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In Weimar bekommt Goethe Besuch von Juden

Durch die Übersiedlung nach Weimar kam Goethe in eine Gegend, wo Juden nur vereinzelt als wandernde Händler,Trödler, Bettler oder als"Schutzjuden"des Hofes anzutreffen waren. Er selbst lernte hier allerdings einzelne jüdische Persönlichkeiten kennen und schätzen, wie etwa den Weimarer Hofagenten  Löb Reis, für den er sich erfolglos einsetzte. Einen durchreisenden Schutzjuden wiederum empfahl er seinem hochgebietenden Oheim in Frankfurt, dem Schultheißen.

Nachdem Goethe berühmt geworden war, sprachen bei ihm viele jüdische Besucher vor, zum Beispiel der Orientalist Salomon Munk, der Jurist Eduard Gans, Eduard Simson, der spätere Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, und der Sohn des berühmt-berüchtigten Münzunternehmers Friedrich des Großen, Veitel Heine Ephraim. Der Dichter berichtete Frau von Stein darüber: "Meiner Lieben einen guten Morgen zu sagen, hat mich allerlei, zuletzt der Jude Ephraim, abgehalten. Von Ihm zu erzählen, wird mir ein Spaß sein. Bald habe ich das Bedeutende der Judenheit zusammen und habe große Lust in meinem Roman einen Juden anzubringen." Gemeint war mit diesem Roman"Wilhelm Meisters Lehrjahre". Doch leider ist aus diesen Plänen nichts geworden. Gelegentlich wird im Tagebuch auch notiert, dass zwei Herren von Rothschild mit ihrem Erzieher in Goethes Hause gewesen seien, ein anderes Mal wird der Besuch eines Herrn Cohn aus Danzig erwähnt.

Ein weiterer Jude, der Goethe besuchte, war der talentierte Student David Veit, "einer hochachtbaren Familie entsprossen". Er "empfing reiche Belehrung" und durfte auch gegenteilige Ansichten äußern. Als er einmal im Theater zu Weimar saß, bemerkte er, wie sich die Exzellenz Goethe, der Theaterleiter, hinter ihn setzte. Der Meister verwickelte ihn in ein Gespräch über das Stück und dramatische Angelegenheiten und ließ sich die Gegenreden des Studenten gefallen. "Man male sich diese Szene aus", merkt Geiger an, "ein jüdischer Student, ausgezeichnet durch freundliche Bewillkommnung durch den allgebietenden Mann, den größten Dichter jener Zeit."

Als Leiter des Hoftheaters widersetzte sich Goethe mit Entschiedenheit dem Vorhaben des Komikers Wurm, Juden von der Bühne herab zu verspotten, und nannte es schändlich, "eine Nation, die so ausgezeichnete Talente in Kunst und Wissenschaft aufzuweisen hat, gleichsam an den Pranger zu stellen", und fügte hinzu:"Solange ich das Theater zu leiten habe, dürfen derartige Stücke nicht gegeben werden." Dann wieder hat derselbe Theaterdirektor in seiner Besetzungsliste "Gecken, Juden und Bediente" in einem Atemzug genannt.

Goethe zitiert und rühmt ferner den jüdischen Philosophen Marcus Herz (1747-1803) und sagt dabei "Unser Herz". Der kunstsinnige Sammler David Friedländer kam durch seine Neigung zum Sammeln von Münzen und Miniaturen in brieflichem Kontakt zu Goethe und tauschte mit ihm"Antiquitäten, Medaillen und zierliche Komplimente aus". Der später durch Bilder aus dem jüdischen Familienleben bekannt gewordene Frankfurter Genre-und Porträtmaler Moritz Daniel Oppenheim (1800-1882)besuchte Goethe im Mai 1827 in Weimar und schuf von ihm ein Porträt. Auch dem Dichter Michael Beer(1800-1833),dem jüngsten Bruder des Komponisten Meyerbeer, zollte Goethe Beifall. Beer hatte ein jüdisches Drama geschrieben "Der Paria", das Goethe, obwohl er damals mit dem Theater direkt nichts mehr zu tun hatte, zur Aufführung empfahl.

Kaum eine andere Gruppe als die assimilierten deutschen Juden hat Goethes Namen und Geltung über alle Grenzen getragen. In der nachitalienischen Ära, als Deutschland eine Zeitlang nichts mehr von Goethe wissen wollte, war ihm das entgegengebrachte künstlerische Interesse besonders wertvoll. Selbstverständlich hat er bei allen Bekanntschaften nie auf Herkunft oder Konfession seines Gegenüber angespielt und jegliche Herablassung vermieden, aber er war auch ohne Gefühl für die Schwierigkeiten der Akkulturation.

