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Italienreise und Begegnung mit dem Katholizismus

Obgleich in einer lutherischen Umgebung aufgewachsen, hatte Goethe von Jugend an eine gewisse Möglichkeit, etwas über die katholische Kirche zu erfahren durch die Vielseitigkeit der väterlichen Bibliothek. Auch war er mit Katholiken schon nach seiner Straßburger Zeit in Frankfurt in Berührung gekommen, zum Beispiel mit dem Stiftsdechanten Damian du Meiz und Maximiliane Brentano geborene La Roche. Von ihnen ließ er sich manches von ihrer Kirche und kirchlichen Gebräuchen erklären. Sein Brief des "Pastors zu ***" zeigt Achtung vor der katholischen Sakramentenlehre. In Weimar war er der alten Kirche fern (außer gelegentlichen Beziehungen zu Erfurt), mitunter aber äußerte er sich interessiert, so am 26.7.1782 an Johannes von Müller anlässlich dessen Buches "Reisen der Päpste".

Zudem hatte er bereits die Kaiserkrönung 1764 im Frankfurter Römer als beeindruckende religiöse Feier im Gegensatz zu der bilderlosen, sinnenfeindlichen Haltung des Protestantismus empfunden. Auch zeigt der "Götz", dass sein Verfasser die katholische Welt schon recht gut kannte. Bruder Martins Klage über das Ordensleben stellt ein frühes kritisches Zeugnis dar.

Doch erst die Begegnung mit dem Katholizismus während der Italienreise - 1786 fuhr Goethe zum ersten Mal nach Italien - zeigte ihm die Fülle der katholischen Religion, in ihren Ritualen ebenso wie in ihrem Unsterblichkeitsglauben. Bereits in Regensburg begegnete er dem Jesuitenorden. Von Verona aus schreibt er über antike Grabreliefs: "Sie falten nicht die Hände zusammen, sie schauen nicht gen Himmel, sondern sie sind, was sie waren, sie stehen beisammen, nehmen Anteil aneinander, sie lieben sich" und in Vincenza notiert er am 23. September 1786 in sein Tagebuch: "Man müsste, wenn man hier leben wollte, gleich katholisch werden, um teil an der Existenz der Menschen nehmen zu können". Goethe bekennt, dass er sich "bei katholischen Naturen besonders wohl gefühlt" habe.

In Italien wird seine Religionsauffassung sowohl durch die Begegnung mit dem Katholizismus als auch durch weitere Einsichten in die antike Mythologie vertieft. Denn sein Besuch in Italien schenkte ihm sowohl die überwältigende Präsenz der Antike als auch die Begegnung mit dem "Alltags-Genius" italienischen Volkslebens. Auf seiner Italienreise fühlte er sich mitunter zu sehr von Katholiken umgeben und meinte, dass "ein unförmiges, ja barockes Heidentum" auf ihm laste. Dann wieder pries er "Geschmack und Würde päpstlicher Zeremonien" in Sankt Peter und verfolgte mit Ergriffenheit die Gesänge der Karfreitagsliturgie. Hinterher meinte er: "Ich hätte in dieser Stunde ein Kind oder Gläubiger sein mögen."

Doch neigte er dem katholischen Glauben keineswegs voll und ganz zu, vielmehr gebrauchte er ihn als Mittel, um den ihm fremden Menschen nahe zu kommen, also zur Erweiterung seines Welt- und Menschenbildes. Er hat "überall das Gute zu finden und zu schätzen gewusst", heißt es nicht von ungefähr in "Wilhelm Meisters Wanderjahren". Sein unglaublicher Erkenntnis- und Erfahrungshunger und seine von Merck, Schiller, Lavater und Humboldt bewunderten Augen ließen ihn auch die sinnenfromme "Herrlichkeit" katholischer Ausdrucksformen verstehen. Seine Sehkraft verhalf ihm in Italien zu vielen Zeichnungen, und wenn er später auch einen spezifischen Abscheu gegen die Nazarenerkunst entwickelte, so wuchs ihm im Laufe der Jahre doch ein ehrfürchtiger Sinn für bedeutende Zeugnisse christlich inspirierter Malerei und Baukunst zu. "..himmlische Schönheit, die Mittlerin zwischen Göttern und Menschen", hatte er schon 1773 über die deutsche Baukunst geschrieben. Goethe war wohl überzeugt, dass Gott sich auch und vor allem in der Kunst verberge und offenbare, aber ausgesprochene christliche Kunst als Ausdruck christlichen Glaubens war ihm unerträglich, und wo ihm der Katholizismus in barocker Überladung und kindlichem Aberglauben begegnete, verachtete er ihn als menschliche Geschmacklosigkeit von seinem rein ästhetischen Standpunkt aus. Nur die Renaissance fand mit Raffael und den Bauten Palladios noch Gnade vor seinen strengen Blicken und seinem Empfinden, während die Peterskirche und Michelangelo ihm nur widerwillige Bewunderung abzwangen. In genialer Einseitigkeit sah er an den klassischen Zeugen des Katholizismus vorbei und machte sich aus dem Vulgärkatholizismus einen Popanz, den er dann zu Recht verspotten konnte. Ferner übte Goethe Kritik am katholischen Wunderglauben und den ihm letztlich doch fremd gebliebenen Ritualen der katholischen Kirche. In seinem Bericht von Bologna beginnt er eine Philippika gegen die "Märtyrer", der sich reservierte Bemerkungen gegen den römisch-katholischen Kultus in Assisi und Rom anschließen sowie die Heiligenvita des Filippo Neri und Jahre später die Polemik der Venezianischen Epigramme gegen die Kreuzestheologie.

