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JOCHEN ZWICK: Nietzsches Leben als Werk. Ein systematischer Versuch über die Symbolik der Biographie bei Nietzsche. 222 S., Aisthesis Verlag, Bielefeld 1995;

Etwa gleichzeitig mit seinem geistigen Zusammenbruch wurde Nietzsche berühmt,zunächst bei nichtakademischen Intellektuellen. Nach 1900 fand er dann auch in weiteren Kreisen Beachtung. Die meisten lernten ihn durch sekundäre Quellen statt durch die eigene Lektüre seiner Schriften kennen. Das Resultat war eine ungenaue und oft auch triviale Nietzsche-Exegese, die von Schlagworten wie "der Übermensch" oder "Herren-und Herdenmoral" geprägt war. Man suchte bei Nietzsche weniger philosophische Erkenntnisse als die Verkörperung der eigenen Befindlichkeit. In etwa lebt in veränderter, rudimentärer Form das emphatische Nietzschebild der Jahrhundertwende in einem Teil der akademischen Fachliteratur heute noch fort. Daneben hat sich in der Nietzsche-Forschung ein Zweig etabliert, der sich in erster Linie mit dem Thema "ästhetische Lebensformen" auseinander setzt.

Jochen Zwick, Jahrgang 1963, derzeit Dozent an der Universität Stuttgart, wählte in seiner Dissertationsarbeit einen anderen Weg. Nietzsches ästhetische Theorie bleibt, von einem einzigen Kapitel abgesehen, eher am Rande der Betrachtung. Stattdessen verlegt der Autor seine Aufmerksamkeit auf die Ästhetisierung von Nietzsches eigenem Lebens, die mit einer Rückkehr zu archaischen und vorästhetischen Erfahrungsformen wie Ritualen, Mythologien und Entsubjektivierungspraktiken bis hin zum Austausch der Identität verbunden war. Der eigentliche Gegenstand der Untersuchung ist nicht so sehr der konkrete Lebenslauf Nietzsches, sondern die Vorstellung, die sich der Philosoph von seinem Leben gemacht hat, also Nietzsches innere, imaginäre und symbolische Biographie, sozusagen die Mythologie seiner selbst. Nietzsches Bewusstsein habe sich im Laufe der Jahre, erläutert Zwick, dem Bewusstsein archaischer Kulturen angenähert, das Abstraktionen wie Schönheit, Fiktion, Ewigkeit noch nicht in Begriffe fasste, sondern als Lebensmächte erfuhr. Doch die Kultur, in der Nietzsche lebte, war nachmythisch, das heißt wissenschaftlich und kritisch. Nietzsches mythische Welt war insofern eine private und innerliche Welt. Da er aber gleichwohl für sie universale Gültigkeit beanspruchte, lebte er im ständigen Konflikt mit seiner Umwelt.

Zwick untersucht zunächst die religiöse, soziale, psychische und ästhetische Erfahrung der Festlichkeit in ihrer Bedeutung für Nietzsches Kulturbegriff. Im antiken religiösen Fest erscheint das Heilige als Überschreitung der gewohnten Bereiche, als Aufhebung fester Ordnungen und Erhöhung der Erfahrungsmöglichkeiten des Menschen. Diese regenerierende Kraft des Dionysischen fehlt jedoch der modernen Welt,die daher,meinte Nietzsche,aus den Fugen geraten sei. Lange Zeit hoffte er, dass die Bayreuther Festspiele diese Wirkung wieder erzielen könnten, die sich auch mit Verwandlung und Erhebung des Menschen umschreiben läßt. Die Enttäuschung darüber, dass die Festspiele die Kulturstufe der Tragödienfeste nicht erneuern konnten und dass sich hier nur eine neue Kunstreligion entwickelte und keine ästhetische und politische Revolution, führte schließlich zum Bruch mit Richard Wagner.

Ein biographisches Analogon zur Idee der Festlichkeit war bei Nietzsche, so schreibt der Verfasser, der Freundschaftsbund, der ebenfalls der Erweiterung der ästhetischen Erfahrung und des philosophischen Diskurses dienen sollte. Eine andere von Nietzsche bevorzugte Lebensform war die Einsamkeit. Nicht von ungefähr hielt sich der Philosoph in seinen letzten zehn Schaffensjahren im Sommer meist in abgelegenen Gebirgsorten auf. Dabei war im 19.Jahrhundert das besondere Prestige des einsamen Lebens, einst traditionelle Lebensform von heiligen Männern, Propheten und Mönchen, längst verloren gegangen. Denn die bürgerliche Neuzeit war von der Vorstellung beherrscht, dass Kommunikation, Austausch und Bewegung Fortschritt und Aufklärung der Menschheit bedeuten. Isolation und Abgeschlossenheit waren infolgedessen verpönt. Da sich Nietzsche für die Einsamkeit entschied, schloss er sich sozusagen selbst von den Grundlagen der zeitgenössischen Ordnung aus und geriet dadurch unweigerlich in ein schiefes, exzentrisches Verhältnis zu seiner Epoche.

Was Nietzsche in der Einsamkeit suchte, war ein Zustand der Fülle und erhöhten Macht. Der Glaube an die eigene Machtfülle verstärkte sich in den achtziger Jahren und mündete am Ende in die Wahnsinnsfantasie der eigenen Gottwerdung. Als empirische Person blieb er freilich"unablässig mit den Grenzen seiner individuellen Wirksamkeit konfrontiert;erst als identitätsloser,abwesend-allgegenwärtiger Einsamer kann er seine empirische Biographie abstreifen und sein Leben exemplarische Qualität gewinnen" (S.107).

Die ästhetische Erfahrung wurde damit wohl zum Modell des Lebens, aber nur auf einer imaginären und sprachlichen Ebene,nicht in der Empirie.

Eine weitere wichtige Erfahrung in Nietzsches Leben war die Krankheit. Sie trug mit dazu bei, dass sich sein Verhältnis zu sich selbst und zur Realität veränderte und sich sein Leben immer mehr dem Biographen entzog. Stattdessen wird es nun in Rollen fassbar, die im Zentrum seiner selbst geschaffenen Mythologie stehen, die des Lehrers der ewigen Wiederkunft des Gleichen und die des Dionysos. In diesen Eigenschaften verkörperte Nietzsche, wie er selbst wiederholt betonte,"ein Schicksal". Kurz vor dem Ausbruch seiner Krankheit unterschrieb er seine Briefe mit "Dionysos" oder "Der Gekreuzigte". Am Ende erlebte er, wie Zwick anmerkt, seine eigene Epiphanie als Gott und erreichte in der Maske des Dionysos schließlich das,"wonach er sich seit langem sehnte: ein Leben im Modus des Ewigen, einen idealen Ruhezustand des Seins, auf den die kontinuierlich verfließende Zeit keinen Einfluss mehr hat"(S.214).


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