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Mit jüdischer Emanzipation hatte Goethe nicht viel im Sinn

Als 1807 auf Druck des Rheinbundes der Frankfurter Rat eine "Neue Stättigkeit und Schutzordnung der Judenschaft" vorlegte und Goethe der Meinung war, dass die Judenemanzipation in seiner Vaterstadt Frankfurt, zu weit vorangetrieben wurde, richtete er an Bettina von Brentano am 24.2.1808 folgende Zeilen:"Senden Sie mir doch gelegentlich die jüdischen Broschüren. Ich möchte doch sehen, wie sich die modernen Israeliten gegen die neue Städtigkeit gebärden, in der man sie freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte tractiert. Mögen Sie etwas von den christlichen Erziehungsplänen beilegen,so soll auch das unsern Dank vermehren." Am 3.April bestätigte Goethe den Empfang der gewünschten Schriften:"Die Dokumente philantropischer Christen- und Judenschaft sind glücklich angekommen, und Ihnen soll dafür, liebe kleine Freundin, der heiße Dank werden. Es ist recht verwunderlich, dass man eben zur Zeit, da so viele Menschen todtgeschlagen werden, die übrigen aufs beste und zierlichste auszuputzen sucht..." Norbert Oellers merkt hierzu an, Goethe erwecke den Eindruck "als sei es, wenn irgendwo Unrecht geschieht, bedenklich, wenn andernorts zur selben Zeit Recht geschieht. Die Ironie Goethes richtet sich gegen ihn selbst."

Bettina von Brentano schickte Goethe nicht nur Broschüren, die von jüdischer und philanthropischer Seite in Frankfurt geschrieben wurden, sondern auch die Arbeiten ihrer Gegner. Letztere nahm der Dichter, nach eigenem Bekunden, "mit viel größerem Behagen" zur Kenntnis als jene, die die Emanzipation der Juden befürworteten. So las er mit weit mehr Vergnügen als die Gegenschrift des Braunschweiger Finanzrats Israel Jacobsohn eine anonyme Replik, in der man dem "Finanzgeheimräthlichen Jacobinischen Israels Sohn" - Goethe hatte ihn einmal spöttisch"den braunschweigischen Judenheilland" genannt - "so tüchtig nach Hause geleuchtet hat.. Leider ist das ganze nicht rasch, kühn und luftig genug geschrieben, wie es hätte sein müssen, um jenen Humanitätssalbader vor der ganzen Welt ein für allemal lächerlich zu machen."

Als Karl Theodor von Dalberg, der Erzbischof von Mainz, den Napoleon zum Fürstprimas des Rheinbundes erkoren hatte, mit seinen Reformplänen, mit denen eigentlich die Situation der Juden verbessert werden sollte, auf heftigen Widerstand stieß, machte er 1808 einen Rückzieher und erließ eine neue Judenstättigkeit, die das alte Gesetzeswerk von 1616 lediglich in einigen Punkten verbesserte. Für Juden war dies eine arge Enttäuschung. Goethe, der die Ansicht vertrat, dass Juden wie Frauen keinen "point d'honneur" hätten, verteidigte dagegen Dalberg. Es sei ihm nicht zu verdenken, "daß er dieses Geschlecht behandelt, wie es ist und wie es noch eine Weile bleiben wird."

Goethes Stimmung wechselte, seine Betrachtung und Handlungsweise blieben sich nicht immer gleich, und nicht immer schenkte er politischen Vorgängen und Entwicklungen die gleiche Aufmerksamkeit. Die Frankfurter Rechtslösung und ihre Rücknahme nach 1813 scheinen ihn dann ebensowenig beschäftigt zu haben wie die Vorgänge um das Stein-Hardenbergsche Edikt mit Preußen. So schrieb er, als auch in Weimar über die neue Judenordnung diskutiert wurde, an Johann Jakob von Willemer nach Frankfurt: "Ich ..enthalte mich aller Theilnahme an Juden und Judengenossen." In einem Brief vom 24.Juni 1816 an Sulpiz Boisseree wiederum nannte Goethe die Bestimmung, dass in Jena kein Jude übernachten dürfe, eine "löbliche Anordnung".

