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Die Idee vom neuen Menschen

Die Nähe der expressionistischen Idee des neuen Menschen zu religiösen Denkformen zeigte sich nicht zuletzt im predigtähnlichen Ton und messianischen Pathos, mit dem der Einzelne zum Umdenken aufgerufen wurde. "Das einzige Mittel, das der Einzelne hat, um die Welt zu ändern, ist das, sich selbst zu ändern", postulierte Paul Kornfeld 1918.

Als Wunschvorstellung ist die Idee vom neuen Menschen freilich in gleichem Maße Ausdruck von Missbehagen wie von Hoffnung. Es entwickelte sich zu guter Letzt eine Art messianischer Spätexpressionismus.

- Nebenbei bemerkt: Die Idee von "Wandlung" und "neuem Menschen" ist so alt wie der Traum vom Paradies. Bereits in der Bibel findet sie sich und hat zählebig bei Lenins Nachfahren überwintert. Allerdings haben die einen das Paradies im Jenseits erwartet, während die anderen dieses schon auf Erden verwirklichen wollten und stattdessen nicht selten eine Hölle hervorbrachten.

Gestützt wurde der allgemeine Aufschwung durch die einzigartige Symbiose der Literatur mit gleichgesinnten Vertretern anderer Künste. Nicht wenige waren in verschiedenen Künsten gleichzeitig tätig: Ernst Barlach als Bildhauer, Grafiker und Dichter, Oskar Kokoschka und Ernst Weiß als Maler und Dichter.

Der Expressionismus war, wie bereits angedeutet, eine literarische Jugendbewegung, die sich selbst in der Tradition des "Sturm und Drang" und des "Jungen Deutschland" sah, in der Jugendlichkeit hoch bewertet wurde und in der man sich intensiv mit Autoritäts- und Generationenkonflikten in sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhängen befasste. Man beschränkte sich folglich nicht nur auf die Familie, sondern griff weiter aus. Seit der Romantik ist der Expressionismus fraglos der erste große Aufbruch einer Jugend in Deutschland.


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