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Straßburg (1770-1771)

Nach Überwindung seiner Krankheit ging Goethe nach Straßburg, wo er sein Jurastudium beendete. Die Mutter gab dem Studenten noch ein Losungsbüchlein der Herrnhuter Brüdergemeinde mit, in dem die Losung des ersten Straßburger Tages angestrichen war: "Mache den Raum deiner Hütte weit und breite aus die Teppiche deiner Wohnung, spare nicht! Dehne deine Seile lang und stecke deine Nägel fest!" (Jesaja 54,2) In Straßburg lernte Goethe den pietistischen Schriftsteller und Arzt Johann Heinrich Jung-Stilling kennen, den Autor Jakob Michael Reinhold Lenz, den Theologen Franz Christian Lersé und Zinzendorfs Nachfolger in Marienborn, August Gottlieb Spangenberg. Besonders folgenreich war die Begegnung mit Johann Gottfried Herder, den er später als Generalsuperintendenten nach Weimar holen sollte und von dem er eine Fülle religiöser und theologischer Anregungen empfing. Herder hielt Goethe zur Beschäftigung mit dem Koran an und vermittelte ihm eine historisch-kritische Betrachtung der Bibel, wobei diese nicht im Sinne göttlicher Offenbarung wie sie Lavater pflegte, verstanden wurde, sondern als historisch-religiöses Traditionswerk, das nicht in Glaubensdingen, wohl aber in historischen Aspekten der Kritik offen steht.

Nebenbei verkehrte Goethe viel im Pfarrhaus Brion in Sesenheim und verliebte sich in die Pfarrerstochter Friederike, der Muse seiner ersten großen Liebesgedichte. Die Liebe zu Friederike, Ausflüge ins Elsass, der Eindruck gotischer Baukunst am Straßburger Münster, das ihn zu einem Hymnus auf Erwin von Steinbach und die deutsche Baukunst anregte, sowie Gespräche mit den neu gewonnenen Freunden führten Goethe vollends aus dem pietistischen Dunkel der Frankfurter Rekonvaleszenzzeit heraus. Dies alles fand seinen literarischen Ausdruck in Liedern, Balladen und Aufsätzen.

Vor allem wirkte die Begegnung mit Johann Caspar Lavater, der zwar kein Pietist, aber ein bizarrer Christ war, auf den immer kritischer werdenden Straßburger Studenten Goethe als Provokation. Mit ihm beginnt er einen zehn Jahre währenden Briefwechsel, der sich in erster Linie um religiöse Fragen dreht.

In "Dichtung und Wahrheit" (14.Buch, 15 S.ff) charakterisiert Goethe Lavater wie folgt: "Der Begriff von der Menschheit, der sich in ihm (Lavater) und an seiner Menschheit herangebildet hatte, war so genau mit der Vorstellung verwandt, die er von Christo lebendig in sich trug, dass es ihm unbegreiflich schien, wie ein Mensch leben und atmen könne, ohne zugleich ein Christ zu sein. Mein Verhalten zu der christlichen Religion lag bloß in Sinn und Gemüt, und ich hatte von jener physischen Verwandtschaft, zu welcher Lavater sich hinneigte, nicht den mindesten Begriff. Ärgerlich war mir daher die heftige Zudringlichkeit eines so geist- als herzvollen Mannes, mit der er auf mich sowie auf Mendelssohn und andere losging und behauptete, man müsse entweder mit ihm ein Christ, ein Christ nach seiner Art werden, oder man müsse ihn zu sich hinüberziehen, man müsse ihn gleichfalls von demjenigen überzeugen, worin man seine Beruhigung finde. Diese Forderung, so unmittelbar dem liberalen Weltsinn, zu dem ich mich nach und nach bekannte, entgegen stehend, tat auf mich nicht die beste Wirkung. Alle Bekehrungsversuche, wenn sie nicht gelingen, machen denjenigen, den man zum Proselyten ausersah, verstockt und dieses war um so mehr mein Fall, als Lavater zuletzt mit dem harten Dilemma hervortrat: "Entweder Christ, oder Atheist." Ich erklärte darauf, dass, wenn er mir mein Christentum nicht lassen wollte, wie ich es bisher gehegt hätte, so könnte ich mich wohl zum Atheismus entschließen, zumal da ich sähe, dass niemand recht wisse, was beides eigentlich heißen solle."

