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Islamische Literatur

Eine ausgesprochen positive Rolle kommt der Religion - in diesem Falle der moslemischen Religion - in Jehan Sadats "Ich bin eine Frau aus Ägypten" zu.

Jehan Sadat, die Frau des 1981 ermordeten ägyptischen Staatspräsidenten Anwar el-Sadat, schildert, offen und spannend, ihr privates Leben und ihren "öffentlichen Werdengang", ihre Kindheit und Jugend in einem gleichermaßen islamisch wie westlich geprägten Elternhaus, ihre Heirat und ihre Ehe mit Sadat, seine Vorstellungen und Taten, aber auch ihre eigenen Aktivitäten als First Lady und ihr sozialpolitisches Engagement.

Jehan Sadats Bericht beginnt mit dem Attentat auf ihren Mann am 6.Oktober 1981, mit ihren letzten Erinnerungen an ihn, "wie er im Bad vor dem Spiegel steht und sich rasiert". Es werden Aufnahmen mit ihm und den Enkelkindern im Garten gemacht. Keiner ahnt, dass in wenigen Stunden weder Sadat noch der Fotograf mehr am Leben sein werden.

"Gott muss Anwar diesen letzten glücklichen Moment auf Erden bewusst geschenkt haben", schreibt sie.

Nach dem Tod Sadats wird noch im Operationssaal das traditionelle Moslemgebet für die Toten gesprochen: "Allah gehören wir, und zu ihm müssen wir zurückkehren. Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist Sein Prophet." (Der letzte Satz kommt häufig vor, er gehört zum Glaubensbekenntnis.) Am Spätnachmittag erscheint ein Zitat aus dem Koran auf dem Bildschirm: "Nichts wird uns geschehen, es sei denn, Allah habe es so bestimmt. Er ist unser Beschützer. In Allah mögen die Gläubigen ihr Vertrauen setzen."

Sadat war in den letzten Jahren sehr religiös geworden, fast zum Mystiker, hatte gefastet, auch wenn es gar nicht nötig war, und hatte mehr als die erforderlichen fünf Gebete gesprochen. Seine Seele werde mit Sicherheit in den Himmel einziehen, erklärt Jehan ihrem Sohn Gamal, "und mit der höchsten spirituellen Ehre belohnt werden: das Antlitz Allahs zu schauen." Doch weiß Jehan auch: "Schuld am Tod meines Mannes waren Nachlässigkeit und Sorglosigkeit."

Bei allem, was der Ägypterin begegnet, glaubt sie, dass Gutes wie Schlechtes, ausschließlich von Allah kommt. Niemand könne etwas an seinem Schicksal ändern, das Allah für uns vorbestimmt hat. Aber "Allah hilft nicht immer jenen, die sich nicht selbst helfen...es reicht nicht", sagt Jehan einmal zu ihrem Mann, "einfach zu sagen, Allah ist mit mir."

Frau Sadat hat im Grunde eine vernünftige Einstellung. Sie dankt Gott oder Allah für das Gute, das Versöhnliche im Leben, und wo ihr Negatives, Böses begegnet, sucht sie die Gründe dafür zunächst im menschlichen Tun und Trachten. Dafür gibt es meistens einsehbare, wenn auch nicht immer entschuldbare Gründe.

Wenn man nämlich Gott oder einer höheren Macht alles anlastet, auch das Negative, wie den Holocaust - für uns das Böse schlechthin -, macht man es sich zu leicht, dann enthebt man sich der Mühe nachzuforschen und sich zu fragen: Wo hat der Mensch versagt? Wo ist der Mensch schuldig geworden? Wofür trägt er die Verantwortung? Denn der Mensch ist nicht nur ein passiver Spielball in den Händen Gottes.

"Gott, gib uns die Gnade, mit Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die sich nicht ändern lassen, den Mut, Dinge zu ändern, die geändert werden sollten, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden", betete im Jahr 1943 der amerikanische Theologe deutscher Herkunft Reinhold Niebuhr (1892-1971). Ähnlich ist auch die Einstellung von Jehan Sadat. Was indessen an ihrem Bericht auffällt und ihn von westeuropäischen Romanen unterscheidet, in denen religiöse Spuren auszumachen sind, ist: dass hier an der Religion ohne Wenn und Aber festgehalten wird. Offensichtlich gibt es für Frau Sadat kein Hadern mit Gott, keine Zweifel, keinen Unglauben. Kurzum: Jehan Sadat bekundet eine Festigkeit im Glauben, die bei uns selten geworden ist.


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