Nach Lutherart ärgerte er sich über das "Babel Rom", das, wie er 42 Jahre nach seinem Italienaufenthalt schrieb, "mit Christus nichts zu tun" habe, den man, käme er zurück, "auch zum zweiten Male kreuzigen würde". In Italien steigerte sich seine Ablehnung von Außerweltlichkeit, Engherzigkeit und Sinnenfeindlichkeit des Christentums bis hin zum Vorwurf von Täuschung, Irrtum und lebensfeindlichem Aberglauben. Auf der anderen Seite haben Goethes Einfühlung in Sakrament und Symbol, sein tief verwurzelter Respekt vor dem "Unerforschlichen" und den Schranken menschlichen Vernunft gerade katholische Philosophen und Theologen sehr beeindruckt.

Zwei Jesuitenbücher und einige andere zum Thema "Goethe und der Katholizismus" seien in diesem Zusammenhang kurz erwähnt.

Der Jesuit P.Friedrich Muckermann schaut in seiner Goethe-Biographie mit Ehrfurcht auf seinen Helden und sieht in ihm den naturhaft katholischen Menschen, der leider nie erfahren habe, was eigentlich wahrhaft katholisch ist. Denn sonst wäre er katholisch geworden. Ein anderer Interpret meinte, dass Goethe oft unbewusst aus seiner gesunden und optimistischen Art heraus, die katholische Lehre vertreten habe, weil diese dem Menschen auch nach dem Sündenfall noch die Kraft zuschreibt, an seinem Heile mitzuarbeiten und Natürlich-Gutes zu tun. Zu diesen Interpreten gehörte auch die aus Deutschland stammende und unter dem Hitler-Regime nach England geflüchtete Literaturwissenschaftlerin Ilse Graham.

Andere urteilen über dieses Thema sachlicher, ruhiger und zurückhaltender. Hans Urs von Balthasar bemerkt, dass Goethe den "Weg zum Gebet nicht gefunden" habe. "Die christliche Antike Hölderlins kennt das Gebet - die ehrfürchtige Antike Goethes geht mit dem Herrn der Schöpfung nicht betend um." Paul Claudel hat Goethe sogar einen "erhabenen Esel" genannt. Damit hat er es sich gewiss etwas zu einfach gemacht. Diese Äußerung hat Claudel 1926 seine Berufung zum französischen Botschafter in Berlin gekostet.

Auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes um 1879 erschien die mehrbändige Goethedarstellung des Jesuiten Alexander Baumgartner, der Goethe als Exponenten der antikirchlichen modernen Kultur vernichten wollte, indem er dessen Leben als unsittlich entlarvte und dessen Kunst in ihrem Wert herabsetzte. Er machte so energisch Front gegen den neuen ersatzreligiösen Goethekults und prangerte die 'heidnischen Züge' des Antichristen Weimarers so heftig an, dass Ludwig Geiger sich sich als Angehöriger des jüdischen Glaubens aufgefordert fühlte, gegenüber den "Pfaffen" (wie er sie nannte) eine Verteidigerrolle zu übernehmen. In Josef Nadlers völkischem Goethebild kreuzten sich dagegen alte katholische Vorbehalte.

Christliche Goethekritik, katholischer wie lutherischer Provenienz, gehörte als Konstante zur Goetherezeption seit die Leipziger Theologische Fakultät im Jahr 1775 den "Werther" als eine Apologie des Selbstmords zu verbieten beantragte hatte. (Lessing und Schiller blieben übrigens ebenso wenig während des 19.Jahrhunderts von notorischer kirchlicher Kritik verschont.)

