. Gertrud Chodziesner und ihre Gedichte 'Die Frau und die Tiere'..haben mir dies lange nicht mehr gespürte Erlebnis bereitet, schon dadurch bezeugend, dass hier eine seltsam eigenwillige Stimme sich vernehmen ließ, fernab von vielem, was sonst in dieser Zeit in einer gebildeten Sprache, die für uns dichtet und denkt, an Gedichten geschaffen wurde. Eine grenzenlose Einsamkeit scheint dieses Buch einzuhüllen."


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