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Amerikanische Literatur

Das hat E.L.Doctorow tatsächlich auch getan und zwar in seinem Roman "City of God", in dem sich Thomas Pemberton, ein anglikanischer Pfarrer, auf die Suche nach einem glaubwürdigen Gott begibt. In seinen Zwiegesprächen mit dem Schöpfer hadert er unentwegt mit ihm und der Welt, die er geschaffen hat. Zugleich entwirft Doctorow ein buntes Kaleidoskop unterschiedlicher Schicksale und Charaktere, wobei er häufig weit abschweift, so dass man höllisch aufpassen muss, um jedesmal zu erkennen, wer gerade spricht, an welchem Ort, zu welcher Zeit und auf welcher Ebene sich das Ganze abspielt.

Das eigentliche Thema dieses Buches ist indessen die Suche nach Gott, nach den Möglichkeiten des Glaubens und dem Sinn des menschlichen Daseins. Es geht um prinzipielle und letztlich unbeantwortbare Fragen wie: Können wir unseres Glaubens gewiss sein? Wo ist Wahrheit zu finden. Wovon in Christi Namen glauben wir eigentlich zu sprechen? Nimmt sich nicht, wer sich im Besitz der Wahrheit wähnt, oft das Recht heraus, sie anderen einzubläuen? Doctorows Roman zeigt deutlich, dass die säkulare Moderne das im Menschen augenscheinlich tief verwurzelte Bedürfnis nach Transzendenz nicht zum Verschwinden gebracht hat.

Auch andere amerikanische Schriftsteller haben das Wagnis, von Gott zu reden und zu schreiben, auf sich genommen. Offensichtlich kann man in Amerika und in seiner Literatur sehr viel unbefangener und selbstverständlicher mit dem christlichen Glauben umgehen als in Europa. Man denke nur an John Updike und Denis Johnson. Selbst Norman Mailer hat ein Buch über das Leben Jesu geschrieben. Denn wie sagte doch einst Wittgenstein? "Die Amerikaner sind besessen von Gott." Das gilt cum grano salis auch heute noch, zum Beispiel für den 1949 geborenen amerikanischen Schriftsteller Denis Johnson. Seine Spezialität sind die Verlorenen und Verzweifelten.

Sein erster bereits 1983 im amerikanischen Original erschienene Roman "Engel" - bei uns wurde das Buch erst zwanzig Jahre später veröffentlicht - machte den Autor auf Anhieb berühmt. Das Buch erzählt von Jamie und Bill. Im kalifornischen Oakland besteigt Jamie einen Greyhound-Bus. Sie hat ihre beiden kleinen Töchter dabei, ein wenig Geld und ein paar Habseligkeiten. Jamie hat soeben ihren Mann verlassen, der sie belogen und betrogen hat. Sie will zu Verwandten im Norden der USA. Im Bus lernt sie Bill Houston kennen, einen Herumtreiber mit unzuverlässigem Charme. Bill überredet Jamie, die Reise in Pittsburgh zu unterbrechen, um sich ein paar schöne Tage zu gönnen. Doch als das Geld verbraucht ist, trennen sie sich. In Chicago verdient sich der stets bedröhnte Bill ein paar Dollars mit Handtaschenraub, während Jamie, die ihm in unbestimmter Sehnsucht nachgereist ist, einer brutalen Vergewaltigung zum Opfer fällt.

Es ist ein düsteres Buch voll dunkler religiöser und apokalyptischer Züge und religiösen Wahnsinns. Menschen werden Opfer der Gewalt oder üben selbst Gewalt aus. "Bete, bete" sagt der Verbrecher zum Kassierer, der am Boden liegt. Im Danteschen Sinne geht es hier um Vorhölle, Fegefeuer und Jesu Nachfolge. Erzählt wird eine Passionsgeschichte mit Hinweisen darauf, dass am Ende ein Moment der Erlösung vorhanden ist. Das Buch ist von realer Härte, aber ohne religiösen Kitsch, ein Klassiker, wobei man den Eindruck gewinnt, dass in diesem Roman aus Amerika, das sich gerne als "God's own Country" bezeichnet, inzwischen ein "Devils own Country" oder die Hölle geworden ist.

