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Werke, in denen sich Nietzsche mit dem Christentum auseinandersetzt

Der gern erst dem "Zarathustra" zugeschriebene Gedanke, dass Gott nur eine "Mutmaßung" sei und alle Götter tot seien, findet sich in seiner klassischen Formulierung schon in der "Fröhlichen Wissenschaft". Die Sprache der "Fröhlichen Wissenschaft" ist nicht nur durch souveränes Experimentieren mit Glaubensinhalten, mit der "Wahrheit", gekennzeichnet, sondern läßt in hypothetischer Rede bereits den Gedanken der ewigen Wiederkehr anklingen.

In "Fröhliche Wissenschaft" und in "Zarathustra", der laut Karl Löwith im Stil einer "antichristlichen Bergpredigt" gehalten ist, sozusagen eine Anti-Bergpredigt" ist, und mit "Der Antichrist" erreicht Nietzsches Auseinandersetzung mit dem Christentum ihren Höhepunkt.

Wenn es Nietzsche wirklich darum zu tun war, dem Dasein seinen herzzerbrechenden und grausamen Charakter zu nehmen, musste dieses Vakuum gefüllt werden. Das versuchte er mit seinem "Zarathustra", der seinen Schwerpunkt in der Verkündigung von Nietzsches Gegen-Evangelium hat.

Während die christlichen Evangelien das Selbstlob Gottes“ sind, schreibt Nietzsche sein antichristliches „fünftes Evangelium“, das ein Selbstlob ganz neuer Art ist. Doch gab es für ihn, schreibt Sloterdijk in seinem Buch“Über die Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches 'fünftes Evangelium“, keinen adäquaten Adressaten, weil seine Anforderung zu hoch waren. Nietzsches Evangelium verlangt Verzicht auf „lebensdienliche Illusionen“. Seine neue Heilslehre wendet sich gegen die "Hinterweltler", "die Verächter des Leibes", und "Prediger des Todes". Anstatt zur Keuschheit rät Zarathustra zur "Unschuld der Sinne", statt zur Nächstenliebe "zur Nächsten-Flucht" und zur Fernsten-Liebe". "Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf."

Gegen den Jenseitsglauben richtet Zarathustra den Appell: "Bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind sie, ob sie es wissen oder nicht." Der menschliche Selbstwille begehrt gegen Gott auf, so dass sich alles in die Alternative zuspitzt: "Er oder ich. Damit hat sich schon der Ring von Nietzsches antireligiöser Entwicklung, die mit dem jähen Verlust des Kindheitsglaubens einsetzte, geschlossen.

Im "Zarathustra" taucht die Idee des Übermenschen auf und der Gedanke der ewigen Wiederkehr. Alles wird durch Gleichnisse verschlüsselt und wirkt wie ein religiöser Traktat. Nietzsche hat ihn selbst einmal als sein fünftes Evangelium bezeichnet. Das Werk ist als Gegenreligion gedacht. Es lebt von Anspielungen auf das christliche Dogma und verkündet dithyrambisch eine neue dionysische Philosophie.

"Wie würdest du dich verhalten, wird hier gefragt, wenn ein Dämon dich aufforderte, die Perspektive der ewigen Wiederkehr in Erwägung zu ziehen?" Damit stellt sich die Frage: "Was ergibt sich, wenn ich diesen Gedanken akzeptiere? Wird er mich umbringen oder aufrichten?" Wer das Leben bejaht, meint Kaulbach mit Nietzsche, den wird der Gedanke nicht schrecken. Entspricht diese Perspektive doch dem Sinnbedürfnis eines freien Geistes und bedeutet zugleich liebende Zustimmung - amor fati - zum ewigen Kreislauf des Seins, mag er auch noch so schwer zu ertragen sein. Wer dem Gedanken der ewigen Wiederkehr zustimmt, macht sich sein Dasein nicht gerade leicht, weil er die leidvollen Augenblicke widerspruchslos annimmt und sie darüber hinaus in ihrer unendlicher Wiederkehr bejaht. Diese Haltung bekundet Unabhängigkeit von der Sinngebung durch das Sein, ist dionysisches Jasagen zur Welt, zum Leben auch in seinen härtesten Formen, und darf auf keinen Fall mit einem "braven Ausharren" in den Wechselfällen des Lebens verwechselt werden. Nietzsche hat allerdings auch keiner Spaß-Gesellschaft das Wort geredet noch hätte er für Lebensverlängerung plädiert, es ging ihm darum das Jetzt, den Augenblick mit all seinen und den eigenen Möglichkeiten zu nutzen.