Als dann die von Napoleon den Juden verliehenen Rechte nach seinem Sturz wieder zurückbuchstabiert werden sollten und es 1819 in mehreren deutschen Städten, so auch in Frankfurt, zu Ausschreitungen gegen Juden kam, und die Zeitungen voll waren von Gräueltaten über dieses Treiben - da allerdings schwieg Goethe, als ginge ihn dies alles nichts an. Der Dichterfürst mag die politische Abstinenz, die ihm mittlerweile zur lebensrettenden Maxime geworden ist, nicht einem Menschenrecht zuliebe widerrufen. Hierfür ein weiteres Beispiel. Im August 1821- inzwischen war er dreiundsiebzig Jahre alt - besuchte er Eger und betrachtete dort lange eine verlassene Synagoge. Sein Begleiter J.S.Grüber berichtet hierüber:"Mir lag daran Goethes Meinung über die Juden zu erfahren. Was ich auch vorbringen mochte, er blieb in Betrachtung der alten Inschriften vertieft und äußerte sich nicht mit Bestimmtheit in Betreff der Juden."

Am 20.Juni 1823 fertigte Karl August die Weimarische Judenordnung an, die jedoch für Jena keine praktische Bedeutung erlangte. In dieser Ordnung wurden die Juden zwar nicht als gleichberechtigte Bürger anerkannt, doch erlaubte sie "die Ehe zwischen Christen und Jüdinnen, Juden und Christinnen", unter der Bedingung, "daß die in einer solchen Ehe erzeugten Kinder in der christlichen Religion erzogen und darüber die bündigsten Versicherungen vor Gericht zu Protokolle erklärt werden." Goethe, der gerade aus Marienbad zurückgekommen war und sich nach dem Ende seiner großen Liebe zu Ulrike von Levetzow ohnehin in einer Krise befand, soll darüber empört gewesen sein und meldete scharfen Protest an. "Er ahndete", schreibt der Kanzler von Müller am 23.September 1823, "die schlimmsten und grellsten Folgen davon, behauptete, wenn der Generalsuperintendent Charakter habe, müsse er lieber seine Stelle niederlegen als eine Jüdin in der Kirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit trauen. Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch solch ein skandalöses Gesetz untergraben; überdies wolle er nur sehen, wie man verhindern wolle, daß einmal eine Jüdin Oberhofmeisterin werde. Das Ausland müsse durchaus an Bestechung glauben, um die Adoption dieses Gesetzes begreiflich zu finden; wer wisse, ob nicht der allmächtige Rothschild dahinter stecke. Überhaupt geschehen hier so viele Albernheiten, dass er sich bloß durch persönliche Würde im Auslande vor beleidigender Nachfrage schützen könne, daß er sich aber schäme aus Weimar zu sein, und gern wegzöge, wenn er wisse, wohin.." Besonders ungern sah es Goethe, daß das Weimarsche Ländchen mit derartigen Institutionen den Anfang machte.In diesem Sinne rief er aus: "Wollen wir denn überall im Absurden vorausgehen, alles Fratzenhafte zuerst probieren?"

Im selben Jahr, in dem das Eheverbot zwischen Juden und Christen zu Goethes großem Ärger aufgehoben wurde, verfügte der Großherzog von Sachsen, dass zwei Waisen jüdischer Religion im Allgemeinen Waisenhause untergebracht und erzogen werden sollten. In dieser Verfügung, so Ludwig Geiger, "finden sich Ausdrücke der schönsten Toleranz, und man möchte in der Tatsache und in den Worten der Verfügung, wenn auch eine besondere Mitwirkung Goethes weder bezeugt noch wahrscheinlich ist, jene Rückwirkung des humanen Geistes sehen, von dem auch unser Meister trotz aller gelegentlicher Widersprüche erfüllt war."