Denis Johnson rechtfertigt weder seine Figuren, noch verdammt er sie. Bill und Jamie erscheinen als Kronzeugen ihrer und unserer Zeit, die keine Wege weisen, noch den Himmel preisen, aber im Sturz das Leben berühren. Schließlich ist es nicht ihre Schuld, dass sie das wahre Leben vorher nicht kannten. Doch die Pfade der Erleuchtung sind verschlungen und führen durch dunkle Regionen. Der Roman endet mit einer Epiphanie. In Phoenix, der Heimat des Fegefeuers, erheben sich Engel, weil es nicht angeht, dass dieses Elend alles gewesen sein soll, was ein Mensch vom Leben hat. Auch in drei weiteren Romanen von Denis Johnson kommen Menschen vor, die am Rande der Gesellschaft leben und der Erlösung im besonderen Maße bedürfen.

In "Wiederbelebung eines Gehängten", einem weiteren Buch von Johnson, in dem die Ausweglosigkeit des Individuums thematisiert wird, will Leonard English nach einem fehlgeschlagenen Selbstmordversuch an der amerikanischen Ostküste als Privatdetektiv einen Neuanfang wagen. Aber sein Leben bleibt nach wie vor orientierungslos. Nach einem missglückten Attentat auf den Ortsbischof kommt er ins Gefängnis, wo er zu bleiben hofft.

In "Schon tot" treffen in einem kleinen Ort nördlich von San Francisco im September 1990 mehrere Menschen aufeinander, deren Existenz zerrüttet oder bedroht ist.

In "Jesus' Sohn" ist ein arbeitsloser und trunksüchtiger Drogenabhängiger in Kriminalität verstrickt und scheitert kläglich mit seinen Versuchen, einen Ausweg zu finden.

John Updikes Protagonisten sind ebenfalls traurig-komische Helden einer aus den Fugen geratenen Welt. Ihr Leben wird durchweg bestimmt durch Geld, Sex, Einsamkeit und Angst vor Krankheit. Updike führt sie durch alle Höhen und Niederungen des Daseins. Wir sind alle irgendwie verrückt, sagt er, "einschließlich ich selbst, der an das Christentum zu glauben vorgibt."

John Updike nennt sich einen bekennenden Christen, aber nicht einen christlichen Autor, als solcher wäre er, wie er sagt, "den christlichen Heucheleien verpflichtet." - "Ich bin Kirchgänger", gesteht er in einem Interview in der Wochenzeitung "Die Zeit", "sehe aber dieselbe Welt wie alle anderen Menschen auch, sehe denselben Widerspruch zwischen Gott und seiner Schöpfung und muss also frei sein zu schreiben, was ich sehe. Es gibt zu viele christliche Schriftsteller in diesem Land. Diejenigen, die dieses Etikett tragen, werden zu sehr eingeengt...Ich bin überzeugt, dass Menschen nur sehr schwer ohne Gott auskommen. In der ein oder anderen Form gibt es das individuelle Bedürfnis nach dem Transzendenten, um Kraft zu tanken. Nehmen wir eine meine bekanntesten Figuren - Harry Angstrom, Held der Rabbit-Serie. Er neigt durchaus dem Glauben zu und hofft, dass noch mehr zum Leben gehört, als nur zu tun, was man gesagt bekommt."

Der große Erfolg von Updike, meint Walter Grünzweig im "Kritischen Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur", "liegt in der Verbindung eines spezifischen Realismus mit stark ausgeprägter metaphysisch-religiöser Spekulation. Der Thematisierung von Entfremdung, Verdinglichung und Kommunikationslosigkeit wirkt allerdings einer in religiösem, mythischem oder symbolischem Gewand angebotenen Lösung auf höherer Ebene entgegen, die dem Leser einen Ausweg aus den unüberwindlich anmutenden Problemen des 20.Jahrhunderts zu weisen scheint." So hofft auch Updike Harry 'Rabbit' Angstrom auf Erlösung, verstrickt sich jedoch immer mehr in Schuld.

Man findet bei Updike religiöse Symbolik und theologische Einstreuungen von Pascal bis Kierkegaard und Karl Barth. Trotz widriger Strukturen erfahren Updikes Menschen die Sinnhaftigkeit ihres Lebens vor allem in der 'Erdnähe' des Menschen, insbesondere in der Sexualität, da Updike diese als religiöse Suche interpretiert.

