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Neue Enttäuschung - neue Gedichte

Um 1937 dichtete Kolmar den Zyklus "Welten", der erstmals fast vierzig Jahre später, posthum 1974, im Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde. Die Gedichte dieses Zyklus sind trotz aller Stilisierung ins Mythologische und ins Exotisch-Ferne charakteristische und autobiographische Dokumente einer unerfüllten und unerfüllbaren Liebe. Ihr Adressat ist diesmal Karl Joseph Keller, den sie über zwei, im "Insel-Almanach" im Jahr 1930 veröffentlichte Gedichte - "Die Gauklerin" und "Die Entführte" - kennen gelernt hatte. Man traf sich und besuchte zum Beispiel in Lübeck das Buddenbrook-Haus. Aber keiner entsprach den Vorstellungen des anderen, so dass auch die Beziehung zu Keller letzten Endes schmerzlich verlief. Man schrieb sich bis 1939. Doch er brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass er 1937 geheiratet hatte, dass er Angst habe, man könne seine nun nur noch freundschaftliche und ausschließlich briefliche Beziehung zu einer Jüdin entdecken. Aber sie schreibt Gedichte an ihn und über ihre Liebe, wie

"Die Verlassene (An K.J.)

Du irrst dich. Glaubst du, das du fern bist /

Und dass ich dürste und dich nicht mehr finden kann? /

Ich fasse dich mit meinen Augen an, /

Mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist.

Ich zieh dich unter dieses Lid /

Und schließ es zu und du bist ganz darinnen. /

Wie willst du gehn aus meinen Sinnen, /

Dem Jägergarn, dem nie ein Wild entflieht?

Du lässt mich nicht aus deiner Hand mehr fallen /

Wie einen welken Strauß, /

Der auf die Straße niederweht, vorm Haus /

Zertreten und betäubt von allen.

Ich hab dich liebgehabt. So lieb. /

Ich habe so geweint ..mit heißen Bitten.. /

Und liebe dich noch mehr, weil ich um dich gelitten, /

Als deine Feder keinen Brief, mir keinen Brief mehr schrieb.

Ich nannte Freund und Herr und Leuchtturmwächter /

Auf schmalem Inselstrich, /

Den Gärtner meines Früchtegartens dich, /

Und waren tausend weiser, keiner war gerechter.

Ich spürte kaum, dass mir der Hafen brach, /

Der meine Jugend hielt - und kleine Sonnen, /

Dass sie vertropft, in Sand verronnen. /

Ich stand und sah dir nach.

Dein Durchgang blieb in meinen Tagen, /

Wie Wohlgeruch in einem Kleide hängt, /

Den es nicht kennt, nicht rechnet, nur empfängt, /

Um immer ihn zu tragen."

(Das Lyrische Werk S.127)

Andere Gedichte sind der "Engel im Walde", "Sehnsucht" und "Die Stadt".

"Gib mir deine Hand die liebe Hand und komm mit mir; /

Denn wir wollen hinweggehen von den Menschen. /

Sie sind klein und böse, und ihre kleine Bosheit hasst und peinigt uns.. /

So lasst uns fliehn.."

heißt es in "Der Engel im Walde", (Das Lyrische Werk. S.559)

Das Gedicht Sehnsucht beginnt mit den Worten:

"Ich denke dein. /

Immer denke ich dein.." /

(Das Lyrische Werk S.562)


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