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NORBERT REICHEL: Der Traum vom höheren Leben. Nietzsches Übermensch und die Conditio humana europäischer Intellektueller von 1890 bis 1945. 187 S., Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994;

Obwohl der Begriff des Übermenschen erst von Nietzsche wirkungsvoll entfaltet wurde, kursierte er in Deutschland schon seit dem 16.Jahrhundert. Während Feuerbach den Begriff des Übermenschen auf das menschliche Denken und die unüberwindbare Spannung zwischen dem Menschen und einer angenommenen übermächtigen Gottheit bezog, hatte Nietzsche die Schaffung eines neuen Menschen im Sinn, der alles Verlogene, Krankhafte und Lebensfeindliche vernichten sollte. In seiner Nachfolge, insbesondere in der französischen und italienischen Literatur des ausgehenden 19.und beginnenden 20. Jahrhunderts, oszillieren die Bilder des Übermenschen dann zwischen dem Ideal der Vervollkommnung der Person und der Legitimation einer sozialen, aus der Masse herausragenden Rolle. Vielfach wird das Übermenschliche zur Triebfeder von Intellektuellen, sich selbst zu vervollkommnen oder eine neue Form menschlicher Existenz zu konstruieren.

Bei vielen dieser Intellektuellen, insbesondere bei Andre Gide, Paul Valery, Gabriele D'Annunzio, Emilio Filippo Tommaso Marinetti, Maurice Barres, Antonio Foggazzaro, Henry Montherlant und Charles Baudelaire, finde man, meint Norbert Reichel, ein Gemisch ästhetischer Ideale und quasi-religiöser Praxis. Den meisten ging es nicht so sehr um Allwissenheit, sondern um die Verwirklichung des Übermenschen. Marinetti verlangte dabei, dass Verfechter der Idee des Übermenschen sich von Nietzsches vergangenheitsorientierten Elementen lösen und der Praxis der Vorrang vor dem "im Staub der Bibliotheken geborenen Übermenschen"(S.5) einräumen sollten. Julien Benda sprach in seinem 1927 erschienenen gleichnamigen Buch in diesem Zusammenhang vom "Verrat der Intellektuellen", weil dadurch das Ideal keine feste und transzendente Grundlage mehr habe, sondern sich nun allein nach der Realität richten müsse. Denn, ob gewollt oder ungewollt, ermöglicht diese Position die Rechtfertigung aller Gewalttätigkeiten, gleichviel ob der einzelne "diese als puren Idealismus oder gar Voluntarismus, als Kollektivismus in Form von Kommunismus, Faschismus oder Katholizismus oder auch 'nur' als Ästhetizismus präsentiert" (S.6).

Krankheit, Grenzbewusstsein, soziale Bedrängnisse zählten viele zu den Charaktereigenschaften des Übermenschen. Eine todbringende Krankheit bietet zum Beispiel manchem die letzte Chance, sich selbst als etwas Besonders zu erleben. Nietzsche setzte in "Ecce Homo" seine Krankheit und die eigene Genialität in Beziehung zueinander. "Ich entdeckte", so schrieb er,"das Leben gleichsam neu, mich selber eingerechnet.... Ich machte aus meinem Willen zur Gesundheit, zum Leben, meine Philosophie"(S.9). Nietzsche betonte weiter, es komme auf den jeweiligen Blickwinkel an, was krank genannt werde und was genial, so dass es an jedem selbst liege, wie sehr er seine Krankheit zu seinem Glück mache. Andre Gide griff diesen Gedankengang auf. In seinem Werk L'Immoraliste" beklagt eine der darin vorkommenden Personen, die von Tuberkulose befallen ist, die Schwächen seines Körpers, die sie darin hindern,die Dinge zu tun, die ihm bisher das Gefühl der Selbstsicherheit und Beherrschung seiner Umwelt gaben: Denken und Lesen. Für Nietzsche aber wurde die Krankheit zum Mittel-und Angelpunkt der Erkenntnis,bis zur Freiheit des Geistes. Zugleich koppelte er die Genese des Typus des "Freien Geistes"mit dem "Tod Gottes"und identifizierte im Symbol"Gott"die Sehnsucht des narzisstisch bedürftiger Menschen,sich eine"ewig dauerhafte Substanz" zu denken, die das eigene Handeln bestimmt und rechtfertigt. Für den

Übermenschen bedeutet jedoch der Tod des Herrn Aufbruch zur Freiheit.

Zum höchsten Exemplar der Gattung kann sich aber auch erheben, wer alles Materielle verachtet. Valerys Diktum "Ein freier Mensch sollte nicht von der Arbeit seiner Hände leben", wirkt, laut Reichel, als Eingeständnis der Ohnmacht in einer Gesellschaft, in der allein die Arbeit mit den Händen, gesteigert in der Funktionstüchtigkeit der Maschine, über Macht und Herrschaft zu verfügen hilft.

In der technisch-kriegerischen Zivilisation entstand neben dem Traum vom Übermenschen der reale Unmensch, wobei beide lediglich, wie eine Tagebuchnotiz Gides vom 12.Januar 1941 belegt, durch einen geringen, moralisch definierten Graben getrennt sind. Zuchtwahl, Vervollkommnung der Rasse oder Art wurden zu Schlagworten in der politischen Auseinandersetzung nicht erst zwischen den beiden Weltkriegen. Nietzsche hingegen hatte im Übermenschen eine höhere, ideale Stufe auf der Entwicklungsskala des Menschen gesehen. Der Übermensch sollte kein biologisches Großwesen sein, sondern, wie im "Zarathustra"zu lesen ist, von"furchtbarer Güte". Erst eine oberflächliche Auslegung hat Nietzsches Übermenschen als biologische Höherentwicklung des Menschen gedeutet. Mussolini hegte gewisse Sympathien für Marinettis Ideen, während Gide offensichtlich von Hitler fasziniert war. Gleichwohl ist Gide vor der letzten Konsequenz zurückgeschreckt, nämlich vor dem Verzicht auf jede moralische Begründung menschlichen Sprechens und Handelns


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