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".. den Blick von Auschwitz nicht abwenden" Neue Bücher zum Holocaust (1995)

Gunnar Heinsohn,

Warum Auschwitz?

Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt.

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1995;

221 S., DM 14,90

Gideon Greif,

"Wir weinten tränenlos...". Augenzeugenberichte der jüdischen "Sonderkommandos" in Auschwitz.

Aus dem Hebräischen von Matthias Schmidt.

Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 1995;

360 S., DM 44,--

Gerhard Werle/Thomas Wandres,

Auschwitz vor Gericht.

Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz.

Mit einer Dokumentation des Auschwitz-Urteils.

C.H. Beck Verlag, München 1995;

240 S., DM 24,--

Deborah E.Lipstadt,

Betrifft:Leugnen des Holocaust.

Aus dem Amerikanischen von Gabriele Kosack.

Rio Verlag, Zürich 1994;

319 S., DM 44,--

Der deutsche Massenmord an den europäischen Juden,die größte Menschheitskatastrophe unseres Jahrhunderts und der zivilisierten Welt und nicht zuletzt auch des Christentums, steht in diesen Monaten des Gedenkens und Erinnerns an die Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager und den Zusammenbruch der Hitler-Diktatur vor fünfzig Jahren wieder einmal im Mittelpunkt erhöhter Aufmerksamkeit und weckt erneut bohrende und beunruhigende Fragen.

Mancher überlegt sich hin und wieder heute noch: Wie kam es eigentlich zu Auschwitz? Warum wollte Hitler die Juden vernichten? Zahlreiche Wissenschaftler haben sich im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte um Antworten auf diese und ähnliche Fragen bemüht

und dabei mehr als vierzig Theorien entwickelt. Dennoch konnte der Zivilisationsbruch,

der sich in dem Kürzel Auschwitz verbirgt,bisher nicht hinreichend erklärt werden. Gleichwohl fehlt es nicht an richtigen Einschätzungen über die wichtigsten Voraussetzungen für den nationalsozialistischen Völkermord. Ermöglicht wurde dieser, so stellten Wissenschaftler fast übereinstimmend fest, vor allem durch den in der abendländischen Geschichte, selbst bei Intellektuellen, tief verwurzelten Judenhass, durch Gehorsamsbereitschaft, Herrenmentalität, Heilsversessenheit, bürokratischen Organisationsfanatismus der Deutschen sowie durch die infolge des Krieges gewonnene Macht über den Großteil der europäischen Juden.

Hitler wollte das gesamte Judentum vernichten, weil er hoffte,so lautet Heinsohns These, dass mit der Auslöschung der Juden auch die Thoragesetze des Lebensschutzes und der Liebes- und Gerechtigkeitsgebote aus der Welt verschwinden würden. Wenn die Tafeln vom Berg Sinai erst einmal ihre Gültigkeit verloren hätten, dann wäre auch der Weg frei für eine Wiederherstellung des Rechts auf Töten. Denn die Natur, so begründete Hitler, laut Heinsohn, seinen Angriff auf die Heiligkeit des Lebens, sei grausam. Darum dürften die arischen Herrenmenschen es auch sein. "Auschwitz war ein Völkermord für die Wiederherstellung des Rechtes auf Völkermord(S.18)", heißt Heinsohns bündige Schlussfolgerung.

Die Gründe, die Hitler persönlich zu seinem Tun veranlasst haben, seien bislang am wenigsten verstanden worden, meint der Bremer Historiker und Soziologe Gunnar Heinsohn und versucht, mit seinem Büchlein"Warum Auschwitz?" dieses Manko zu beheben. Tatsächlich gibt er auf die Frage nach Hitlers Motiv für die Ermordung der Juden eine überraschende und durchaus plausible Antwort, die freilich die Theorien der übrigen Wissenschaftler keineswegs überflüssig macht.

Das neue Gesetz zum Töten lernte zuerst der SS-Totenkopforden kennen, etwas später die Millionen Soldaten des deutschen Ostheeres und schließlich auch die Hitlerjugend. Hier wurde der gesamte deutsche Nachwuchs zur Rücksichtslosigkeit gegen fremdes Leben erzogen. Begonnen hat die Beseitigung der jüdischen Ethik durch Ausrottung der Juden und die Wiederherstellung des Rechts auf Töten schon vor Auschwitz, nämlich mit der Tötung behinderter Menschen durch das sogenannte Euthanasie-Programm.