Goethe fühlt sich von von Lavaters "ausschließlichen Intoleranz" abgestoßen und verkraftet nicht, dass dieser, obwohl "menschlich das toleranteste, schonendste Wesen", sich als "Lehrer einer auschließenden Religion" darstellt. Demgegenüber macht Goethe seine Ansprüche auf Vielfalt und Toleranz deutlich.

"Mein Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir. In unsers Vater Apotheke", schreibt Goethe in einem Brief vom 4.Oktober 1782 an Lavater, "sind viele Rezepte". Und: "Was sind die tausendfältigen Religionen anders als tausendfache Äußerungen dieser Heilungskraft," die ihnen innewohnt?

Am 8.Januar 1777 richtet Goethe an Lavater folgende Zeilen: "Dein Durst nach Christus hat mich gejammert. Du bist übler dran als wir Heiden, uns erscheinen doch in der Noth unsre Götter."

Schließlich äußert Goethe gegenüber Lavater den Satz, er, Goethe, sei "zwar kein Widerchrist, kein Unchrist, aber doch ein dezidierter Nichtchrist." Der Protest des jungen, nach geistiger Unabhängigkeit strebenden Genius gegen alle orthodoxe und pietistische Einengung wird gerade durch die missionarischen Tendenzen Lavaters, aber auch Jacobis ausgelöst.

"Du nennst das Evangelium die göttlichste Wahrheit? Mich würde eine vernehmliche Stimme aus dem Himmel nicht überzeugen, dass das Wasser brennt und das Feuer löscht und ein Weib ohne Mann gebärt und ein Toter aufersteht; vielmehr halte ich dies für Lästerungen gegen den großen Gott und seine Offenbarung in der Natur. In diesem Glauben ist es mir ebenso heftig ernst wie Dir in dem Deinem(Goethe an Lavater am 9.8.1782).

Doch bekennt Goethe in "Dichtung und Wahrheit" (14.Buch, S.16): "Dieses Hin- und Widerschreiben, so heftig es auch war, störte das gute Verhältnis nicht. Lavater hatte eine unglaubliche Geduld, Beharrlichkeit, Ausdauer."

Die kraftgenialische Selbstbezüglichkeit des beginnenden "Sturm und Drang" ("Das Genie ist der Gesalbte Gottes") ließ Goethe - nicht zuletzt durch Herder -noch weiter von der Orthodoxie und den pietistischen Ideen abrücken. Einen neuen Zugang zur Religion fand er ab 1773 aber auch durch den Pantheismus Baruch Spinozas, der Gott in der gesamten Natur manifestiert sah.

"Die allgemeine, die natürliche Religion bedarf eigentlich keines Glaubens, denn die Überzeugung, dass ein großes hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich uns fasslich zu machen, eine solche Überzeugung drängt sich einem jedem auf." ("Dichtung und Wahrheit" 1811)

"Darüber sind wir einig und waren es beim ersten Anblicke", schreibt er an Jacobi, "dass die Idee, die du von der Lehre des Spinoza gibst, derjenigen, die wir davon gefasst haben, um vieles näher rückt, als wir nach deinen mündlichen Äußerungen erwarten konnten, und ich glaube, wir würden im Gespräch völlig zusammenkommen. Du erkennst die höchste Realität an, welche der Grund des ganzen Spinozismus ist, worauf alles übrige ruht, woraus alles übrige fließt. Er beweist nicht das Dasein Gottes, das Dasein ist Gott. Und wenn ihn andere deshalb Atheum schelten, so möge ich ihn theissimum ia christianissimum nennen und preisen."