Friedrich Wilhelm Riemer, Goethes ältester und kundigster Hausgenosse, berichtet: "Da Goethe auch in dem sozialen Sinne die Honneurs von Weimar machte, so wurden die Fremden, die ihn zu besuchen kamen, Gelehrte, Künstler, berühmte Reisende, weß Glaubens sie sein mochten, auch Juden und Judengenossen, gewöhnlich zur Tafel gezogen." In den 90er Jahren erweiterten sich Goethes Kontakte mit Juden durch Bekanntschaften in den böhmischen Bädern, um Angehörige einer jüngeren, teils akkulturierten Generation, mit der Goethe auf der Basis geistiger Gleichberechtigung verkehrte.

In Goethes Bekannten- und Korrespondentenkreis spielten Jüdinnen eine nicht unerhebliche Rolle. Mit Rahel Varnhagen (1771-1833), einer der führenden Frauengestalten des literarischen Lebens und begeisterte Goethe-Verehrerin, die Ruhm und Verständnis von Goethes Werken in ihren Kreisen förderte, beginnt der Goethekult, der schließlich in eine im wesentlichen von jüdischen Philologen und Publizisten getragene Goethephilologie mündet.

Rahel Levin mit ihrem exquisiten Gesellschaftszirkel ist nur die wirkungskräftigste unter den Goethe-Verehrerinnen, aber nicht die erste. Die um einige Jahre ältere Henriette Herz hatte Goethes Ruhm schon etwas früher in ihrem Salon verbreitet. Mit Rahel und Henriette wetteiferte außerdem um Goethes Gunst Dorothea Veit,die jüngste Tochter Moses Mendelssohns. Für Rahel Varnhagen, die sich als Frau und als Jüdin in ihren Möglichkeiten der Selbstverwirklichung unterdrückt fühlte, wurde Goethe zum entscheidenden Vehikel der Emanzipation. Hannah Arendt hat in ihrer Rahel-Biographie Rahels Passion für die deutsche Literatur, insbesondere ihren Goethe-Kult, mit ihrem gestörten Verhältnis zum Judentum in Beziehung gesetzt: "Weil sie Goethe versteht und erst von ihm aus sich versteht, kann er ihr fast die Tradition ersetzen." Mit dieser Rezeptionshaltung hat Rahel das Grundmuster eines spezifisch jüdischen Verhältnisses zu Goethe vorgelebt, ein Verhaltensmuster, das nicht nur bei Heine, sondern bei der breiten jüdischen Verehrergemeinde, die der Dichter in der Folgezeit gefunden hat, wiederkehrt. Den Jüdinnen Rahel, Henriette und Dorothea gelang es ausgerechnet im Wirkungskreis der opponierenden Avantgarde der Romantiker dem Goetheschen Genius Respekt zu verschaffen. Bettina Brentano und Caroline Schlegel gehörten ebenfalls zu den um Goethe schwärmerisch versammelten Frauengestalten. Natürlich hat sich Goethe die Verehrung so vieler Frauen gern gefallen gelassen. Entzückend fand er vor allem die hübsche Sara der jüdischen Familie Meyer aus Berlin, die mit ihrer Schwester Marianne zu seinem sensibelstem Publikum zählte.

