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Der junge Goethe

Goethes Kindheit und Jugend waren streng lutherisch geprägt. Im Haus des Kaiserlichen Rates Johann Caspar Goethe in der freien Reichsstadt Frankfurt, als dessen ältester Sohn Johann Wolfgang am 28.August 1749 geboren wurde, waren der Kirchgang, der Gebrauch des Gesangbuches und der Bibel selbstverständlich.

Der junge Goethe, der, wie gesagt, eine ausgesprochene religiöse Neigung hatte, wuchs also in einem protestantischen Elternhaus auf, in dem das lutherische Bekenntnis überaus ernst genommen wurde, das in der überkommenen reichsstädtischen Ordnung verwurzelt war und in dem auch die Geistlichkeit der Stadt verkehrte. Hinzu kamen die naive Frömmigkeit der Mutter und der regelmäßige Religionsunterricht, den Goethe durch private Hebräischstunden vertiefte. Außerdem regten ihn die biblischen Geschichten, die er hörte und las, schon früh zu eigenen dichterischen Versuchen an.

Doch blieb ihm die Welt gültiger und verpflichtender Tradition, in die er hineingeboren worden war, kein gesicherter Besitz, Im Gegenteil. Schon in jungen Jahren setzte er den überlieferten Glauben zweifelnden Fragen aus.

Zudem fiel Goethes Kindheit und Jugendzeit in eine Epoche des Umbruchs, in der religiöse Vorbilder, Legenden und Heiligenviten ihre schützende Wirkkraft zu verlieren begannen und dem Individuum mehr und mehr die Aufgabe des Mündigwerdens übertragen wurde. Dennoch behielt die Religion ,obwohl man sie jetzt historisierend oder psychologisch zu deuten begann, auch an der Epochenschwelle und bei aller Kritik am Dogmatismus ihre fundamentale Bedeutung noch lange Zeit bei.

Erste Erschütterung seines an den Katechismus gebundenen naiven Kinderglaubens erfuhr Goethe durch das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755. Stellte dieses doch die damals allgemeine Überzeugung in Frage, dass der Mensch sein Schicksal ganz in der Hand habe. Der Glaube an die unerforschliche Güte Gottes wurde ebenso erschüttert wie die optimistische Ansicht von dieser Welt als der besten aller möglichen. Wo waren noch Gerechtigkeit und Menschenliebe Gottes, wenn er es zuließ, dass unterschiedslos Schuldige und Unschuldige, Säuglinge und Greise, Männer und Frauen, ohne gewarnt worden zu sein und ohne sich wehren zu können, im Nu dahingerafft werden? Damit begann auch bei Goethe ein erstes Nachdenken über den Sinn des Lebens.

"Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde jedoch die Gemütsruhe des Knaben zum erstenmal im tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen." Goethe malt das Unglück in grellen Farben aus und führt dann fort: "Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen, an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen....Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen...Der folgende Sommer gab eine nähere Gelegenheit, den zornigen Gott, von dem das Alte Testament so viel überliefert, unmittelbar kennen zu lernen. Unversehens brach ein Hagelwetter herein.."("Dichtung und Wahrheit" 1.Buch S.29 ff.)

Goethe übte schon früh Kritik an der protestantischen Orthodoxie und an der für ihn enttäuschenden Form des Luthertums, insbesondere an dem vom Protestantismus geforderten Sündenbewusstsein. Der kirchliche Protestantismus, wie er ihn in seiner Jugend kennengelernt hatte, war ihm - so im Rückblick in "Dichtung und Wahrheit" - nur eine Art trockener Moral. "Es versteht sich von selbst, dass wir Kinder, neben den übrigen Lehrstunden, auch eines fortwährenden und fortschreitenden Religionsunterrichts genossen. Doch war der kirchliche Protestantismus, den man uns überlieferte, eigentlich nur eine Art trockner Moral: an einen geistreichen Vortrag ward nicht gedacht, und die Lehre konnte weder der Seele noch dem Herzen zusagen. Deswegen ergaben sich gar mancherlei Absonderungen von der gesetzlichen Kirche. Es entstanden die Separatisten, Pietisten, Herrnhuter, die 'Stillen im Lande', und wie man sie sonst zu nennen und zu bezeichnen pflegte, die aber alle bloß die Absicht gehabt hatten, sich der Gottheit, besonders durch Christum, mehr zu nähern, als es ihnen unter der Form der öffentlichen Religion möglich zu sein schien. Der Knabe hörte von diesen Meinungen und Gesinnungen unaufhörlich sprechen." ("Dichtung und Wahrheit" 1.Buch S.43)

Das geistige Klima Frankfurts vor einem Vierteljahrtausend wurde mithin, wie Goethe andeutet, auch vom Geist des Pietismus geprägt. Es war die Stadt Philipp Jakob Speners und des pietistischen Hauptpastors Fresenius, der schon Goethes Mutter Konfirmandenunterricht erteilt hatte. Einflussreich waren ferner die bekannte Stiftsdame Susanna Katharina von Klettenberg und der Bischof der Brüdergemeinde, August Gottlieb Spangenberg.

