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Wie urteilten seine Freunde und Kritiker über ihn?

Er war ein Mann, so Grass, der es wagte, mit seinen Widersprüchen zu leben, er hat der sozialen Demokratie das Wort geredet, er war ein wortreicher Kunstverächter, ein emanzipierter Jude und ein Kierkegaardscher Katholik, ein sesshafter Berliner und "solange ein unsteter Landkartenreisender bis mit Hitler die Kolbenheyer und Grimm die Macht ergriffen hatten, bis er vertrieben wurde und ihn die Emigration wider seinen Willen in Bewegung zu setzen verstand."

Der langjährige Freund Ludwig Marcuse schrieb 1962, Döblin sei der "Opponent an sich" gewesen, "rauflustig und vehement und fröhlich."

Robert Minder meinte, dass Döblin ein "Großstadtmensch durch und durch" gewesen sei, ein Literat vom Scheitel bis zur Sohle, mit genialem Sensorium für das Kollektivwesen Mensch in der Masse, zu dionysischem Ausbruch und Überschwang getrieben, wenigstens im Werk, persönlich bescheiden, grazil, nachdenklich und spöttisch, von einem äußerst wachen Verantwortungsgefühl und auf ständiger Suche nach dem besseren Menschen, der besseren Zukunft."

Ernst Kreuder sagte über ihn, gleichgültig, wie viel oder wie wenig Döblin gelesen werde, die Wirksamkeit seines Schaffens sei nicht aufzuhalten.

Hans Mayer nennt ihn sogar einen hochgebildeten Religionsphilosophen, rühmt seine genialische Einbildungskraft, Sprachmächtigkeit, seinen Scharfsinn, seine Geschicklichkeit als Wundarzt, seine Neugier auf Menschen und Menschliches, Güte, Solidarität mit Schwachen.

"Eigensinnig und selbstvergessen suchte er seinen Weg ein wahrer Amokläufer unter den Schriftstellern unseres Jahrhunderts", so Marcel Reich-Ranicki. "Da er Jude war", schreibt der Literaturpapst weiter, "irritierte ihn das Judentum, mit dem er Jahrzehnte haderte. Da er ein Preuße war, zweifelte er am Preußentum, das er attackierte. Da er ein Deutscher war, hat er wie alle Deutschen, die etwas taugten, an Deutschland gelitten." Er hatte die Gabe, sich immer neue Feinde zu machen und war ein chaotischer Geist, der sich nach Ordnung sehnte. Döblin selbst schrieb 1938: "Man lernt von mir und wird noch mehr lernen." Und Reich-Ranicki fügte hinzu: "Er hat recht behalten."

In seiner künstlerischen Vielseitigkeit war Döblin von Anfang an nicht festlegbar.

"Er war nie dort, wo man ihn vermutete, er sprang aus jeder Schublade, in die man ihn stecken wollte", urteilte Friedrich C.Delius über ihn.

Zunächst gehörte er zur literarischen Avantgarde der 1920er Jahre und experimentierte mit Sprach- und Erzählkonventionen. Schon früh begeisterte er sich für die neuen Medien Radio und Film. Filmgleich lässt er in vielen seiner Texte Sprachfetzen und Bilder als Montage an den Augen des Lesers vorbeiziehen. Werbeslogans, Zeitungsberichte, der Berliner Jargon - all diese Elemente des Großstadtlebens fließen in seine Prosa ein.

Er schreibt knapp, expressionistisch, experimentell, sachlich, dann wieder episch breit, exotisch oder hymnisch. Breit wie seine stilistische Klaviatur ist die Fülle der Themen, die er aufgreift. Döblin war ein pathologischer Vielschreiber. Seine umfangreichen Romane erscheinen bei der ersten Lektüre häufig als wenig strukturiert. Eilig hingeschrieben, kaum korrigiert, bieten sie dem Leser eine ungeheure Stoff- und Bilderfülle. Thomas Mann bemerkte 1926 boshaft: "Es gibt sehr wenige Leute, die Döblins Bücher zu Ende lesen können." Schon viel früher hatte Döblin nicht ohne Hochmut festgestellt: "Ich schreibe nicht fürs Publikum, sondern zu meinem Privatvergnügen." Und so hat sich das interessierte und gutwillige Publikum den meisten seiner Bücher entzogen - und entzieht sich ihnen immer noch.

Mit eigensinniger Wachheit und Neugier nahm dieser Arzt und Dichter Anteil an allen wesentlichen Ereignissen und geistigen Tendenzen des Zeitalters: an den Weltkriegen und Revolutionen, an Wissenschaft und Mystik, Politik und Religion, Technik und Philosophie. .

Döblin, der den Moloch Technik nicht weniger fürchtete als den Leviathan Staat war ein entschiedener Demokrat und konzessionsloser Vertreter der "menschlichen Grundfreiheiten". In den zwanziger Jahren gehörte er zu den "linksbürgerlich" genannten Autoren, die den politischen und sozialen Verhältnissen in Deutschland kritisch gegenüberstanden, die Republik aber nicht abschaffen, sondern verbessern wollten und deshalb durch konstruktive Aktivitäten für sie eintraten Döblin war ein Mann, den die Welt etwas anging, den sie anredete und von dem sie Stellungnahmen abverlangte, nicht die Beobachtung, die Teilnahme machte ihn zum Prosaisten.

"Religion, Mystik, Kunst" gehörten für ihn seit den dreißiger Jahren "ins Zentrum einer neuen Menschheit".


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