Im März 1797 schrieb Sara Grotthuss geborene Meyer einen Brief an den von ihr abgöttisch verehrten Goethe. Sie fügte eine Jugenderinnerung ein, für deren Wahrheit sie sich verbürgte:"Ich war im 13ten Jahre, als ich einen empfindsamen Roman mit einem Hamburger Kaufmannssohn, einem sehr hübschen, guten und unterrichteten jungen Menschen hatte. Einst schickte er mir den Trost der unglücklich Liebenden, den göttlichen Werther; nachdem ich ihn verschlungen, schickte ich ihn mit 1000 unterstrichenen Stellen und einem sehr glühenden Billet zurück. Diese Depesche war von meinem theuren Vater aufgefangen, ich bekam Stubenarrest und Mendelssohn, der mein Mentor war, erschien und machte mir bittere Vorwürfe, ob ich Gott und Religion vergessen könnte, und was der Alfanserei mehr war, nahm den W., das unschuldige Corpus Delicti, und warf ihn(nachdem er mir über jede angestrichene Stelle wacker den Text gelesen)aus dem Fenster." Ob sich die Episode genau so abgespielt hat, wie Sarah Grotthuss sie hier erzählt, oder auch nicht, ist nicht sicher. Doch das Bild von Mendelssohn als einem entschiedenen Gegner des Gefühlskults im Sturm und Drang trifft zu. Denn für Mendelssohn war der Werther nur ein Dokument sittlichen und literarischen Verfalls. Mit dieser Meinung stand er übrigens nicht allein. Die aufgeklärten Juden seiner Generation, seine Schüler und der größere Teil der nachfolgenden Generation stimmten mit ihm überein. Doch zurück zu dem Brief von Sara. Krobb schreibt hierzu und liefert gleichzeitig eine ausführliche Analyse über das Verhältnis junger intellektueller Jüdinnen zu Goethe und umgekehrt von Goethe zu diesen: "Dies ist mehr als eines von vielen Dokumenten einer schwärmerischen identifizierenden Werther-Rezeption in Deutschlands Jugend, denn dieser Ausbruch muß vor dem Hintergrund der jüdischen Tradition, des jüdischen Familiensinnes, des Zusammenhaltes und Moralgefühls auch in so reichen und weltoffenen Häusern wie dem Meyerschen, auch bei philosophisch so aufgeklärten Geistern wie Moses Mendelssohn gesehen werden. Dem jüdischen pater familias (im alttestamentlichen Sinne patriarchisch)mußte die bloße Kenntnisnahme empfindsamer Introspektion und subjektiver Gefühlsemphase als Bedrohung der Integrität des eigenen Lebenskreises, als Verlust von 'Gott und Religion' vorkommen. Und dennoch waren es gerade die Väter, die mit ihrem Reichtum, ihrem intellektuellen Ansehen und ihrer gewandelten sozialen Stellung eine gewisse Öffnung durch Lektüre und nichtjüdischen Umgang erst ermöglicht hatten, welche in der Konsequenz zur Auflösung des traditionellen jüdischen Lebensbereiches führte.

Für das von dieser orthodoxen Familienauffassung betroffene Mädchenerscheint umgekehrt der deutsche Literat als positiver Gegenpol zur jüdischen Tradition(bei Sara Meyer wie bei fast allen anderen jüdischen Frauenschicksalen spürbar als Verweigerung der freien Liebesentscheidung), als Akkulturationsvehikel, Identifikations- und Verehrungsobjekt. Nach Unterbindung des erwähnten Romans war Sara fünfzehnjährig gegen ihren Willen an einen ungeliebten Mann verheiratet worden. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes, als sie schon fast zehn Jahre verwitwet und im Begriff war, einen Baron von Grotthuss zu heiraten, nach einer wohl auf Druck der Eltern rückgängig gemachten und später erneuerten Konversion (sie erwähnt in diesem Zusammenhang Schwierigkeiten mit der Mutter)spricht sie Goethe als 'Erlöser' an - ein gerade wegen seiner religiösen Emphase die Funktion und Dringlichkeit der jüdischen Goethe-Verehrung trefflich umschreibender Terminus.

