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Wetzlar - Pluralismus-Toleranz

Ende Mai 1772 begann Goethe auf Wunsch seines Vaters eine Hospitanz am Wetzlarer Reichskammergericht, um seine juristischen Kenntnisse zu erweitern. Hier lernte er Johann Christian Kestner und dessen Verlobte Charlotte Buff kennen, mit denen Goethe am 10. September 1772 ein Gespräch über die Unsterblichkeit des Menschen führte. Die Liebe zu Charlotte und der Selbstmord des gleichzeitig in Wetzlar hospitierenden Karl Wilhelm Jerusalem, Sohn eines Braunschweiger Hofpredigers, haben den angehenden Dichter zu seinem Drama "Die Leiden des junge Werther" inspiriert, der 1774 erschien und seinen Verfasser über Nacht berühmt machte. Johann Georg Christian Kestner berichtet über Goethe am 18.November 1772 an A.v.Hennings: "Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner. - Vor der christlichen Religion hat er Hochachtung, nicht aber in der Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen. ..Er strebt nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben als von ihrer Demonstration."

In Wetzlar und durch die Begegnung mit Charlotte Buff erlebte Goethe eine Art Sakralisierung der Liebe. "Die Geliebte ist wie das Genie eine Offenbarung Gottes", bekannt er.

Die Befreiung von den Zwängen seiner Kindheit und die Abkehr auch von neueren theologischen Systemen findet ihren starken Ausdruck in den frühen Dramen, "Götz" und "Stella". In "Götz von Berlichingen" vertritt der Dichter eine religionskritische Haltung, eine Art Befreiungstheologie. "Himmlische Luft! Freiheit! Freiheit!" lässt er Götz vor seinem Tod ausrufen, ganz im Sinne seines Ausspruchs: "Was vom Christentum gilt, gilt von den Stoikern, freien Menschen ziemt es nicht, Christ oder Stoiker zu sein."

"In kraftvoller Sprache und mit sicherem Blick für dramatische Wirkungen abgefasst, enthielt das Stück überdies manchen kaleidoskopischen Seitenblick ins deutsche Leben der Lutherzeit." (Leppmann S.27)

Unübersehbar ist Goethes Tendenz zur Selbstilisierung in der Titanisierung und Dämonisierung der eigenen Existenz, mit der er die überlieferte Religion überwinden zu können glaubte. Die Genieperiode hat auch eine starke religiöse Seite. Die 'eigene Religion' erschien nun in einer neuen Gestalt.

Schon bald erklärte er Pluralismus und Toleranz zu wahren Zielen. Das schönste und wichtigste Zeugnis aus dieser religiösen Phase Goethes ist zweifellos das anonym erschienene kleine Werk "Brief des Pastors zu ***an den neuen Pastor zu***", der 1772 in der Terminologie der Brüdergemeinde unter der Maske eines Landgeistlichen an einen neuen Amtsbruder abgefasst wurde und den berühmt gewordenen Ausruf enthält: "Welche Wonne ist es zu denken, dass der Türke, der mich für einen Hund, und der Jude, der mich für ein Schwein hält, sich einst freuen werden, meine Brüder zu sein." In dem Brief äußert Goethe seine Gedanken zu den theologischen Strömungen des 18.Jahrhunderts und erläutert seine Haltung gegenüber der christlichen Kirche. Dabei greift er auf seine frühe Lektüre von Gottfried Arnolds Kirchen- und Ketzerhistoire zurück, in der behauptet worden war, dass das Christentum sich im Lauf seiner Geschichte mehr und mehr von seinem spirituellen Ursprung entfernt habe und verweltlicht, ja verfälscht worden sei. Zugleich wirbt Goethe für Nachsicht, Verständigung, warme Herzensfrömmigkeit, und bekennt sich - sechs Jahre vor Lessing - zu einer von der Liebe zu Gott und den Menschen getragenen Toleranz. Auch die Fragwürdigkeit dogmatischer Festlegungen wird hier deutlich gemacht: "Wie könnte ich böse sein, dass ein anderer nicht empfinden kann wie ich:"Denn wenn man's beim Lichte besieht, so hat jeder seine eigene Religion." - "Einem Meinungen aufzuzwingen, ist schon grausam, aber von einem verlangen, er müsse empfinden, was er nicht empfinden kann, das ist tyrannischer Unsinn." - "Eine Hierarchie ist ganz und gar wider den Begriff einer echten Kirche." - "Die christliche Religion in ein Glaubensbekenntnis bringen, o, ihr guten Leute!" - "Wer Jesum einen Herrn heißt, der sei uns willkommen, können die andre auf ihre eigne Hand leben und sterben, wohl bekomme es ihnen."