Gewiss kann man versuchen,wie es Wissenschaftler getan haben, den Holocaust mit anderen Völkermorden zu vergleichen. Fest steht jedoch, dass er sich von allen übrigen Genoziden gravierend unterscheidet, nicht zuletzt dadurch, dass ein Teil der Opfer gezwungen wurde, an der Vernichtung des eigenen Volkes mitzuwirken. Gingen doch die Täter in ihrer Hinterhältigkeit davon aus, dass ein Häftling mit besonderen Machtbefugnissen die ihm aufgetragenen Befehle gegenüber seinen Mithäftlingen kompromisslos ausführen würde, um sein Leben zu retten. Die Erfindung und Aufstellung der Häftling-Sonderkommandos ist wohl das dämonischste Verbrechen,das sich Menschen je ausgedacht haben. Juden mussten Juden in die Verbrennungsöfen transportieren."Man musste beweisen", schrieb Primo Levi, "dass die Juden, die minderwertige Rasse, die Untermenschen, sich jede Demütigung gefallen ließen und sich sogar gegenseitig umbrachten."

Hitler, der schon früh das Gewissen als jüdische Erfindung attackiert hatte, glaubte,für die gesamte Menschheit zu handeln,wenn er die Juden Europas ein für allemal beseitigte. Niemand sollte mehr vorhanden sei, dem es einfiele, beim Blick auf die Taten der Nazis von Wahn, Barbarei, Gewissenlosigkeit, Kälte, Massenmord und absolutem Megaverbrechen zu sprechen. Der Bremer Wissenschaftler erläutert nicht nur seine eigene Theorie zu Auschwitz. Er ruft auch die einzelnen Etappen der Judenvernichtung in Erinnerung und weist darauf hin, dass Homosexuelle, europäische Zigeuner und die Zeugen Jehovas ebenfalls zu jenen gehörten, die Hitler rigoros ausmerzen wollte, weil sie nicht ins"arische"Konzept passten. Ferner stellt er zweiundvierzig Theorien zu Auschwitz vor, von denen acht allein auf das Konto des Historikers Ernst Nolte gehen. Neben wissenschaftlichen Theorien entstanden theologische und psychologische Auschwitzdeutungen. Etliche Wissenschaftler ließen es sich angelegen sein, Auschwitz mit anderen Massakern auf eine Stufe zu stellen und historisch einzuordnen - zum Missfallen vieler ihrer Kollegen und eines Teils der Bevölkerung. Manche Historiker sehen in der Judenvernichtung ein zwangsläufiges Zufallsprodukt oder vermuten dahinter entweder eine Verschwörung von Himmler oder einen Befehl von Hitler. Einige sind der Meinung, dass Auschwitz unerklärbar sei, "ein Niemandsland des Verstehens"(Dan Diner). Nicht wenige Autoren betrachten Auschwitz als die Vollendung des christlichen Judenhasses, Feministen sogar als die Bestrafung der Juden für die Überwindung weiblicher Gottheiten und manche als das Werk eines Psychopathen. Dieser Auffassung widerspricht,wie unschwer zu erkennen ist, die oben skizzierte These von Gunnar Heinsohn.

Gideon Greif, Mitarbeiter von Yad Vashem in Jerusalem, hat zehn Jahre lang dieses Thema erforscht und sieben Überlebende von Sonderkommandos befragt. Seine Interviews enthält der Band"Wir weinten tränenlos..." in vollem Wortlaut, neben einem informativen Vorwort. Greifs Gesprächspartner lebten ursprünglich in Griechenland oder Polen und wurden von dort aus nach Auschwitz verschleppt. Nach der Befreiung wanderten sie in das heutige Israel aus. Illustriert werden die Texte durch Zeichnungen von David Olere, der ebenfalls Gefangener eines Sonderkommandos war.

Die ehemaligen Häftlinge schildern detailliert, mit einfachen, aber ausdrucksstarken Worten ihre menschenunwürdigen Funktionen, die sie in Auschwitz-Birkenau innehatten. Josef Sackar beispielsweise erzählt, wie sehr ihr Leben von alltäglichen Konflikten, unglaublichen Spannungen,von großer Angst und dem Kampf ums psychische und physische Überleben beherrscht wurde. Eliezer Eisenschmidt konnte auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Mauthausen entfliehen und wurde von einer polnischen Familie aufgenommen, mit der er noch in Verbindung steht. Die Häftlinge der Sonderkommandos, die im Gegensatz zu den übrigen Gefangenen von Hunger und Unterernährung verschont blieben, mussten das Auskleiden der Opfer überwachen. Der Anblick der Leichen beim Öffnen der Gaskammern steht vielen noch jetzt klar vor Augen. Im Grunde haben sie Auschwitz nie ganz verlassen. In ihren Träumen kehren sie oft noch dorthin zurück, so auch die Brüder Abraham und Shlomo Dragon, die es bis heute nicht fassen können, dass sie die Hölle überlebt haben. Doch die Tatsache, dass sie am Leben geblieben sind,das sei die beste Rache an den Mördern, sagen die Brüder. Dabei war ihr Überleben gar nicht vorgesehen. Denn sobald der Völkermord abgeschlossen war, sollten die Häftlinge der Sonderkommandos, auf Befehl von Adolf Eichmann, als unliebsame Augenzeugen der NS-Verbrechen ebenfalls aus dem Wege geräumt werden. Das Vorhaben wurde vereitelt. Am Tag der Befreiung des Lagers,am 27.Januar 1945, waren unter den überlebenden Lagerinsassen auch einige Dutzend Angehörige der Sonderkommandos.

Nachdem jene die Hölle hinter sich gelassen hatten, wurde ihnen häufig der Vorwurf gemacht,Kollaborateure, Verräter, Denunzianten und Diener des Teufels gewesen zu sein. Überlebende Juden sehen in ihnen nicht selten "große Mörder", die fast so schrecklich wie die Deutschen gewesen seien. Mit dieser Schuld mussten die Häftlinge der Sonderkommandos fertig werden. So ist es nur allzu verständlich, dass ihre Aussagen bewusst oder unbewusst von Apologetik durchsetzt sind. Immer wieder betonen sie den Zwang und die Gewalt,unter denen sie ihre Aufgaben verrichten mussten und heben hervor, dass sie nicht die Möglichkeit hatten, zwischen Gehorsam und Verweigerung zu wählen. Man müsse den Abgrund von Niedertracht gründlich ausloten, betont Greif, denn was gestern verübt worden sei, das könne morgen noch einmal geschehen. Man dürfe den Blick von Auschwitz nicht abwenden.

Nach dem Ende des Krieges hat es lange gedauert, ehe die furchtbaren Verbrechen der Nazis in der Öffentlichkeit wenigstens ansatzweise zur Sprache kamen und vor Gericht verhandelt wurden. Fast zwanzig Jahre mussten vergehen, ehe der Auschwitz-Prozess überhaupt stattfinden konnte. Das geschah in den Jahren 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main vor dem Landgericht- in erster Linie auf Veranlassung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer. Die Geschichte dieses bedeutsamen Strafprozesses schildert das Buch "Auschwitz vor Gericht" von Gerhard Werle und Thomas Wandres. (Werle istStrafrechtler an der Humboldt-Universität zu Berlin und Wandres sein wissenschaftlicher Mitarbeiter).Ihr Band dokumentiert die umfangreichen Beweiserhebungen und die wichtigsten Passagen des Urteils. Er macht deutlich,wie die Todesfabrik Auschwitz funktionierte und worin der individuelle Beitrag der einzelnen Beteiligten lag. Zudem vermittelt er einen tiefen Eindruck von der Atmosphäre der Verhandlungstage.

Kein ehemaliger SS-Angehöriger, kein Angeklagter hat die fürchterlichen Geschehnisse im Lager verleugnet, im Gegenteil, die meisten haben freimütig, unter Verwendung des Lagerjargons,die allgemeinen Verhältnissen der Realität dargelegt. Sie bestritten lediglich,dass sie selbst etwas mit den Massentötungen zu tun gehabt haben. unfassbar aber bleibt, dass kein Angeklagter bei dem Prozess auch nur eine Spur von Reue, Mitleid oder eine andere menschliche Regung gegenüber den überlebenden Opfern gezeigt hat, die häufig ihre ganze Familie verloren hatten.

Viele hörten bei dem Prozess zum ersten Mal ungeschminkt, was beinahe zwei Jahrzehnte lang verschwiegen, vergessen und verdrängt worden war. Die Prozessbeobachter lernten erschütternde Einzelschicksale kennen, die tägliche Routine der Mordmaschinerie, die nie in Gang gekommen wäre, wenn sich nicht Zehntausende zu ihrer Bedienung bereitgefunden hätten, und erfuhren, dass "hinter dem Lagertor", wie der Gerichtsvorsitzende Hofmeyer in seiner mündlichen Urteilsbegründung ausführte, "eine Hölle begann,die für das normale menschliche Gehirn nicht auszudenken ist"(S.29). Leider habe der bundesdeutsche Gesetzgeber, bedauern die Autoren zu Recht, auf Sonderregelungen für die Bestrafung von NS-Verbrechen verzichtet. Auch die Justiz habe sich geweigert,die ganze Tragweite des Geschehens zur Kenntnis zu nehmen und habe mit juristischen Ausweichmanövern den kollektiven Anteil an der Entstehungsgeschichte des Holocaust ausgeblendet, insbesondere den Beitrag der Juristen. Stattdessen wurde die Beteiligung an der Judenvernichtung im Frankfurter Landgericht wie normale Kriminalität behandelt. Haupttäter waren Hitler,der den Vernichtungsbefehl erteilte, Himmler und die Angehörigen des engsten Führungskreises sowie Göring und Heydrich. Die zahlreichen Helfershelfer und Handlanger, die die Befehle ausführten und oft eigenhändig die Opfer erschossen, galten nicht als Täter, sondern als Mordgehilfen. Sie kamen mit verhältnismäßig milden Strafen davon. Auf diese Weise wurde die rechtshistorische Wahrheit verfälscht und verharmlost. Denn das real geltende Recht des Dritten Reiches sei viel fürchterlicher gewesen, so der berechtigte Einwurf von Werle und Wandres, als es die Gerichte nach dem Krieg wahrhaben wollten. Immerhin habe das im Dritten Reich geltende Recht die Juden nicht nur als Opfer definiert,diskriminiert und entrechtet,sondern auch ihren bürgerlich-rechtlichen Tod verfügt. Im Namen des Rechts wurden Menschen für vogelfrei erklärt und getötet. Besagte doch das von Hitler erlassene Recht:du sollst töten und deine Tötungshemmung überwinden. Damit seien die elementaren Rechtsgrundsätze zivilisierter Länder bis zur äußersten Konsequenz ausdrücklich verneint und in ihr Gegenteil verkehrt worden.

Neben den von Gideon Greif herausgegebenen Augenzeugenberichten der jüdischen "Sonderkommandos" ist der von Werle und Wandres dokumentierte Auschwitz-Prozess mit den Aussagen der Zeugen und Angeklagten und den schmerzlichen Erinnerungen der Opfer ein beredtes und unwiderlegbares Zeugnis gegen jedes Leugnen des nationalsozialistischen Völkermords, das gegenwärtig wieder einmal Hochkonjunktur hat. Fatalerweise wird der Stellenwert der Holocaust-Leugnung für die rechtsextremistische Hetzpropaganda meistens unterschätzt. Aufmerksamkeit verdienen daher auch die präzisen Widerlegungen der Auschwitz-Lüge in der Publikation"Betrifft:Leugnen des Holocaust" aus der Feder der Amerikanerin Deborah E.Lipstadt. Ihr Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt, denn offensichtlich glauben die Leugner nicht einmal mehr den Tätern, wie Hitler, Himmler, Ley, Höß und den Angeklagten im Auschwitz-Prozess, die sich immerhin zum Holocaust als der "Endlösung der Judenfrage" bekannt haben.

Die Autorin (sie ist Dozentin für jüdische Geschichte in Atlanta) verfolgt die Geschichte der Leugnung des Holocaust. Sie entlarvt die Auschwitz-Lüge als ein Mittel der rechtsradikalen Unterwanderung und ihre Vertreter als Hetzer, die vor keiner Lüge und keiner boshaften Unterstellung zurückschrecken. Zu diesen zählt sie den amerikanischen Ingenieur Fred A.Leuchter, Ernst Zündel in Kanada, den englischen Historiker David Irving, Arthur R.Butz in den USA, Robert Faurisson in Frankreich,Walter Ochsenberger in Österreich ebenso das Institute for Historical Review in Kalifornien, das den dubiosen Unterstellungen einen wissenschaftlichen Anstrich geben soll. Durch sachliche Argumente und scharfe Analysen veranschaulicht Lipstadt die Methoden der Holocaust-Leugner, die sie anwenden,um ihre wahren Absichten zu verschleiern, und gibt einen kurzen Überblick über die Bandbreite ihrer Aktivitäten in den einzelnen Ländern: in Belgien, England, Frankreich, Österreich, in der Schweiz,in der USA,in Lateinamerika,Australien und Neuseeland. Die arabischen Staaten haben sich ebenfalls für dieses Thema empfänglich erwiesen. Hinzu kommt, dass sich seit dem Zusammenbruch des Kommunismus die Holocaust-Leugner aus Nordamerika und Westeuropa mit gleichgesinnten Kreisen aus Osteuropa zusammengetan haben. Es ist in der Tat erschreckend,wie viele antiisraelische, antisemitische Kräfte und Holocaust-Lügner gegenwärtig überall aus ihren Löchern hervorkriechen.

