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"Das Kind"

An zwei Themen entfalteten sich Gertrud Kolmars magische Einfühlungsgabe und Einbildungskraft aufs schönste: Einmal in den "Tierträumen", in denen sie die kreatürliche Wirklichkeit der Tiere benennt und zugleich den menschlichen Bezug herstellt, und dann im Gedichtkreis "Kind", in dem ihr Verlangen nach dem Kind, ihre Zuwendung von der Erwartung bis zur zärtlichen Sorge der Mutter in wechselnden Bildern und Rhythmen eingefangen wird.

"Mein Kind

Ich rühre dich mit Mund und Nüstern an /

Wie schönes Obst auf einer Schale /

Da Herb und Süß sich neidlos mengt." /

Diese so sinnlich griffigen Verse bedürfen jedoch ergänzend der beiden abschließenden Zeilen desselben Gedichts:

"Ich spreche irr. Mein Dunkel ruft dich mir. /

In meinem Tage bist du nicht."

Im Gedicht-Zyklus "Das Kind", der in zwei Fassungen erhalten ist, lebte mithin Gertrud Kolmars Sehnsucht nach dem Kind fort. Denn der Beruf als Erzieherin war für sie nur ein schwacher Trost für den Verlust des eigenen Kindes gewesen. Sie litt zutiefst an der Kinderlosigkeit, die ihr von Familie, der Gesellschaft und ihrer bürgerlichen Moral aufgezwungen worden war, während das Kind, das nie die vorgeburtliche Wassertiefe verlassen hat, wie ein amputiertes Glied, das noch schmerzte, in seiner Mutter ein Phantomleben führte. Sie stickte ihm einen Kittel mit ihren Träumen, nähte ihm Schuhe aus ihrem Hoffen, fütterte mit ihm, wie es in dem Gedicht "Spaziergang" heißt "Blaue Hühner, die es gar nicht gibt." (Das Lyrische Werk S.249)

"Ich sehe, ich fühle /

Durch die verschlossene Tür tritt lautlos /

Ein Kind /

das einzige, das mir zubestimmt und das ich nicht geboren. /

Nicht geboren um meiner Sünde willen; Gott ist gerecht."

(Das Lyrische Werk S.565)


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