Hier mischen sich Toleranzideen des Aufklärungsjahrhunderts, die dezidierte Christen nicht gern hörten, mit persönlichen Erfahrungen. Goethe hatte längst die Gewissheit gewonnen, dass das einzelne Subjekt teil hat am Göttlichen und nicht an kodifizierte Wahrheiten mit Absolutheitsansprüchen gebunden ist. Es darf seine eigene Wahrheit suchen.

Ich hatte mir "die Terminologie dieser Lehre(des Luthertums) so ziemlich zu eigen gemacht, und bediente mich derselben in einem Briefe, den ich unter der Maske eines Landgeistlichen an einen neuen Amtsbruder zu erlassen beliebte. Das Hauptthema desselbigen Schreibens war jedoch die Losung der damaligen Zeit, sie hieß Toleranz, und galt unter den besseren Köpfen und Geistern", schreibt Goethe in seinen Erinnerungen.

Der Brief lässt deutlich erkennen: Goethe hatte keine Sympathie für einen im allgemein gültigen Bekenntnis fest geschriebenen Glauben, aber sehr wohl das religiöse Bedürfnis nach Erkenntnis, Schau, Gefühl eines umfassenden Lebenssinns, dem das Prädikat göttlich nicht verweigert wird. Auch hier zeigt sich Goethes Abwehr dogmatischer Bevormundung durch kirchliche Instanzen bei gleichzeitiger Offenheit für die Vielfalt religiöser Empfindungen.

Eine andere Schrift aus dieser Zeit: "Zwo wichtige bisher unerörterte biblische Fragen, beantwortet von einem Landgeistlichen in Schwaben" mit fiktiver Ortsangabe und gleichfalls anonym erschienen, versucht, den gewonnenen Freiraum des Glaubens, den individuellen Religionsanspruch gegen die etablierte Kirche zu verteidigen, wobei es auch um die Fragen geht: "Was stand auf den Tafeln des Bunds?" und: "Was heißt mit Zungen reden? Vom Geist erfüllt, in der Sprache des Geistes, des Geistes Geheimnisse verkündigen."

Die beiden "theologischen Schriften" sind streng genommen, meint Hans Barner, "kein Zeugnis einer theologisch-wissenschaftlichen Arbeit Goethes, aber doch ein Zeichen für sein Interesse und seine Beschäftigung mit theologischen und kirchlichen Fragen. Goethe darf auf diese Schriften hin zwar nicht als Theologe, aber ohne Einschränkung als theologischer Schriftsteller angesprochen werden."

Diese Schriften seien "nicht nur ernst zu nehmende Zeugnisse der Religiosität des jungen Goethe, sondern auch der Religion Goethes überhaupt. Sie haben ein Anrecht darauf, bei der Darstellung der Goetheschen Religion und insonderheit der des jungen Goethe als Quellen in Betracht gezogen zu werden, die in ihrem Wert nur Goethes Briefen nachstehen dürften."

Radikale Kritik an kirchlichen Institutionen und Sekten übt Goethe ebenfalls in dem 1774 entstandenen, Fragment gebliebenen Versepos vom "Ewigen Juden". Hier wird der Niedergang der christlichen Kirche und der Verfall der christlichen Lehre beklagt. Goethe lässt seine Kritik ausklingen in der Klage über die gesamte Christenheit, dass in ihr nichts vom "Licht" mehr zu sehen sei, das einst durch Jesus in der Welt entzündet wurde, dass das "Wehen des Geistes", der von Jesus in die Welt gebracht wurde, nicht mehr zu verspüren und echte "Zeugen" nicht mehr zu finden seien. Man könne das Werk, meint Conrady, auch als Religionssatire lesen. Wie viele Länder der wiedergekommene Heiland auch durchwandert, er wird nicht erkannt, und nirgends ist etwas vom wahren Geist des Christentums zu finden.

