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Nietzsche verstand sich von Anfang an als Diagnostiker

seiner Zeit, er erblickte die "Heraufkunft des Nihilismus". Er selbst, dem sich aufgrund seiner Krankheit und Labilität die Dunkelheiten der künftigen Welt schneller und tiefer erschlossen haben als seinen Zeitgenossen, hat mit seiner Diagnose der Gegenwart als einer krankhaften Scheinwelt, aus der sich der Erkennende nicht befreien könne, fraglos einer neuen Epoche der Reflexion sowie der modernen Kulturkritik den Weg geebnet.

Nietzsche diagnostizierte und prognostizierte, zunächst für Europa, ein Bewusstsein, das ohne „Glauben an den christlichen Gott“ auszukommen gedenkt. Hundert Jahre später hat der vorausgesagte Autoritäts- und Sinnverlust des biblisch-kirchlich tradierten Gottesglauben viele Menschen in Europa erreicht. Nietzsche ist also nicht am heutigen Zustand der Welt schuld, er ihn „nur“ vorausgesagt.

Nietzsche behauptet auch nicht, dass Gott durch ihn gestorben sei - Ernst Bertram hat unrecht, wenn er behauptet, dass Nietzsche der Mörder Gottes sei -, sondern er hat nur erkannt, so deutet Overbeck Nietzsches Aussage "Gott ist tot", dass Gott für viele Menschen gestorben sei, dass er für viele Menschen gar nicht mehr existiert. Das wichtigste Ereignis: Gott ist tot, sagt nicht, dass er nicht an Gott glaubt. Overbeck, der sich durch Nietzsches Kampf gegen das Christentum "an das Zerreißen der Ketten" erinnert fühlt, mit denen ein Sklave ehedem gefesselt war, gibt der These "Gott ist tot" eine andere Bedeutung als der Feststellung "Gott ist nicht".

Der Gottesglaube hat sich im Grund längst überlebt, es wird nur noch wider besseres Wissen an ihm festgehalten. Doch besteht gerade darin eine unerwartet große Schwierigkeit. Denn von nichts ist der Mensch so schwer abzubringen wie von seinen Vorurteilen. "Das größte neuere Ereignis - dass Gott tot ist -, dass der Glaube an den christlichen Gott unglaubwürdig geworden ist - beginnt bereits seine ersten Schatten über Europa zu werfen."

"Nietzsche hat gesagt, Gott ist tot, und das ist etwas anders als Gott ist nicht, das heißt, er kann nicht sein, ist nicht, wird nicht sein und ist nie gewesen! Vielmehr: Er ist gewesen! Und dies ist wenigstens der allen menschenmögliche Atheismus." (Overbeck).

Bei dem Satz "Gott ist tot" ist außerdem das Textumfeld zu beachten. Nietzsche spricht den Satz nicht selbst, sondern legt ihn ein dem "tollen Menschen", einem Narren in den Mund, der als Gottsucher auftritt und von der Menge verlacht wird. Dieser

glaubt, dass die Menschheit Gott nach und nach getötet habe.

"Wohin ist Gott? rief er(der tolle Mensch)ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, - ihr und ich! Wie alle sind seine Mörder. Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?"

(Fröhliche Wissenschaft)

Warum ist Gott gestorben? fragt Nietzsche weiter. Er ist gestorben durch das Christentum, denn dieses zerstörte alles, aus dem der Mensch vordem lebte, vor allem die tragische Wahrheit des Lebens der vorsokratischen Griechen. Das Christentum setzte dagegen lauter Fiktionen: Gott, moralische Weltordnung, Unsterblichkeit, Sünde, Gnade, Erlösung. Für das Christentum lag aller Halt und Wert in Fiktionen. Die zwei christlichen Jahrtausende, die hinter uns liegen, sind unser Verhängnis.

"Gott ist tot", das ist, nach Nietzsche, die Sprache der Religion, das Bild stammt aus den Evangelien. Auch Hegel hat vom Tod Gottes gesprochen. Nietzsche gibt dem Bild eine neue Bedeutung, er setzt voraus, dass Gott einmal gelebt hat,"wir haben ihn getötet", das ungeheure Ereignis ist noch nicht zu den Ohren der Menschen gedrungen. Mit solchen Sätzen versucht Nietzsche, der zeitgenössischen Kultur eine Diagnose zu stellen. Nietzsche erklärt den Tod Gottes, ganz im Sinne Feuerbachs als den Untergang des Glaubens an Gott, der Glaube an Gott ist unglaubwürdig geworden. Kaum jemandem ist bewusst, so Nietzsche, "was alles, nachdem der Glaube untergraben ist, nunmehr einfallen muss, weil es auf ihn gebaut ist, an ihn gelehnt, in ihn hineingewachsen war, zum Beispiel unsere ganze europäische Moral." Nietzsches Ausrufung vom Tod Gottes ist seine eigene innere Erfahrung.


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