Nietzsche hat im Leiden einen notwendigen Bestandteil des Wegs zum höchsten Glück gesehen und war der Ansicht, ohne Leiden könne man nicht zum Glück gelangen. "Lust und Schmerz sind Zwillinge und mit dem Glücke Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne."

Volker Gerhardt merkt hierzu an:"Im biblischen Verkündigungsstil werden der "Übermensch" und der "Wille zur Macht" gelehrt; der Gedanke der "ewigen Wiederkehr des Gleichen" wird wie eine religiöse Botschaft offenbart. Nietzsche versucht sich als Stifter eines neuen Glaubens."

Sein kategorischer Imperativ: Du sollst den Augenblick so leben, dass er dir ohne Grauen wiederkehren kann! Du sollst! „Da capo" rufen können! „Amor fati“ lautet seine Zauberformel.

Uns bleibt nichts anderes übrig, so Nietzsche, als die tragische Bejahung der ewigen Wiederkehr des Gleichen, eines ewigen Werdens ohne Finalität und Fortschritt. Eine jenseitige und angeblich wahre Welt sei nur von Theologen aus der Not heraus dazu erfunden worden. Die Notwendigkeit erkennen und sich ihr fügen, das eben machen, nach Nietzsche, Würde, Geist und Größe des Menschen aus. Erst die Leidensfähigkeit ist Kriterium der Lebensfähigkeit. Nietzsches Prosa, so schrieb Jacob Burckhardt, "eigne der religiöse Accent des Apostels" und Lou Salomé nennt in ihrem Lebensrückblick Nietzsche einen "Gottsucher".

Belustigt zitiert Nietzsche den Jesusspruch in Luthers Übersetzung:“So ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in das Himmelreich“, um hinzuzufügen:“aber wir wollen auch gar nicht in das Himmelreich: Männer sind wir geworden – so wollen wir das Erdenreich. 'Lieber Gott' sagen wäre das Letzte für Zarathustra. Es wäre Rückkehr in kindliche Naivität, dem Starken verwerflich, dem Kritiker verachtenswert, undenkbar dem Übermenschen.“

In der "Götzen-Dämmerung" geht es ihm wiederum darum, das Christentum von seinen geistesgeschichtlichen Voraussetzungen und Auswirkungen her zu widerlegen. Im "Antichrist" holt der Philosoph zum endgültigen Vernichtungsschlag aus. Hier läßt er seiner Aggressivität vollen Lauf. Die alten Einwände werden wiederholt, doch der Ton ist polemischer geworden. Aber es brechen auch harmonisierende Akkorde in jener mystischen und romantischen Tonart auf, die für Nietzsches ganze Herkunft bezeichnend sind: "Das 'Himmelreich' ist ein Zustand des Herzens - nicht etwas, das über der Erde steht oder nach dem Tode kommt. Der ganze Begriff des natürliches Todes fehlt im Evangelium. Das Reich Gottes ist nichts, das man erwartet, es hat kein Gestern und kein Übermorgen, es kommt nicht in tausend Jahren - es ist eine Erfahrung an einem Herzen; es ist überall da, es ist nirgends da.."

Wer dergleichen Gedanken herausbricht und Nietzsche zum Typus des modernen gottnahen Atheisten erklärt, darf nicht den Gesamttenor seiner Äußerungen über das Christentum darüber vernachlässigen. Nietzsches Immoralismus bleibt bis zum Ende im äußersten Gegensatz zu christlichen Vorstellungen. Im "Antichrist" bezeichnet es Nietzsche, nebenbei bemerkt, als einen Mangel an Anstand und Achtung vor sich selbst, dass der Kaiser, Bismarck und ihre Generäle - Antichristen der Tat durch und durch - sich öffentlich als Christen bekennen.


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