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Vielschichtigkeit

Goethes Denken besaß in ihrer Vielschichtigkeit und in ihrem Geistesreichtum eine ozeanische Weite, die sicher größer war als die vieler anderer Geistesgrößen. Er hat nicht nur eine einzige Religion vor Augen gehabt, sondern die Vielfalt aller Religionen, die auf Gott und zugleich auf die Menschheit - auf das Divinum und das Humanum - ausgerichtet sind. Sein Humanismus wurzelt ebenso in der griechisch-römischen Klassik wie im Judentum und im Christentum. Ja, selbst fernöstliche Motive sind dem Verfasser des "Westöstlichen Divans" nicht fremd. Da gibt es weder Einlinigkeit noch sind eindeutig Brüche und Abbrüche auszumachen.

Am 6.Januar 1813 schreibt Goethe in einem Bekenntnis zur Fülle des Seins und zur Vieldimensionalität des religiösen Ich: "Ich für mich kann bei den mannigfachen Richtungen meines Wesens nicht an einer Denkweise genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als Naturforscher und eins so entschieden als das andere. Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlichkeit als sittlicher Mensch, so ist dafür auch schon gesorgt. Die himmlischen und irdischen Dinge sind ein so weites Reich, dass die Organe aller Wesen zusammen es nur erfassen mögen."

Goethe strebte danach, die religiöse Enge, in der er aufgewachsen war und die ihn immer umgab, durch eine umfassende lebensverbundene und Hoffnung kündende Weite zu sprengen. Das Gefühl von Größe und Freiheit war ihm wichtig. Daraus ergibt sich auch, dass er sich ungern festlegte, noch weniger, dass er sich festlegen ließ. Ob man ihn als Pantheist, Atheist oder Christ nennen wollte, galt ihm gleich viel, "weil niemand recht wisse, was das alles eigentlich heißen sollte".

Die lebenslange Beschäftigung mit der christlichen Religion, den Religionen der Welt und mit kontroversen theologischen Interpretationen zeigt sich nicht nur in seinem Werk, sie bestimmt auch Goethes Leben insgesamt. Seine Sprachmächtigkeit, seine Kunst und Ästhetik sind ohne die Auseinandersetzung mit dem Thema Religion nicht zu verstehen. Das erklärt auch, bei all seiner Ablehnung des orthodoxen Protestantismus, Goethes ausdrückliche Bewunderung der sprachgeschichtlichen Leistung Luthers.

Für Goethe, der mit den Entwicklungen der protestantischen Theologie schon früh wohl vertraut war, hatte der protestantische Gottesdienst jedoch "zu wenig Fülle und Consequenz, als dass er die Gemeinde zusammen halten könnte", und: ".. zu wenig Sacrament". Im Tagebuch vom 7.September 1807 notierte Goethe: "Der Protestantismus hält sich an die moralische Ausbildung des Individuums, also ist Tugend sein erstes und letztes, das auch in das irdische bürgerliche Leben eingreift. Gott tritt in den Hintergrund zurück, der Himmel ist leer und von Unsterblichkeit ist bloß problematisch die Rede." Dennoch hat er die geistesgeschichtliche Bedeutung des Protestantismus erkannt und ihn überkonfessionell gewürdigt: als Anregung, als Widerstand gegen Autoritäten, als Befreiungsversuch und als Aufklärung. Vor allem als Befreiung der Geister hat er ihn und Luther sehr geschätzt.

Das lutherische Bekenntnis wurde überdies in Goethes Elternhaus so ernst genommen, dass - als Goethe der Kindheit längst entwachsen war - seine Verlobung mit Lili Schönemann auch aus konfessionellen Gründen gescheitert sein soll. Lili war nicht etwa katholisch oder jüdisch, sondern evangelisch-reformiert. Vor allem Goethes Vater soll gegen diese Verbindung gewesen sein, denn aus den Kreisen der Reformierten, denen der ansonsten großzügige Kaiserliche Rat eine Kirche innerhalb der Stadt nicht zugestand, sollte die Frau seines Sohnes denn doch nicht kommen.

Dass Goethes Kunst und Ästhetik ohne Religion nicht denkbar sind, belegen seine zahlreichen Bemerkungen, die den Zusammenhang ansprechen. "Die Kunst ruht auf einer Art religiösem Sinn, auf einem tiefen unerschütterlichen Ernst, deswegen sie sich auch so gern mit der Religion vereinigt."(Reflexionen und Maximen)

"Die Religion", sagte Goethe in einem seiner Gespräche mit Eckermann, "steht in demselben Verhältnis zur Kunst, wie jedes andere höhere Lebensinteresse auch. Sie ist bloß als Stoff zu betrachten, der mit allen übrigen Lebensstoffen gleiche Rechte hat. Auch sind Glaube und Unglaube durchaus nicht diejenigen Organe, mit welchen ein Kunstwerk aufzufassen ist, vielmehr gehören dazu ganz andere menschliche Kräfte und Fähigkeiten. Die Kunst aber soll diejenigen Organe bilden, mit denen wir sie auffassen...Ein religiöser Stoff kann indes gleichfalls ein guter Gegenstand für die Kunst sein, jedoch nur in dem Falle, wenn er allgemein menschlich ist. Deshalb ist eine Jungfrau mit dem Kinde ein durchaus guter Gegenstand, der hundertmal behandelt worden und immer gern wieder gesehen wird."

Religiöses Denken im weitesten Sinne grundiert mithin Goethes Leben und Werk und bestimmt seine Weltanschauung und Sprache.

Doch verfolgen wir erst einmal die Stufenfolge seiner religiösen Erfahrung, von der frühen Protestantismuskritik über pantheistische Glaubensinhalte bis hin zum späteren Humanitätsideal und zur Altersmystik.


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