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Autorinnen unter sich

Elisabeth Langgässer indessen hatte 1947, als die Fronten zwischen Ost und West noch nicht so verhärtet waren, in einem Brief geschrieben: "Hier in Berlin wird zur Zeit die Seghers ganz groß gefeiert, und sie verdient es auch. Ihr 'Siebtes Kreuz' (natürlich müsste es 'siebentes' heißen, aber sie sagte zu mir im Mainzer Dialekt:'Och, des war mer doch ganz wurscht, ganz und gar wurscht!') ist großartig in seiner Verhaltenheit, Echtheit und Menschlichkeit. 'Awer ich bin en Bolschewik von owe bis unne' äußerte sie zu Peter Huchel. Trotzdem: Am 'Tag des freien Buches' bin ich, neben ihr sitzend, fast mit auf das Bild geraten, und sie meinte: 'Mir zwei könne doch zusammen drauf, und drunner solltense schreiwe, dass wir aus Mainz sinn, das ist wichtiger als alles.' So ist sie doch auch wieder. Hat ein wunderschönes, flächiges Barlach-Gesicht, unter schneeweißen, glatten Haaren, unerhörte schwarze Augen und einen trotzigen, gewölbten Kindermund. Ihr seht: Ich habe mich verliebt. Natürlich werden und müssen wir, sozusagen zwangsläufig, furchtbar aufeinanderplatzen, weltanschaulich. Und wahrscheinlich werden wir beide dabei ordinär werden wie 'zwei Fischweiber', wie meine Mutter zu sagen pflegte. Trotzdem hab' ich ein Faible für sie."

Auch in der 1943 in Mexiko entstandenen Novelle "Der Ausflug der toten Mädchen", eine Art Vorstudie des (schwächeren) Nachkriegsromans "Die Toten bleiben jung", kehrte Anna Seghers noch einmal nach Deutschland zurück und entfaltete an disparaten Lebensgeschichten ein bedrückendes Kaleidoskop von Schuld und Verführung. Die träumerische Erinnerung an Schulfreundinnen von einst, die teils ohne, teils mit ihrer aktiven Teilnahme in ein mörderisches Rad der Geschichte geraten sind, wird von zwei Ebenen aus beschrieben, die sich ineinander verweben: ihrer deutschen Kindheit und der Gegenwart des mexikanischen Exils. Diese intensive, die verschiedenen Zeit- und Seinsebenen traumwandlerisch sicher in der Schwebe haltenden Erzählungen von seltsam ergreifender, melancholischer Klarheit, eine der wenigen nicht auktorialen, die Seghers schrieb, unmittelbar nach ihrem rätselhaften, Gerüchte provozierenden Unfall 1943 in Mexiko, bei dem sie fast zu Tode kommt. Kaum genesen, erreicht sie die Nachricht von der Ermordung ihrer Mutter im Konzentrationslager Auschwitz. (Ihr Vater starb 1940).

Der Rang des Romans "Transit", der ebenfalls im Exil verfasst wurde, aber in deutscher Sprache erst 1948 erschien, ist unbestritten und, entgegen der meisten Werke von Anna Seghers, wie die "toten Mädchen" klar autobiographisch orientiert, doch blieb er immer ein wenig überschattet von dem erfolgreicheren Roman "Das siebte Kreuz". Es ist die Geschichte eines Mannes, der im besetzten Paris die Identität eines Schriftstellers übernimmt, der Selbstmord begangen hatte. Er begegnet dessen Frau, die mit einem Arzt geflohen war, in Marseille. Beide Männer verlieben sich in sie. Die Frau aber liebt ihren Mann, dessen Tod sie nicht wahrhaben will. Der Roman beschreibt schlimme Erfahrungen und gedrückte Stimmungen, wie sie die deutschen Emigranten im Rahmen der politisch-militärischen Vorgänge erleben mussten. In einer realistischen Erzählweise schildert Seghers von selbst erfahrenen Einzelheiten des Lebens im Exil, von der verzweifelten Jagd nach gültigen Papieren, Schiffspassagen und Fluchtwegen. Sie begnügt sich nicht mit Milieuskizzen und einer spannenden Handlung. Vielmehr bewahrt sie eine eigentümliche Distanz, wobei sie das Exil durch eine beunruhigende Vieldeutigkeit zur Chiffre für den modernen Menschen erhebt. Ihre Figuren und Bilder sind heute noch oder gerade wieder beunruhigend aktuell. Der Roman, zweifellos ein Meisterwerk moderner Prosa, wurde mitunter sogar in die Nähe von Kafka gerückt. "Ich bezweifle, ob unsere Literatur nach 1933 viele Romane aufzuweisen hat, die, mit solch somnambuler Sicherheit geschrieben, fast makellos sind", urteilte Heinrich Böll über "Transit".


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