Goethe schildert weiter, wie er - gegen den protestantischen Konservatismus vor allem des Vaters - mit eigenen Erfahrungen seine Weltanschauung formte. "Der Knabe hatte sich überhaupt an den ersten Glaubensartikel gehalten. Der Gott, der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung stehe, sie als sein Werk anerkenne und liebe, dieser schien ihm der eigentliche Gott, der ja wohl auch mit dem Menschen wie mit allen übrigen in ein genaueres Verhältnis treten könne, und für denselben, eben so wie für die Bewegung der Sterne, für Tages- und Jahreszeiten, für Pflanzen und Tiere Sorge tragen werde. Einige Stellen des Evangeliums besagten dies ausdrücklich." Goethes spätere Weltfrömmigkeit kündet sich überdies in dem Naturopfer des Knaben an, von dem Goethe in seinen Erinnerungen ausführlich berichtet, wobei er allerdings erfahren muste, "wie gefährlich es überhaupt sei, sich Gott auf dergleichen Wegen nähern zu wollen." Denn die Räucherkerzen hatten bei einer dieser Opferhandlungen in einem Zimmer des Elternhauses beträchtlichen Schaden angerichtet.

Goethe nahm in jungen Jahren beim Rektor Albrecht Hebräischstunden, die ihn wiederum anregten, sich mit dem Alten Testament intensiver zu beschäftigen.

"Fortwirkendes Ergebnis" des Hebräisch-Unterrichts bei Albrecht, glaubt Conrady, dürfte weniger die Kenntnis des Hebräischen gewesen sein als vielmehr eine weitere Erschütterung der christlichen Glaubenswahrheiten. Nach dem Erdbeben von Lissabon kam es nun bei Rektor Albrecht zu kritischen Fragen, die auf unwahrscheinliche Begebenheiten und Ungereimtheiten des Testaments zielten und aus dem lebhaft gefühlten Widerspruch zwischen Glauben und Vernunft herrührten. Albrecht, im Amt streng lutherisch, ansonsten ein kritischer aufklärerischer Theologe, ließ sich auf nichts so recht ein, verwies den fragenden Jungen aber "auf das große englische Bibelwerk, welches in seiner Bibliothek bereit stand", ein vielbändiges Werk, das eine neue Übersetzung des Bibeltextes mit vielen Auslegungen enthielt. Der fragende Schüler konnte hier zwar keine bündigen Auskünfte erhalten, immerhin aber den Auslegungsstreit der Theologen kennen lernen und damit Argumente, die gegen den dogmatischen Wahrheitsanspruch der Bibel ins Feld geführt wurden. "Wenn nicht alles täuscht", so Conrady, "war es spätestens seit dieser Zeit mit der Sicherheit im Glauben der Väter und der Amtskirche bei Goethe dahin."

Das Resultat war jedoch, wie Goethe schreibt, dass von den biblischen Völkern und Geschichten "eine lebhaftere Vorstellung" in seiner Einbildungskraft hervorging. Aber nicht nur das, er begann auch, manche der alten Geschichten nachzudichten. Viele seiner leider nicht erhaltenen Jugendwerke haben biblische Themen: Belsazar, Isabel, Ruth, Selima. Am 11.5.1767 teilte er aus Leipzig der Schwester Cornelia mit: "Mein Belsazer ist zu Ende". Doch schränkte er sogleich ein:"aber ich muss von ihm sagen, was ich von allen meinen Riesen Arbeiten sagen muss, die ich als ein ohnmächtiger Zwerg unternommen habe."

Angeregt durch die Lektüre von Klopstocks "Messias" und K.F.von Mosers "Daniel in der Löwengrube" stellte Goethe die Geschichte Josephs in einer Prosadichtung dar, die leider nicht erhalten geblieben ist. "Ich erinnere mich noch", so Goethe im 3.Buch seiner Lebenserinnerungen, "dass ich einen umständlichen Aufsatz verfertigte, worin ich zwölf Bilder beschrieb, welche die Geschichte Josephs darstellen sollten; einige davon wurden aufgeführt."

Goethe verfasste geistliche Oden und ahmte das "Jüngste Gericht" von Elias Schlegel nach. Auch eine Ode "Zur Feier der Höllenfahrt Christi" erhielt von "meinen Eltern und Freunden viel Beifall, und sie hatte das Glück, mir selbst noch einige Jahre zu gefallen." Das lange sechszehnstrophige Gedicht von 1765, das gegen Goethes Willen in der Frankfurter Wochenschrift "Die Sichtbaren" gedruckt wurde, verharrt in Thematik und künstlerischer Ausgestaltung noch ganz im Bann der Tradition.