Wie dem auch sei, man sollte sich hier wohl vor Augen halten, dass Geiger stets eifrig bemüht war, Goethe in einem positiven Licht darzustellen und dass Goethes Vorbehalte gegenüber der Judenemanzipation, die er so schroff äußerte, auf Vorurteilen gegenüber dem Judentum beruhten, die zwar nicht als eindeutig judenfeindlich gelten können,aber doch dem notwendigen historischen Fortschritt in der"Judenfrage" entgegenstanden. Hier äußerte sich wohl auch die Skepsis eines konservativen Realisten, der den Wert theoretischer Reformen bei Fortdauer der allgemeinen Menschennatur bezweifelte. Goethes Argument von der Bestechung mit dem Rothschildschen Geld, das hinter einem solchen Gesetz stehen könnte, klingt allerdings wie aus dem Denk- und Sprachgebrauch eines richtigen Antisemiten. Trotzdem nimmt ihn ein Jude wie Julius Bab auch hier noch in Schutz: "Es ist aber in seiner geistigen Inferiorität im ganzen unendlichen Bereich Goethescher Äußerungen auch vollkommen vereinzelt. Und es mußte schon eine Stunde ganz besonderer Zerrissenheit und Aufgewühltheit kommen, dass das Goethesche Temperament der Aufsicht seines Geistes soweit entlaufen konnte, um einer so vulgären, so flachen, so brutalen Argumentation Raum zu geben", meint Bab.

Im 13.Buch von "Dichtung und Wahrheit"schreibt Goethe:"Die Duldsamkeit der Religionsparteien gegen einander ward nicht bloß gelehrt, sondern ausgeübt, und mit einem noch größeren Einflusse war die bürgerliche Verfassung bedroht, als man Duldsamkeit gegen die Juden, mit Verstand, Scharfsinn und Kraft, der gutmütigen Zeit anzuempfehlen bemüht war." Emanzipation, so glaubte Goethe, sei Sache jedes einzelnen an seinem Ort und könne nicht politisch durchgesetzt werden.

Im Vordergrund stand für Goethe das Bestreben, die Juden als fremde "Nation" in ihre Schranken zu weisen und in ihrer Außenseiterposition zu belassen. Mit alledem artikulierte sich nicht nur der auf Staat und Nation bedachte Weimarer Geheimrat und Minister, sondern wirkungsvoller noch die überwältigende Mehrheit des gerade selbst sich etablierenden Bürgertums, das Goethe in der Judenfrage sehr genau repräsentierte.

Goethe hat sicher nicht die Judengesetze des alten Reiches oder die Judenpolitik des Absolutismus gutgeheißen, zu beiden hat er sich in seiner Jugendzeit satirisch geäußert. Jetzt aber war der Staatsminister Goethe zunehmend auf die "Verbesserung, Belebung" des Bestehenden "zum Sinnigen, Verständigen" bedacht. Er begünstigte die natürliche Evolution statt eingreifender Veränderung, einerlei ob diese von unten oder oben ausging, weil er anderfalls die"bürgerliche Verfassung bedroht" sah. Spätere Vorschläge zur rechtlichen Gleichstellung der Juden hatten in seinen Augen den Makel, dass sie durch die Französische Revolution ausgelöst oder angeregt waren. Sie erschienen ihm als Vorboten allgemeiner Auflösung.

Als Goethe aufwächst, bahnt sich gerade erst mit Moses Mendelssohn ein epochemachend neuer Typus seinen Weg, der mit der Haskala zugleich einen tiefen Zwiespalt in das deutsche und nicht nur in das deutsche Judentum hineinträgt. Als Goethe stirbt, sind viele der den Weg zur Emanzipation öffnenden Edikte und Juden-Reglements schon Geschichte, zum Teil bereits(noch 1815) zurückgenommene Reglements.


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