Die Tatsache, dass Frauen wie Sara von Grotthuss und Marianne von Eyenberg dem verehrten Meister Goethe nahekommen, dass sie in dem liberalen Ambiente des Bade-Aufenthaltes seine Bekanntschaft erringen und mit ihm als gesellschaftlich Gleichwertige verkehren konnten - so mußte es jedenfalls erscheinen in diesen Kreisen, in denen sich hoher Adel mit bürgerlichen Intellektuellen mischte-, mußte von den Jüdinnen als Einlösung aller Hoffnung auf Anerkennung durch und Angleichung an die gehobene christliche Gesellschaft aufgefaßt werden, als Erfolg auf der ganzen Linie. Goethe erfüllte für diese Jüdinnen die Rolle der Integrationsfigur, des erstrebenswertes Assimilationszieles. In einer Zeit überlebter feudal-aristokratischer, sich entwickelnden bürgerlichen Selbstverständnisses, politischer Unsicherheit angesichts der Ereignisse im revolutionären Frankreich und einer durch Kleinstaaterei und Fürstenehrgeiz fast überhaupt nicht vorhandenen politischen Identität der Deutschen blieb fast nur noch die literarische Sphäre als Maßstab für den jüdischen Akkulturationsfortschritt, und der Weimarer Olympier personifizierte diesen Bereich wie kein anderer. Der erste erhaltene Brief Marianne von Eybenbergs an den Großherzoglichen Geheimen Rat, geschrieben im Herbst 1795, kurz nach dem ersten Karlsbader Zusammentreffen der beiden, beleuchtet wie Sara Grotthuss' Begriff Erlöser' die Freude und Dankbarkeit über solch einen Umgang. Das Stichwort in diesem Brief ist 'forthelfen', nicht nur zu verstehen als vielleicht kokette Geste einer der vielen Verehrerinnen, sondern als sehr realer Wunsch nach Leitung bei dem von diesen Frauen in nur einem Menschenalter vollzogenen Schritt aus einer ghettoähnlichen Abgeschlossenheit ins Zentrum der deutschen Geistigkeit. Die sprachlichen Fehler dieses Ausschnitts machen nur um so klarer,wie enorm dieser Entwicklungssprung gewesen sein muß: 'Daß sie mir antworten werden, dafür bürgt mir ihre Freundschaft, Ihr gegebenes Wort und so lieber Freund leben wir miteinander fort, ich schreibe Ihnen wie es aus dem Herzen kömmt, durch den Sinn fährt, damit müssen Sie zufrieden sein, und das werden Sie auch. Ich war nie anders gegen Sie und Sie sagten mir, Sie wären zufrieden mit mir-Fahren Sie fort liebster Göthe mich fortzuhelfen, so wie Sie in Carlsb. thaten, ich bin Ihnen vielviel schuldig! Sie finden keinen undankbahren Schlingel an mir.'

Die von den Schwestern ihren frühen Briefen eingeschriebene Rolle des Emanzipationsbefürworters hat Goethe ..nicht übernommen; die Aufmerksamkeit, die er den Jüdinnen schenkt, beschränkt sich auf einen persönlich geselligen Bereich. Dass diese persönliche-gesellige Begegnung das Vehikel für soziale, politische und rechtliche Veränderungen darstellen sollte, dass aus dem gelebten Nachweis individueller Gleichwertigkeit aus jüdischer Sicht die politische und soziale Gleichstellung folgen müßte - diesen Schritt hat Goethe nicht vollzogen."

Goethe hat seinem Herzog Marianne Meyer in einem Brief vom Juni 1797 als 'angenehme und interessante Gesellschafterin empfohlen, wenige Jahre später aber hat er erschreckt und ablehnend auf die Aussicht einer Jüdin in einer öffentlichen Position als Hoffräulein reagiert. Aber lassen wir nochmals Krobb zu Worte kommen:
"Diese Haltung der Trennung von Individuum und Kollektiv seit dem 18.Jahrhundert hat allen judenfeindlichen Argumentationsstrategien Vorschub geleistet. Immer verkehrt man angeregt und wohlwollend mit jüdischen Freunden und in den jüdischen Kreisen wie den Salons, ohne dass diese Haltung der Abneigung "den Juden" gegenüber irgendwie einen Abbruch getan hätte. Es scheint sogar legitim, die Entwicklungslinie bis in die Nazizeit auszuziehen, wo es zu den bekannten Verhaltensweisen gehörte, den"guten Juden" im Nachbarhaus, der örtlichen Arztpraxis, dem Textilgeschäft an der Ecke zu schätzen, und dennoch aufs Allgemeine bezogen der antisemitischen Propaganda des braunen Regimes aufzusitzen.

In diesem Bereich deutsch-jüdischer Geschichte erweist sich Goethe als durchaus ambivalenter Zeitgenosse, als zwar scharfsichtiger Zeuge, aber nicht als einsichtiger Teilnehmer. Sein Verhältnis zu den Jüdinnen seiner Zeit ist in dem Prominalverb, mit dem er seine Beobachtung über die Ghetto-Schönen einleitet, nur zu gut aufgehoben:'Überdies waren die Mädchen hübsch'-eine belanglose Dreingabe, eine interessante Beiläufigkeit.

Die weiblichen jüdischen Bekanntschaften Goethes konnten tatsächlich in ihrer Zeit als Berühmtheiten gelten, deren Zusammentreffen mit dem Dichterfürsten die Klatschsucht der Beobachter animierte und weite Kreise zog. So berichtet Wilhelm von Humboldt am 12.Oktober 1795 aus Tegel an Schiller: Von Goethe höre ich hier allerlei possierliche Geschichten erzählen, die von zwei getauften Jüdinnen, die mit ihm in Carlsbad waren, herkommen. (Er soll ihnen)erstaunlich viel vorgelesen, in Stammbücher und auf Fächer geschrieben, und ihre Productionen corrigiert haben...

Auch Riemer hält Goethes Verbindung zu Jüdinnen der Erwähnung wert, er nennt auch gleich die Namen der beteiligten Frauen:"..so kam es, dass Goethe seine neuesten dichterischen Erzeugnisse ihnen, einzeln oder in Gesellschaft, zum Beispiel in Karlsbad gern vortrug, da er immer einigen Anklang zu finden gewiß sein konnte, wie ich dieses aus eigener Miterfahrung an einer Frau von Eyenberg, von Grotthuss, von Eskeles und Flies u.a.m. bestätigen kann."

So weit der Auszug aus Krobbs aufschlußreicher Studie "Überdies waren die Mädchen hübsch. Goethes Jüdinnen."

Zu Felix Mendelssohn-Bartholdy hatte Goethe ebenfalls ein herzliches Verhältnis und zeigte seinen Eltern Abraham und Lea Mendelssohn freundliches Entgegenkommen. Im Oktober 1822 sagte Goethe zu dem jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy, als dieser wieder einmal bei ihm zu Besuch weilte:"Du bist mein David, sollte ich krank und traurig werden, so banne die bösen Träume durch dein Spiel, ich werde auch nie wie Saul den Speer nach dir werfen."

Bei Zelter, dem Lehrer von Felix Mendelssohn-Bartholdy, war dagegen neben aller Begeisterung für dieses erstaunliche Kind stets eine innere Distanz zu spüren. Bei Goethe hat es das nie gegeben. Von seinem ersten Besuch in Weimar 1821 bis zu der letzten mehrtägigen Gastfreundschaft Goethes 1830 bestand eine einzige tiefe Sympathie zwischen dem alten Minister und dem genialen jungen Menschen.

Von Felix'Großvater Moses Mendelssohn sprach Goethe, obwohl beide grundverschieden waren, mit großer Hochachtung. Der "große Weimaraner" sei, so Geiger, in keiner Weise voreingenommen gegen den "Weisen in Berlin" gewesen, obgleich er ja selbstverständlich gewußt habe, dass er Jude war. Goethe hat jedoch auch sein Mißfallen an manchen Ansichten und Schriften von Moses Mendelssohn unmißverständlich zum Ausdruck gebracht: Nachdem er"Morgenstunden"von Moses Mendelssohn gelesen hatte, schrieb er darüber an Jacobi am 1.12.1785: "Was hast Du zu den Morgenstunden gesagt? Und zu den jüdischen Pfiffen, mit denen der neue Sokrates zu Werke geht? Wie klug er Spinoza und Lessing eingeführt hat! O, du arme Christe! Wie schlimm wird es dir ergehen, wenn er deine schnurrenden Flügeln nach und nach umsponnen haben wird."Ein Vierteljahr später erhielt Charlotte von Stein von Goethe die Mitteilung:"Ich wünsche, dass Du glücklicher mit des Juden Testament sein mögest als ich; denn ich es habe nicht auslesen können".

Bei Mendelssohn Tod schrieb Goethe indessen:"Wie klein wird das alles und wie armselig" und spielte damit auf seine Unstimmigkeiten mit dem Verstorbenen an. "Kann doch nicht einmal ein armer Jude, ohne geneckt zu werden, aus der Welt gehen." Auch hier haben Antisemiten die Grundverschiedenheit der beiden großen Männer, die zum Teil auf entgegengesetzten Ansichten beruhten, für sich ausgenutzt.

Zwei Juden allerdings waren Goethes erklärte Gegner:Ludwig Börne (1786-1837)und Heinrich Heine(1797-1856). Die öffentliche Abrechnung dieser beiden prominenten Juden und Goethekritiker weckte bei Zeitgenossen und Nachwelt ein Bild jüdischer Selbstzerfleischung, bei dem Goethe angeblich zum Objekt, wenn nicht gar zum Opfer eines hemmungslosen Selbstdarstellungstriebes geworden sei, obwohl Goethes Ablehnung der Werke der beiden Dichter in Wahrheit mit seiner persönlichen, zwiespältigen Einstellung gegenüber dem Judentum nicht zusammenhing, sondern inhaltliche Gründe hatte.


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