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Wovon erzählt und was beklagt wird

Erzählt wird in der heutigen Literatur durchweg, wie das Leben so spielt. Familiengeschichten werden aufgerollt, von Ehebruch und Dreiecksgeschichten ist häufig die Rede. Gelegentlich übt man sich in Gesellschaftskritik. Andere Themen sind die Suche nach sich selbst, Auseinandersetzungen mit Krankheit, Tod, Einsamkeit, die Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. Oft sind Außenseiter die Protagonisten. Nicht selten werden Bilder einer zutiefst heillosen Welt entworfen. Natürlich wird auch der Sexualität wie in Film und Fernsehen viel Aufmerksamkeit gewidmet. Religiöse Fragen werden, wenn überhaupt, nur verschämt und indirekt angeschnitten. Religiöse Literatur, wie sie einst Ina Seidel, Marie Luise Kaschnitz, Werner Bergengruen, Rudolf Alexander Schröder, Gertrud von LeFort, Reinhard Schneider, Ruth Schaumann, Willy Kramp und Rudolf Otto Wiemer schrieben, gibt es entweder nicht mehr oder wird nicht wahrgenommen, oder ihr mangelt es an Glaubwürdigkeit und Qualität, oder die Verfasser ergehen sich in mythischem Geraune wie etwa Jorgi Jatromanolakis in "Bericht von einem vorbestimmten Mord". Daneben gibt es noch die sogenannten Kult-Autoren wie die italienische Autorin Susanna Tamaro, die sich großer Beliebtheit erfreut, weil sie sogenannte Sinnfragen stellt und sie religiös, wenn auch nicht im kirchlichen Sinne, zu beantworten versucht. Ebenso verhält es sich mit dem brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho, der gerne mit aphoristisch verkürzten Wahrheiten aufwartet und den manche Leser sogar mit Saint Exupéry vergleichen.

Aber seien wir nicht so streng, vielleicht braucht der Mensch, um mit Odo Marquard zu sprechen, gar nicht so sehr christlich ewige Erlösung als vielmehr hin und wieder Entlastung von irdischer Mühsal und Kompensation seiner Probleme.

Im Grunde sei die sogenannte Blüte der christlichen Literatur in unserem Jahrhundert aufs Ganze gesehen eher unbedeutend gewesen, meint die Literaturwissenschaftlerin Magda Motté. Zumindest stelle sie im Rahmen der europäischen Literaturgeschichte nur eine restaurative, epigonale Randerscheinung dar und sei in der Nachkriegszeit von Kirchenkreisen als zeitbestimmend überbewertet worden. "De facto schrieben diese christlichen Autoren an der Zeit vorbei. Das eigentliche literarische Leben nämlich, das seismographisch Zukunftsentwicklungen erspürt, prophetische Bilder zeichnet und die Öffentlichkeit bestimmt, entwickelte sich seit Jahrhunderten außerhalb des kirchlichen Bezugrahmens." Die großen Namen in der Literatur des 20.Jahrhunderts wie etwa Gottfried Benn, Bert Brecht, Hermann Broch, Alfred Döblin, Robert Musil, Hugo von Hoffmannsthal, Franz Kafka, Heinrich und Thomas Mann, Robert Musil, Rainer Marie Rilke, Carl Zuckmayer und verschiedene andere seien zum Beispiel von der breiten katholischen Leserschaft erst spät oder gar nicht rezipiert worden. Inzwischen sei der Einfluss der Kirchen und der Religion insgesamt in Europa geschwunden. Der Glaube an Gott scheine das politische und private Handeln des Einzelnen nicht mehr zu bestimmen, glaubt Motté.

Noch härter urteilt der englische Literaturwissenschaftler und Autor David Lodge, als er behauptete: Viele der jüngeren Autoren schrieben in Ich-Form und blieben mit ihren Texten an der Oberfläche der Wirklichkeit. Sie schauten nicht ins Innenleben ihrer Figuren. Sie seien der Gegenwart existentialistisch verhaftet, ohne emotionale Tiefen, ohne Verbindung mit der Vergangenheit und ohne Zukunftssorgen. "Sie schildern ein unbeeindrucktes oberflächliches Lebens. Die Ideologien sind eingegangen, die Religion ist tot. Die Welt des Westens ist heute eher profan. Wir haben neue Tendenzen zum Aberglauben, aber keine Religiosität mehr. Wir erleben den totalen Mangel an Transzendenz. In Europa sind wir uns darüber einig, was wir wollen: ein gutes, erfreuliches Leben mit allen Dingen, die dazugehören. Dies hat vielleicht auch die moderne, eher an der Oberfläche bleibende Art von Fiktion hervorgerufen. Das Leben in diesen Romanen ist banal, weil das moderne Leben banal ist. Unsere arbeits- und kaufwütige Spaßgesellschaft hat einen drastischen Verlust an Tiefe erlitten."

Ähnlich klingt es bei dem amerikanischen Schriftsteller E.L.Doctorow. In einem, in der Wochenzeitung "Die Zeit" am 17.9.2001 veröffentlichten Interview sagte er: "Wir haben das Thema Religion sehr stark tabuisiert - wenn Sie heute in New York oder Köln zu einem Abendessen bei Freunden eingeladen sind, wird da niemand über Gott sprechen. Selbst wenn Sie die anderen Gäste mit der Frage konfrontieren, ob Sie gläubig sind, werden Sie bestenfalls ein verschämtes Ja oder Nein zur Antwort erhalten. Es gibt heute keine wirkliche Verbindung mehr zwischen Wissenschaft und Religion, lediglich noch eine Sehnsucht der Wissenschaft nach einem religiösen Kontext, den sie aber nur um den Preis ihrer Selbstaufgabe konstruieren kann. An unseren Kosmologen lässt sich das sehr schön beobachten. Mir schien es ein angemessenes Thema für einen Romancier, sich mit diesem Sachverhalt auseinander zu setzen."


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