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Den Nazis entkommen, dem FBI suspekt

Mit dem Machtantritt der Nazis begann auch für Anna Seghers eine Zeit der Verfolgung und Flucht. Ihre Bücher landeten mit vielen anderen auf dem Scheiterhaufen. Sie selbst wurde für kurze Zeit verhaftet und floh nach ihrer Entlassung mit ihren Kindern nach Paris. Hier blieb sie, bis die deutsche Okkupation sie zwang, das Land zu verlassen. Später fanden sie und ihre Familie in Mexiko eine Bleibe. In den USA wollte man sie nicht aufnehmen. Denn der amerikanische FBI hatte umfangreiches Material über sie gesammelt und später sogar ihren Roman "Das siebte Kreuz" von US-Agenten auf geheime Botschaften für eine kommunistische Verschwörung untersuchen lassen. Selbst in Mexiko hat der FBI sie nicht aus den Augen gelassen. Auch im Exil arbeitete Anna Seghers wie eine Besessene weiter, zuerst im Café in Paris, und später in Mexiko, und nahm bald unter den Emigranten eine führende Rolle ein. Sie schrieb damals "Die schönsten Sagen vom Räuber Woynok" und "Das siebte Kreuz". Dieser Roman wurde 1942 in englischer Sprache in den Vereinigten Staaten veröffentlicht und zwei Jahre darauf von Fred Zimmermann mit Spencer Tracy verfilmt. Er begründete Seghers' Weltruhm und war 1946 die erste deutsche Veröffentlichung des neu gegründeten Aufbauverlags. In der DDR wurde von dem Roman mehr als eine Million Exemplare verkauft. Er wurde und wird auch von westdeutschen Kritikern, insbesondere von Marcel Reich-Ranicki, zu den bedeutendsten Büchern unseres Jahrhunderts gezählt - nicht von ungefähr, denn kein anderer Roman der Emigration hat mit so viel Einfühlungskraft und Dichte die Atmosphäre in Nazi-Deutschland eingefangen, die die Schriftstellerin nur vom Hörensagen kannte. Später hat sie darauf hingewiesen, dass sie die Handlung des Buches auch dem Konstruktionsmuster von Alessandro Manzonis "Die Verlobten" verdankt–-ein Zeichen dafür, dass ihr Blick auf die Weltliteratur bei allem beharrlichen Bekenntnis zum Kommunismus neugierig und unvoreingenommen geblieben war.

Das Buch besteht aus sieben Kapiteln. Jedes Kapitel erzählt einen Tag der Flucht der sieben Häftlinge aus dem fiktiven Konzentrationslager Westhofen unweit von Mainz und ihrer Verfolgung durch die SS. Die Fluchtgeschichte wird nicht durchgehend erzählt, sondern ständig von Geschichten unterbrochen, die sich zur selben Zeit ereignen. Der Lagerkommandant läßt sieben Kreuze aufrichten, an denen die Flüchtlinge sterben sollen. Vier werden wieder eingefangen, einer stellt sich freiwillig, einer stirbt. Das siebte Kreuz, Symbol der Hoffnung bleibt leer. Ein Häftling läuft um sein Leben und zwingt jeden, der mit ihm in Berührung kommt, zu offenbaren, was er wert ist, die Menschen müssen Stellung nehmen. Der überlebende Flüchtling Georg Heisler erfährt die Solidarität vieler Menschen, die ihr Leben und das ihrer Angehörigen aufs Spiel setzen. um seins zu retten. In der Landschaft verankert ist der Fluchtweg Heislers, die Chaussee entlang über Oppenheim nach Mainz, weiter nach Frankfurt und wieder zurück zum Rhein. Heisler entkommt zum Schluss auf einem holländischen Frachter. Das Werk wurde mit dem Georg Büchner Preis ausgezeichnet. Das Geld vom Verkauf des Buches half der Autorin im Exil über ihre Finanzkrise hinweg.

(Anmerkung: Es gab tatsächlich ein KZ Osthofen in der Rhein-Main-Gegend. Aber hier ist niemand ermordet worden. Es ist deshalb auch nicht identisch mit dem fiktiven KZ Westhofen, dem Ort in Seghers' Roman "Das siebte Kreuz", wo ein früheres KZ vom Typ Osthofen nachgezeichnet, aber nicht das historische Lager Osthofen porträtiert wird, das im Oktober 1937, der Erzählzeit des Romans, nicht mehr bestand. Greifbar allein ist, dass Anna Seghers ein KZ in der Gegend zwischen Mainz und Worms, ihrer Herkunftslandschaft, darstellt.)

Allerdings wurde das umfangreiche Werk im Westen in der breiten Öffentlichkeit bis in die sechziger Jahre hinein boykottiert und führte 1962, als der Luchterhand-Verlag den Roman herausbrachte, zu öffentlichen Kontroversen und kleinkarierten Protesten. Zu diesen kam es auch 1977 und 1981, als die Universität Mainz und vier Jahre später die Stadt Mainz Anna Seghers die Ehrenbürgerwürde verlieh.


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