zurück vor auf Inhaltsverzeichnis


Ernstnehmen jüdischer und christlicher Werte

Gekennzeichnet war die Bewegung ferner durch existentielles Ernstnehmen jüdischer und christlicher Gestalten und ihrer Motive und Werte wie Demut, Liebe, Opfer, Leiden. Die Bewegung besaß also durchaus eine religiöse und theologische Qualität, die jedoch von Kirche und Theologie nicht erkannt worden sind. Wie so oft erwiesen sich wieder einmal beide blind, so wie sie sich gegenwärtig noch immer blind und taub stellen gegenüber den Anliegen und Inhalten der modernen Kunst - abgesehen von einigen wenigen rühmlichen Ausnahmen, zu denen auch der Kölner Pfarrer Friedhelm Mennekes gehört.

Die oben aufgestellte Behauptung, die Künstler der expressionistischen Bewegung litten unter ihrer metaphysischen Obdachlosigkeit ist indes kein Widerspruch zu der Feststellung, dass jüdische und christliche Gestalten und Werte von Expressionisten ernst genommen wurden, schließlich kann man Werte und Ideale einer Religion übernehmen, ohne deren Kern, in diesem Falle die biblische Botschaft, zu akzeptieren. Brecht und andere erklärte Atheisten ließen sich beispielsweise von der Bibel anregen, ohne überzeugte Christen zu sein oder geworden zu sein.

Peter Maser schlägt daher im "Wörterbuch des Christentums" vor, den Expressionismus als quasi-religiös zu bezeichnen. Die oft negative Haltung gegenüber der Religion im Expressionismus hat wohl am krassesten Gottfried Benn zum Ausdruck gebracht. Zwar vermochte er an Gott, den Vater, und an Jesus nicht zu glauben und hat die Menschen verachtet, "die mit ihren eigenen Dingen nicht fertig werden und nun eine andere Stelle um Aushilfe angehen". Doch glaubte er selbst, ohne Klarheit darüber zu haben, an einen, wenn auch dunklen Auftrag und eine metaphysische Bindung. Den religiösen Glauben indes, den betrachtete er als vorschnellen Schluss, der dem heutigen Menschen nicht mehr möglich sei.

Dagegen haben sich Maler aus dem Umkreis der Brücke durchaus mit religiösen Motiven auseinander gesetzt wie etwa Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee in seinem Spätwerk, ferner Ernst Barlach, Wilhelm Lehmbruck, der immer wieder menschliche Grundsituationen mit hohem religiösen Gehalt dargestellt hat.


zurück vor auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis