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Übertritt zum Katholizismus

Döblins Weg führte vom geistesrevolutionären zum christlichen "Döblinismus". In "Schicksalsreise" bekennt er, "dass ich keine Zeit meines Lebens antireligiös war." Das haben viele, die sich mit seinem Leben und Werk befasst haben, offenbar nicht begriffen. Hermann Kesten und nach ihm Jürgen Serke meinten zum Beispiel, dass Döblin in den zwanziger Jahren der "Großinquisitor des Atheismus" gewesen und erst später fromm geworden sei. Im Grunde war er von Anfang an, ein gläubiger Anarchist, auf der Suche nach einem Hafen, den er 1941 gefunden zu haben glaubte.

Vorbereitet durch die Entfremdung vom Judentum und durch die Arbeit an der Amazonas-Trilogie näherte sich Döblin während des Pariser Exils schrittweise dem Christentum an. Schon in der "Reise in Polen" war die Faszination durch den tragisch unterliegenden Stifter des Christentums unübersehbar. In der Marienkirche von Krakau stößt er auf das Kruzifix, das Veit Stoß "aus seiner jammernden Seele geholt" hat.

In "Schicksalsreise gesteht er, dass er in Paris oft vor Läden gestanden habe, in denen man Kruzifixe verkaufte.

"Sie zogen mich an", heißt es. "Vor ihnen fiel mir ein: das ist das menschliche Elend, unser Los, es gehört zu unserer Existenz, und dies ist das wahre Symbol. unfassbar der andere Gedanke: was hier hängt, ist nicht ein Mensch, dies ist Gott selber, der um das Elend weiß und darum herabgestiegen ist in das kleine menschliche Leben." Weiter unten liest man: "Ich vermag mir von Gott kein liebliches Bild zu machen. Ich muss den, der diese Welt bestellt, nehmen wie er (und diese Welt) ist. Ich muss ihn in Bausch und Bogen schlucken. Einen filtrierten 'lieben Gott' kann ich nicht akzeptieren."

Er ist bestürzt, wie eine Erleuchtung trifft es ihn beim Anblick des gekreuzigten Jesus: "Schmerz, Jammer ist in der Welt". Erschüttert bekennt er sich zu dem "hingerichteten Rebellen".

Im Exil kommt er zu der endgültigen Erkenntnis, dass Christus der zu Unrecht Verurteilte, der gepeinigte Gott in Menschengestalt ist, der der bitteren Wirklichkeit unserer gewaltsamen Weltära eine frohere. realistischere Heilslehre bietet als jede nur auf irdisches Glück gerichtete Utopie.

Angeleitet von Jesuiten tritt Döblin, zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Stephan, in den USA am 30.November 1941 zum Katholizismus über - mit der Unbedingtheit eines konvertierten Katholiken. Doch hat er bis nach dem Krieg aus Solidarität und aus finanziellen Gründen seine Konversion geheim gehalten.

Allerdings hat der Übertritt zum katholischen Christentum den Schriftsteller im Alter weder einsichtiger noch milder gestimmt und auch nicht vor Einsamkeit und Verbitterung bewahrt. Denn selbst nach seiner Konversion war er ein Fragender und Suchender geblieben. Sein undogmatisch ökumenischer christozentrischer Glaube, sein pazifistischer Widerstand gegen jeglichen Totalitarismus machten ihn weiterhin zu einem der unbequemsten und aktuellsten Schriftsteller unseres Zeitalters.

Der Germanist Robert Minder, Döblins treuer Freund und Bewunderer, meinte, sein Christentum sei "bis zuletzt von einer freien, schweifenden Art geblieben."

Was aber faszinierte den Schriftsteller am Katholizismus? Seit seiner Jugend war es vor allem das katholische Ritual, nicht unbedingt dessen Ideen. Doch hat er sich auch mit Buddha und Konfuzius beschäftigt.

Sein Übertritt zum Katholizismus erzeugte bei seinen Freunden und Kollegen Abwehr und überscharfe Reaktionen.

Anlässlich seines 65. Geburtstages im Jahr 1943 traf sich ein illustrer Kreis im kleinen Theatersaal von Santa Monica in der Nähe von Hollywood. Alles deutsche Emigranten: Bertolt Brecht und seine Frau Helene Weigel, die Brüder Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler - also alles, was Rang und Namen hatte. Man feierte zusammen - und ehrte das vereinsamte und verarmte Geburtstagskind. Doch als Döblin in seiner Dankesrede kundtut, dass er, der jüdische Intellektuelle, zum christlichen Glauben gefunden habe und - katholisch - getauft worden sei, kommt es zum Eklat. Einige Gäste verlassen sogar die Feier, ohne sich zu verabschieden.

"Man lehnte mich schweigend ab", bemerkt Döblin in "Schicksalsreise", und der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald kommentiert Jahrzehnte später: "Die Radikalität seines im Sinne Kierkegaards verstandenen Christentums stieß bei den Zeitgenossen auf eine Mauer der Verachtung und des Misstrauens."

Brecht berichtet darüber in seinem Gedicht "Peinlicher Vorfall".

"Die Stimmung war gerührt. Das Fest nahte seinem Ende.

Da betrat der gefeierte Gott die Plattform,

die den Künstlern gehört

und erklärte mit lauter Stimme

vor meinen schweißgebadeten Freunden und Schülern

Dass er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr

Religiös geworden sei und mit unziemlicher Hast

Setzte er sich herausfordernd einen mottenzerfressenen Pfaffenhut auf

Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte

Schamlos ein freches Kirchenlied an, so die irreligiösen Gefühle

Seiner Zuhörer verletzend, unter denen

Jugendliche waren.

Seit drei Tagen

habe ich nicht gewagt, meinen Freunden und Schülern

unter die Augen zu treten, so

Schäme ich mich.“

Für Brecht war Döblins Konversion ein Zusammenbruch, für den er sich - schämt.

"Nichts ist mir widriger als der aufgeklärte Liberalismus. der über die Religionen lacht und sie für Massenfraß hält. Das Beste, was wir können, ist beten", schrieb Döblin als Student 1904 an Else Lasker-Schüler, zu einer Zeit, als er seine eigenen Polemiken zum Thema Religion noch vor sich hatte.

Jetzt erkannte er die "zerrissene Gestalt am Kreuz" ihren "grausigen Opfertod als einzigen getreuen Spiegel des Menschen" an. 1942 begann Döblin in "Der unsterbliche Mensch" ein Religionsgespräch, um seinen neu gewonnenen Glauben zu untermauern und zu rechtfertigen. Im Frühjahr 1943 war das dialogische Werk abgeschlossen und bald danach veröffentlicht. So wurde durch Döblins erste Buchveröffentlichung nach dem Krieg seine Konversion allgemein publik. Er fand dafür nur einige prominente Fürsprecher und Bewunderer wie Eugen Kogon, Walter Dirks und Elisabeth Langgässer. Überwiegend übte er bei seinen Kritikern und Freunden Irritationen aus. Selbst Günter Grass vermag diesen Schritt nicht mehr nachzuvollziehen, so sehr er Döblin auch in seinen anderen Lebens- und Schaffensphasen bewundert.

Es gab etliche Einwände gegen Döblins Bekehrung, zum Beispiel hieß es, er sei "in den Schutz der Kirche geflüchtet" oder: die Hinwendung zu Gott sei "zur Abkehr von der Humanität und vom Humanismus" geworden.

Die kommunistische „Berliner Zeitung“ veröffentlichte im Juni 1946 einen Artikel,

der den vielsagenden Titel „Flucht aus der Wirklichkeit“ trug, in dem steht, „der Nervenarzt selber verlor unter den Eindrücken des Zusammenbruchs die Nerven.“

Im “Frankfurter Börsenblatt“ im Jahr 1947 hieß es, Döblin habe sich zur Konversion entschlossen „auf der Flucht, einsam und hoffnungslos – von seiner Familie getrennt! Was blieb ihm übrig, in der kleinen ausgerechnet südfranzösischen Stadt, - ohne Familienanschluss! War es nicht zum Katholischwerden.“ Anderen erschien sein Schritt naiv und lächerlich weltfremd.

Ein scharfsichtiges Urteil fällte Elisabeth Langgässer, die selbst jüdischer Herkunft und überzeugte Christin war. Sie meinte, Döblins Buch "Der unsterbliche Mensch" werde "in Berlin die literarischen Kreise zum Sieden, Toben und Rasen bringen" und fuhr fort:

"Dass Einer (der früher Einer von ihnen war) vor dem Kreuz niederfällt und anbetet, mag noch angehen, und wenn er gar Franzose ist, wird es sogar als neueste literarische Mode verziehen, dass aber ein solcher Geist seine Konversion nicht in ästhetischen Kategorien vollzieht, sondern zuletzt hinkniet wie ein alter Bauer - etwas schwerfällig mit steifen Knien - und auch so betet - 'Seele Christi heilige mich. Leib Christi erlöse mich' -..das darf nicht sein. Denn das ist ja gelebt, um Gottes Willen! Das ist Zeugnis! Das ist ganz einfach die persönlich erlebte und begrenzte Wahrheit eines Mannes, der schrecklicherweise dazu noch Döblin heißt. Welch eine Katastrophe!"

Dorothee Sölle wiederum merkte an: "Was Döblin in den Wirren seiner Flucht, dem Abgeschnittensein von Familie, Freunden, Geld und Aussichten in Mende (hier hatte er in der Kirche lange vor dem Kruzifix gesessen d.V.) erlebt hat, steht in der Kontinuität seines Weges. Es ist lächerlich zu sagen, Döblin sei im Alter oder durch die Emigration fromm geworden, er war es schon immer."


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