Später arbeitete er sich auch durch das zweite Buch Mosis "mit unsäglicher Mühe, mit unzulänglichen Hülfsmitteln und Kräften..und geriet dabei auf die wunderlichsten Einfälle. Ich glaubte gefunden zu haben, dass nicht unsere Zehn Gebote auf der Tafel gestanden, dass die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die Wüste gewandert, und ebenso bildete ich mir ein, über den Charakter Mosis ganz neue Aufschlüsse geben zu können. Auch das Neue Testament war vor meinen Untersuchungen nicht sicher."("Dichtung und Wahrheit"12.Buch, S.510)

Leider hat Goethe später vieles verbrannt. "Belsazer, Isabel, Ruth, Selima ppppp haben ihre Jugendsünden nicht anders als durch Feuer büßen können"(an Cornelia, 13.10.1767).

Ferner berichtet er im zweiten Teil seiner Lebensbeschreibung von der inneren Rebellion des Konfirmanden gegen die Mängel des protestantischen Kults und wie sehr er die Übereinstimmung zwischen der inneren Religion des Herzens und der äußeren Kirche entbehrt habe. "Ich ward zu meiner Zeit bei einem guten, alten, schwachen Geistlichen, der aber seit vielen Jahren der Beichtvater des Hauses gewesen, in den Religionsunterricht gegeben. Den Katechismus, eine Paraphrase desselben, die Heilsordnung wusste ich an den Fingern herzuerzählen, von den kräftig beweisenden biblischen Sprüchen fehlte keiner; aber von alledem erntete ich keine Frucht," denn der alte Mann verstand es nicht, auf seinen Schüler einzugehen. Goethe hatte "die seltsamsten religiösen Zweifel", doch die zu bekennen, hatte er keine Gelegenheit. Denn als er "von dem geistlichen Großvater.. mit seiner schwachen, näselnden Stimme willkommen" geheißen wurde, "erlosch auf einmal alles Licht meines Geistes und Herzens." Zudem fand Goethe "meinen guten Willen und mein Aufstreben in diesem wichtigen Falle durch trockenen, geistlosen Schlendrian noch schlimmer paralysiert, als ich mich nunmehr dem Beichtstuhl nahen sollte. Ich war mir wohl mancher Gebrechen, aber doch keiner großen Fehler bewusst, und gerade das Bewusstsein verringerte sie, weil es mich auf die moralische Kraft wies, die in mir lag und die mit Vorsatz und Beharrlichkeit doch wohl zuletzt über den alten Adam Herr werden sollte."

"Wenn ich Gott aufrichtig suchte, so ließ er sich finden und hielt mir von vergangenen Dingen nichts vor. Ich sah hinten nach wohl ein, wo ich unwürdig gewesen, und wusste auch, wo ich es noch war; aber die Erkenntnis meiner Gebrechen war ohne alle Angst. Nicht einen Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hölle gekommen, ja, die Idee eines bösen Geistes und eines Straf- und Quälortes nach dem Tode konnte keineswegs in dem Kreise meiner Ideen Platz finden."

"Keine Religion, die bloß auf Furcht gegründet ist, wird bei uns geachtet", sollte es Jahre später in "Wilhelm Meisters Wanderjahren" heißen. Dagegen sei die des Menschen würdige Haltung die der Ehrfurcht als religiöses Grundgefühl verstanden. Aber Furcht entfremdet ihn und verbiegt sein Selbstsein.

Goethe kannte, wie er schrieb, "..das Ding, das man Sünde nannte", noch gar nicht und gewann Mut, seinen eigenen Weg zu gehen, nachdem er mehr und mehr seine eigenen Fähigkeiten entdeckt hatte, die eigene Kraft und den Zusammenhang seiner selbst mit der Natur als Ausdruck des Göttlichen. Die im Christentum propagierte Sündenangst und das Sündenbewusstsein aufgrund des Glaubens von der unaufhebbaren Sündhaftigkeit des Menschen lehnte er sein Leben lang entschieden ab. Der Unterdrückung der eigenen Kräfte setzte er seine persönliche Erfahrung entgegen.

Goethe stand mithin nicht nur der dogmatischen Theologie fremd gegenüber und wies nicht nur den Offenbarungsglauben ab, auch das Dogma von der Erbsünde dünkte ihm eine "detestable" Passion, wie er später 22.10.1819 an Boissserée schrieb. Goethe erzählt weiter, dass er Menschen gekannt habe, "die bei einer ganz verständigen Sinnes- und Lebensweise, sich von dem Gedanken an die Sünde in den heiligen Geist und von der Angst, solche begangen zu haben, nicht losmachen konnten."("Dichtung und Wahrheit",7.Buch S.293 f.)


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