Die Behauptungen der Holocaust-Leugner, dass der Völkermord nie stattgefunden, dass es in Auschwitz nie Gaskammern gegeben habe und der Versuch, das jüdische Volk auszurotten, nie passiert sei,bieten, meint Lipstadt, Anlass zur Sorge und Wachsamkeit. Die lügenhaften Thesen machten nämlich den Antisemitismus und den Nationalsozialismus wieder salonfähig. Sie rehabilitierten die Verbrecher, dämonisierten und beleidigten die Opfer und verfälschten darüber hinaus die Geschichte, höhlten die Demokratie aus und setzten Vernunft,Wahrheit und die Erinnerung außer Kraft. Obwohl unter rationalen Gesichtspunkten die antijüdischen Hetzschriften und Parolen der Holocaust-Leugner in den Mülleimer der Geschichte gehörten, gingen arglose Zeitgenossen dem teuflischen Blendwerk ihrer Argumentationsweisen auf den Leim oder stärkten ihnen ungewollt den Rücken, zum Beispiel Intellektuelle, die im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung jenen Gruppen die Möglichkeit geben möchten,ihre Ansichten im Radio und Fernsehen zu verbreiten. Redefreiheit steht aber, so Lipstadts Einwand,nur denen zu, die sie nicht missbrauchen. Auch andere haben ihr Scherflein zur Verbreitung der Holocaust-Lüge beigetragen, wie etwa der bekannte konservative Journalist Patrick Buchanan, der englische Literatur-Professor Austin App, prominente Historiker wie Harry Elmer Barnes,Hellmut Diwald, Andreas Hillgruber, Ernst Nolte und alle, die den Holocaust relativieren, ihn mit sonstigen Gewalttaten gleichsetzen oder die Ansicht vertreten, die Nazis seien nicht schlimmer gewesen als die übrigen Täter und Mitläufer von Terror-Regimen. Ungewollt haben selbst Politiker wie Ronald Reagan, Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und andere aus ihren Reihen mit fragwürdigen Aussagen und gedankenlosen Äußerungen den Holocaust-Leugnern eine gewisse Respektabilität verschafft. Sie seien zwar alle keine verkappten Holocaust-Leugner, räumt die Historikerin ein. Aber ihre Arbeit laufe auf dasselbe hinaus: die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Verfolgten und Verfolgern werden verwischt. Auch wenn keiner die Faktizität der Ereignisse bestreite, so unterstützten sie indirekt alle,die Auschwitz in Abrede stellen.

Was ist zu tun? Wie muss man Holocaust-Leugnern begegnen? Diskussionen mit diesen Leuten lehnt die Autorin ab, weil Dispute sie nur aufwerten würden. Einige glauben,der Gerichtssaal sei der rechte Ort, um sie zu bekämpfen. Aber allzu leicht könnten legislatorische Sanktionen, fürchtet die Verfasserin, die Holocaust-Leugner "zu Märtyrern auf dem Altar der freien Meinungsäußerung erheben"(S.266).Eine Reihe von Ländern verweigert den bekannteren unter ihnen die Einreise. Manche meinen, man solle sie links liegen lassen. Allerdings zeigen ihre Machenschaften, dass bloße Nichtachtung keine Alternative ist. Die akademische Welt müsse in die Pflicht genommen werden, mahnt Deborah E. Lipstadt: insbesondere Lehrer, Historiker, Soziologen und Politologen. Die Einrichtung von Holocaust-Museen hält sie für sinnvoll, unter der Voraussetzung, dass sie kompetent und richtig über den Holocaust informieren und bei der Auswahl der Fakten, die sie weitergeben, behutsam und gewissenhaft vorgehen. Die Wahrheit müsse mit starken Waffen geschützt werden,jedoch weder polemisch noch emotionsgeladen. Das breite Publikum sei über die Bedrohung ihrer historischen und weltanschaulichen Fundamente umfassend zu unterrichten. Alle sollten wissen, wofür jene Leute stehen, nämlich für Lüge und Hass. "Die schwachen Stimmen von Millionen rufen aus der stillen Erde nach uns, erinnernd und fordernd", damit wir niemals in unserer Wachsamkeit nachlassen.

Obgleich die hier vorgestellten Bücher unterschiedliche Aspekte des Holocaust beleuchten, so ergänzen sie sich doch recht gut. Sie alle bestechen durch verständliche Darstellung und gute Lesbarkeit. Vor allem aber vertiefen die Publikationen von Heinsohn, Greif, Werle/Wandres und Lipstadt das Verständnis für die Ursachen, Hintergründe und Zusammenhänge der schlimmen Barbareien im Dritten Reich, die in einer zivilisierten, hochkultivierten Welt wohl einmalig sein dürften.


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