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Kindheit und Jugend

Das Licht der Welt erblickte die jüdische Dichterin am 10. Dezember 1894 in Berlin als Gertrud Käthe Chodziesner. Ihr Pseudonym - es war der Herkunftsort ihrer Vorfahren - legte sie sich erst 1917 zu, als sie mit ihrem ersten Band unter dem Titel "Gedichte" an die Öffentlichkeit trat. Zusammen mit drei jüngeren Geschwistern wuchs Gertrud Kolmar in einer großbürgerlichen Welt behütet heran. Dennoch hatte sie, trotz der liebevollen Aufmerksamkeit, die ihr als erstgeborener Tochter entgegengebracht wurde, keine glückliche Kindheit. Es stand, wie sie selbst sagt, "kein wolkenlos blauer Himmel über meiner Kindheit und Jugend." Ihre Beziehung zur Mutter war aus mancherlei Gründen beeinträchtigt, in erster Linie dadurch, dass die Mutter wenig Verständnis für die älteste Tochter zeigte und ihr nicht gerecht wurde.

Zu ihrem Vater Ludwig Chodziesner, einem erfolgreichen, der Monarchie treu ergebenen Strafverteidiger und späteren Justizrat, der voll und ganz die Schicht des liberalen, klassisch gebildeten preußisch-jüdischen Bürgertums repräsentierte, hatte sie ein innigeres Verhältnis als zur Mutter. Sie fantasierte sich in die "Vaterwelt" hinein. Der Vater wiederum wurde von seinem Beruf stark absorbiert. So wirkte sich die verquere Tochter-Eltern-Beziehung auf die Biografie der späteren Dichterin äußerst nachteilig aus. Es kam zu Störungen in der Beziehung des heranwachsenden Mädchens zu sich selbst und zur Entwicklung eines unsicheren schwankenden Selbstwertgefühls. Kein Wunder, dass für Gertrud Kolmar im frühen Stadium ihres literarischen Schaffens Motivgeber und Ziel ihres Dichtens die Suche nach dem eigenen Ich war und die Konstituierung des Selbst. Dabei träumte sie von vollkommener Unterwerfung. Allerdings sollte sich die Wirklichkeit später als schlimmer erweisen als alle Fantasien, denn die erste Liebesbeziehung Gertrud Kolmars, von der noch die Rede sein wird, endete in mehrfacher Hinsicht tragisch.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war Gertrud Kolmar schon ein junges Mädchen von bald zwanzig Jahren und erlebte mit, wie groß die nationale Begeisterung der Deutschen im August 1914 war. Besonders die deutschen Juden wollten als Patrioten ihre Verbundenheit mit Deutschland ausdrücken. In der Schule musste ihre jüngste Schwester Hilde ein Gedicht auswendig lernen, in dem eine Strophe lautete: "Eines steht groß in den Himmel gebrannt,/Alles darf untergehn,/Deutschland, unser Kinder- und Vaterland,/Deutschland muss bestehn."

Warum darf, fragte sich Hilde und mit ihr sicher auch Gertrud schon damals, alles andere, was nicht deutsch ist, untergehen? "Gibt es nicht woanders auch Eltern, die ihre Kinder lieben?..da war etwas, womit ich nicht fertig wurde, etwas, was ich als unberechtigt empfand, der erste recht ernsthafte Konflikt zwischen meiner großen Liebe zum Vaterland und meinem schon stark ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl.." (Hilde Wenzel: "Mein Leben in Deutschland". Unveröffentlichtes Typoskript)


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