In "Dichtung und Wahrheit" rühmt Goethe Spinoza mit den Worten: "Die alles ausgleichende Ruhe Spinozas kontrastierte mit meinem alles aufregenden Streben.. und ..machte mich zu seinem leidenschaftlichen Schüler, zu seinem entschiedensten Verehrer."

Unter dem Einfluss Spinozas kehrt er wieder zu einer seinem Naturgefühl entsprechenden, dem Pantheismus verwandten Naturfrömmigkeit zurück, die sich am einfachsten und umfassendsten als Diesseits- oder Weltfrömmigkeit umschreiben lässt. Das bedeutet: Verehrung des ungreifbaren Höheren als Ordnungsmacht in der Schönheit der Welt, Einordnung in die Gesetze des Daseins oder Schicksals und eine tätig-nützliche mitmenschliche Lebensgestaltung im schöpferischen wie sittlichen Sinn bei weitgehendem Dahingestelltseinlassens der letzten Fragen und Umgehung religiöser Spekulationen um Jenseits, Unsterblichkeit und Seelenheil. Dabei entspricht es Goethes Zurückhaltung in Glaubensäußerungen, dass er alle Glaubensfragen eher stimmungshaft und stimmungsbedingt nur als Möglichkeiten erwägt und seinen literarischen Figuren eher auf deren Situation zugeschnittene Bekenntnisse und Entscheidungen unterlegt, die einen Rückschluss auf den Autor jedoch kaum rechtfertigen.

Der katholische Goethekenner Wilhelm Kahle weist darauf hin, dass viel verkappte Frömmigkeit in der Lyrik und Naturwissenschaft jener Zeit steckt, "besonders bei Goethe", gleichzeitig aber bedauert Kahle, dass eine geheime Konvention des Panentheismus sie nicht frei werden lässt "zum Preise des Schöpfers".

Tatsächlich stammen aus dieser Zeit unzählige Aussagen über Religion und Religionen aus Goethes Feder:

"Ich glaubte an Gott und die Natur und den Sieg des Edlen über das Schlechte; aber das war den frommen Seelen nicht genug; ich sollte auch glauben, dass Drei Eins sei und Eins Drei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, dass mir damit auch nur im mindesten wäre geholfen gewesen."

Die Thesen seiner Dissertation über die "Zehn Gebote", die Goethe an der Universität Straßburg 1772 zu verteidigen hatte, stellten alle Gelehrsamkeit auf den Kopf. Der Kritik, die Goethe an den Grundsätzen der Theologie und den Voraussetzungen der Kirche als Institution anbrachte, konnten sich die ehrwürdigen Lehrer nur erwehren, indem sie diese als Narretei abtaten. Goethe soll in dieser Arbeit die Ansicht vertreten haben, dass "Jesus nicht der Gründer unserer Religion sei, dass aber einige andere Weise sie unter seinem Namen gemacht hätten." Demnach sei die christliche Religion nichts anderes als eine "gesunde Politik". Goethe hatte in seiner Dissertation nur die Einführung des Christentums als "öffentliche Religion" im Auge, wozu er bemerkt haben will, dass die christliche Religion wie alle anderen "durch Heerführer, Könige und mächtige Männer eingeführt worden" sei.

Nachdem Goethes Dissertation über die Zehn Gebote abgelehnt worden war, setzte er mehrmals zu einer neuen Dissertation an und promovierte schließlich mit Mühe zum Lizentiaten der Rechte, das heißt seine Dissertation "De Legislatoribus" mit dem Untertitel "Recht und Verpflichtung des Staates, den kirchlichen Kultus zu bestimmen bei Freiheit des persönlichen Religionsbekenntnisses" wurde als akademische Leistung anerkannt, ihr Druck jedoch nicht gestattet.


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