Von Ehebruch, pornografischen Fantasien und intellektueller Gottsuche handelt auch sein Roman "Das Gottesprogramm". Im Mittelpunkt des Romans stehen der Theologieprofessor Roger Lambert, seine attraktive Frau Esther sowie seine Nichte Verena und der Student Dale, der mit Hilfe eines Computers die Existenz Gottes beweisen möchte.

Drei verschiedene Milieus werden vom Ich-Erzähler, dem Theologie-Professor Roger Lambert vorgestellt: sein eigenes liberales Verständnis und seine gut situierte Privatwelt, ferner die Ideenwelt des glaubensstarken Informatik-Genies Dale Kohler, eines Gottesfreaks, der ein PC-Simulationsprogramm zum Nachweis aller von einem personalen Gott gesteuerten und verantworteten Entwicklungsprozesse installieren möchte, vom Urknall bis zu sexuellen Attraktionen hin. Er ist dem Herrn aller religiösen Gesetze und naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten auf der Spur. Das dritte, etwas derangierte Milieu vertritt im Roman Professor Lamberts Nichte Verena, eine junge triebhafte, unselbständige Frau, rausgekegelt aus Schule und Elternhaus und materieller Gesichertheit, mit nervig-kreglem Kind, am Rande des sozialen Absturzes.

Gerade bei Updike stehen wir vor der Frage: Wo sind Spuren des unendlichen Gottes, wie können wir sie im Endlichen fassen? Wie sie verifizieren in unserer Biografie?

In "Gott und die Wilmots" haben vier Generationen der amerikanischen Familie Wilmot Schwierigkeiten, sich in der Welt zurechtzufinden. Sie hadern mit Gott und finden einzig in der Schein-Welt des Kinos Ruhe und Erlösung.

Sogar Norman Mailer hat in "Das Jesus-Evangelium" über das Leben Jesu geschrieben. Hierbei handelt es sich keineswegs um ein besinnliches Bibel-Remake, vielmehr ruft Mailer Jesus auf, selbst Zeugnis abzulegen von seiner kurzen, aber seit 2000 Jahren weltbewegenden Karriere und damit endlich seine selbst ernannten Nachfolger in die Schranken zu weisen. Mailers Jesus ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, der träumt, zweifelt, liebt, lacht, weint und leidet und sein eigenes Leben und Wirken auf Erden in Ich-Form erzählt. "Mailers Evangelium ist", laut Klappentext, "ein Hohelied auf die Liebe und die Menschlichkeit". Amerikanische Geistliche haben freilich gegen Mailers Buch Protest eingelegt weil es den Aussagen der Bibel widerspreche. Gerhard Beckmann in der "Welt" findet: "Literarisch ist Mailers "Jesus-Evangelium" dürftig, ein Wagnis, das in dieser Form scheitern musste."

In John Irvings Roman "Gottes Werk und Teufels Beitrag" geht es dagegen mehr um menschliches Tun, um Geburt, Entbindung und Abtreibung, um einen Arzt, der trotz des gesetzlichen Verbots Abtreibungen vornimmt und somit zu Gottes Werk des Teufels Beitrag hinzufügt.

Gott und himmlisches Personal bemüht auch der 1961 in Pittsburgh geborene amerikanische Schriftsteller Stewart O'Nan. Für seinen Erstlingsroman "Engel im Schnee" wurde ihm 1993 der William-Faulkner-Award zugesprochen. Der 1999 erschienene Roman "A Prayer for the Dying" (im Deutschen wurde er 2001 unter dem Titel "Das Glück der anderen"veröffentlicht) ist ein amerikanischer Hiob-Roman, so "etwas wie schwarze Erbauungsprosa", meinte Stefanie Holzer in der Frankfurter Rundschau vom 19.1.2001 und fügte gönnerhaft hinzu, aber es solle ja Leser geben, die so etwas mögen.

Auch der 1959 in Western Springs geborene Autor Jonathan Franzen, der wie Updike im Schatten der Kirche aufgewachsen ist, lässt in seinem Roman "The Corrections" die Theologie wiederkehren, während der jüngste Roman von Richard Rogers "Schattenflucht", laut Bruno Latour, "eine politische und theologische Betrachtung der wichtigsten Probleme unserer Zeit" ist.


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