"Die im 'Werther' vollzogene Loslösung der Literatur vom bisher nährenden Mutterboden der Moral sowie Goethes scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber dem sozialen Problem des Selbstmordes beschäftigte naturgemäß vor allem die geistlichen Leser. 'Ewiger Gott', zürnte Pastor Goeze gleich nach dem Erscheinen des Romans. 'Wer hätte von uns vor zwanzig Jahren denken können, dass wir Zeiten erleben würden, in welchen mitten in der evangelisch-lutherischen Kirche Apologien für den Selbstmord erscheinen, und in öffentlichen Zeitungen angepriesen werden dürften?' Sein Kollege Johann R.Piderit hängte sich gleichfalls den Gottvaterbart um und fragte in einem Sendschreiben an die Geistlichkeit von Hessen-Kassel: 'Welcher Jüngling kann eine solche verfluchtenswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurück zu behalten, welches gewiss zu seiner Zeit aufbrechen wird? Und keine Censur hindert den Druck solcher Lockspeisen des Satans.'" (Leppmann S.33/34)

Für katholische Goetheforscher war oder ist gerade der "Faust" ein wichtiger Prüfstein und für manche sogar ein Stein des Anstoßes. Für andere wiederum ist der Faust das Lebenswerk eines Säkularmenschen, das die Ernte eines ganzen ungeheuren Lebenstages in sich birgt.

Wie soll sich der Katholik zum Faust stellen? Das haben sich viele katholische Goethe-Experten gefragt und darauf einander widersprechende Antworten gegeben, die sich zwischen den äußersten Pole bewegen. Für die einen gehört der Faust auf den "Index", für andere ist er ein "katholisches Kunstwerk". Beides sei Unsinn, erklärt kategorisch Wilhelm Kahle. Eine gerechte Würdigung sei nicht leicht und mancherlei Deutungen seien möglich. Gehe man jedoch von der Annahme aus, dass Gedanken und Gestalten des Christentums, wie sie im Prolog, im Himmel und am Schluss vorkommen und die wie Mephisto durch die Dichtung gehen, nun auch nach dem Willen Goethes im Sinne des christlichen Glaubens zu verstehen seien, dann mache man sich die Arbeit zu leicht. Dem Christen vertraute Gestalten, Wendungen und Situationen bewiesen nämlich gar nichts. Sie seien lediglich bekannte Rahmen für neuartige Gehalte, alte Schläuche für neue Weine, bewährte Requisiten für die Versinnlichung hoher Wahrheiten und geheimnisvoller seelischer Vorgänge. Ihr ursprünglich christlicher Sinn sei nämlich völlig säkularisiert worden.

Die einzige echt christliche Figur sei die Sünderin Gretchen. Nicht nur äußerlich betätige sie ihre Frömmigkeit in Kirchgang, Beichte, Gebet am Marienbild. Sie sei auch vom christlichen Glauben durchdrungen. Sie spüre das Böse im Begleiter des Faust und möchte den Geliebten auch als Christen wissen. Die Kerkerszene zeige indes, dass beide in zwei verschiedenen Welten wohnen.

In verschiedenen Welten leben aber auch Faust und sein Begleiter. Ihre unterschiedliche Sicht, ihr Dualismus beruht auf einer perspektivischen Differenz. Beide haben dasselbe Sein vor Augen. Aber sie sehen es jeweils von einer anderen Seite. Faust sieht den Sinn des Universums, "der Weisheit letzter Schluss" darin, dass es uns zu einem immer strebenden Bemühen auffordert, das nirgendwo zur Ruhe und zum Ziel gelangt. Die mephistophelische Perspektive dagegen lässt das "ewige " Weiterschreiten, in dem Faust Qual und Glück zugleich findet, als sinnlose Zirkelbewegung erscheinen.

Doch ein Hinweis zu "Goethe und der Katholizismus" sei zum Schluss dieses Kapitels noch kurz gestattet, dass nämlich Goethe nicht nur in Rom auf das gestoßen ist, was er "den Genius des äußeren katholischen Gottesdienstes" nannte. Der Katholizismus begegnete ihm auch vor und nach seiner Italienreise gelegentlich in Deutschland an verschiedenen Orten, in Weimar, Bingen, Münster und Köln, beim Anblick von Kirchenkunst und Marienverehrung, beim Fürstenprimas der Rheinlande, Carl Theodor von Dalberg, bei Amalia Fürstin von Gallitzin, bei Sulpiz und Melchior Boisserée, Ferdinand Franz Wallraf und Joseph Görres. Insbesondere bringt ihn 1792 sein Besuch in Münster einem gebildeten katholischen Kreise nahe, der nicht so stark aufklärerisch bestimmt ist wie der Karl Theodor von Dalbergs in Erfurt. Hier spürt er, dass die Kirche nicht etwas Mittelalterliches sei, das äußerlich noch da ist, sondern etwas Gegenwärtiges und Zukünftiges.(Erich Trunz) Er sieht, dass nicht nur die unteren Stände fest in ihr stehen, sondern auch Gebildete.


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