Kritik an Sekten übt Goethe übrigens auch in der Posse "Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern".

Mit der 1773 entstandenen Prometheus-Hymne erreicht Goethe einen weiteren neuen Abschnitt seiner "religiösen Biographie". Hier geht es um die Selbständigkeit des großen Individuums, das den Kampf mit den überlieferten Götterbildern aufnimmt und sich dem Schöpfer gleichsetzt. Diese Dichtung offenbart "einen in Goethes Seele mächtigen Drang nach Selbstbehauptung und Unabhängigkeit gegenüber Gott und Göttern", schreibt der Theologe Hans Barner.

"Hier sitz ich, forme Menschen /

Nach meinem Bilde, /

Ein Geschlecht, das mir gleich sei, /

Zu leiden, weinen, /

Genießen und zu freuen sich, /

Und dein nicht zu achten, /

Wie ich."

Diese Ode oder auch Hymne, in der so nachdrücklich selbstbewusste Schöpferkraft besungen wird, ist charakteristisch für die Geisteshaltung des "Sturm und Drang". "Ohne weiteres kann man dieses Gedicht", meint Conrady, "als Protest gegen die Vorstellung eines allmächtigen personifizierten Gottes lesen und ihm insofern Antichristliches nicht absprechen. Aber Prometheus versagt seine Anerkennung keineswegs höheren Mächten, die noch über Zeus stehen:'Die allmächtige Zeit/ Und das ewige Schicksal,/Meine Herrn und dein.' So richtet sich sein Trotz nicht gegen das Göttliche überhaupt. Er wendet sich gegen einen Gott, der seine Befugnisse überschreitet, despotisch wird und den Raum prometheischen Schaffens verengt. Das Göttliche aber ist der Willkür eines Gottes überlegen. Ihm weiß sich Prometheus verbunden."

Dieses Kraftgefühl, das sich den Göttern entgegensetzt und sich naturgleich weiß, beherrscht Goethe noch in den ersten Weimarer Jahren. Doch schon in seinem Gedicht "Ganymed", das Goethe später neben sein Gedicht "Prometheus" gestellt wissen wollte, klingt, laut Barner, wieder der Gottesglaube und die Gottesanschauung an, die Goethe in seinem "Mahomet" und "Werther" vertrat. Gott ist für Ganymed der allliebende und "allfreundliche Vater", der sich in der Natur offenbart und dem er mit heißer Inbrunst sich entgegen sehnt. Den Weg seiner frühen religiösen Entwicklung bringt Goethe in "Dichtung und Wahrheit" in eine historisch-systematische Abfolge. Aber lassen wir ihn selbst zu Worte kommen:

"Man hat im Verlaufe dieses biographischen Vortrags umständlich gesehn, wie das Kind, der Knabe, der Jüngling sich auf verschiedenen Wegen dem Übersinnlichen zu nähern gesucht, erst mit Neigung nach einer natürlichen Religion hingeblickt, dann mit Liebe sich an eine positive fest geschlossen, ferner durch Zusammenziehung in sich selbst seine eigenen Kräfte versucht und sich endlich dem allgemeinen Glauben freudig hingegeben. Als er in den Zwischenräumen dieser Regionen hin und wieder wanderte, suchte, sich umsah, begegnete ihm manches, was zu keiner von allen gehören mochte, und er glaubte mehr und mehr einzusehen, dass es besser sei den Gedanken von dem Ungeheuren, Unfasslichen abzuwenden. Er glaubte in der Natur, der belebten und unbelebten, der beseelten und unbeseelten etwas zu entdecken, das sich nur in Widersprüchen manifestierte und deshalb unter keinen Begriff, noch viel weniger unter ein Wort gefasst werden könnte.("Dichtung und Wahrheit" 1831)


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