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Gescheiterte Hoffnungen Warum die deutsch-jüdische Symbiose misslang(1994)

Shulamit Volkov,

Die Juden in Deutschland 1780 - 1918.

(Enzyklopädie deutscher Geschichte Bd.16)

R.Oldenbourg Verlag, München 1994;

165 S.,br.29,80, geb.69,--

Hans Mayer,

Der Widerruf. Über Deutsche und Juden.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1994;

467 S., DM 58,--

Wer sich mit der deutsch-jüdischen Geschichte befasst, entgeht nicht dem Schatten des Holocaust. Wie kein anderes Ereignis bestimmt er jedes historische Nachdenken über das Schicksal der Juden. Selbst die Ideale der Aufklärung, die den Juden Befreiung aus dem Ghetto und reale Aufstiegschancen in die deutsche Gesellschaft versprachen, werden von der größten Tragödie unseres Jahrhunderts nachträglich in ein diffuses Licht getaucht. Zeigt doch der Rückblick,wie brüchig selbst jene Zeiten waren, in denen einzelne Juden und Nichtjuden freundschaftlich miteinander verkehrten und sich die Juden in Deutschland offensichtlich wohl und sicher fühlen konnten. Wie viel Hoffnung und Aufbruchstimmung gerade die Jahre von der Französischen Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges bei Juden in Deutschland ausgelöst haben, und wie diese dann immer wieder in Ernüchterung und Enttäuschung umschlugen, führt Shulamit Volkovs Überblick über diese Epoche im ersten Teil ihrer Studie deutlich vor Augen.

Sie erinnert daran, dass die Juden bis zum Ende des 18.Jahrhunderts mehr oder weniger abgesondert von ihren nichtjüdischen Nachbarn lebten und tagtäglich unter Erniedrigungen und Einschränkungen zu leiden hatten. Erst unter dem Einfluss der Aufklärung erschien ihr traditioneller Status und ihre isolierte Existenz fortschrittlichen Geistern nicht mehr hinnehmbar. Sie forderten eine Neubestimmung der jüdischen Position und die Teilnahme der Juden an der deutschen Gesellschaft. Moses Mendelssohn wurde zur Symbolfigur des modernen deutschen Judentums, ebenso der litauische Philosoph Salomon Maimon, der Bildungsreformer Naphtali Hartwig Wessely und die Ärzte Aaron Salomon Gumpertz und Marcus Herz. Sie alle strebten nach einer Synthese zwischen dem traditionellen Judentum und der modernen deutschen Kultur.

Die israelische Historikerin beschreibt den allmählichen Eintritt der Juden in das kulturelle Leben ihrer nichtjüdischen Umgebung und den "Zickzackkurs"der rechtlichen Gleichstellung in den einzelnen Ländern bis hin zur Gewährung der vollen Bürgerrechte im ersten deutschen Kaiserreich. Nur sechs Jahrzehnte lang konnte sich das deutsche Judentum dieser Rechte, zumindest juristisch, erfreuen, bevor es von der Katastrophe des Holocaust ereilt wurde.

Aber der Rückfall in die Barbarei kündigte sich schon früher an. Denn das Beharren der Christen auf völlige Absorption der Juden in die christlich geprägte deutsche Gemeinschaft, wachsender Nationalismus,innerjüdische Widerstände gegen die Akkulturation der Juden stellten ihre Emanzipation immer wieder in Frage. Schließlich lief die Entwicklung darauf hinaus, dass wer am Judentum festhielt, auf die volle Mitgliedschaft in der christlich-deutschen Gesellschaft verzichten musste. Heinrich Heine wählte, wie manch anderer auch, die Taufe als "Entreebillet zur europäischen Kultur" und erkannte erst spät, wie vergeblich dieser Schritt war.

Gleichwohl hätten, meint die Autorin, emanzipierte Juden ihren neuen Lebensstil zunächst durchaus genossen im Vertrauen darauf, dass der für sie im großen und ganzen günstige Trend nicht mehr umkehrbar sei, zumal auch liberale Politiker und Publizisten von der Unvereinbarkeit des Liberalismus mit der Fortdauer der jüdischen Benachteiligungen überzeugt waren. Hinzu kam, dass der industrielle Aufschwung in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Juden neue Aufstiegsmöglichkeiten brachte:im Bank- und Finanzwesen, in der Politik - von 1868 bis 1893 hatte Baden sogar einen jüdischen Finanzminister, nämlich Moritz Ellstätter - und im akademischen Bereich. Trotzdem gab es in der "jüdischen Frage" nur wenig Umdenken, im Gegenteil:in den mittleren Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts übten die Rassentheorien von Gobineau und anderen Theoretikern einen unheilvollen Einfluss aus. Die Juden reagierten auf das veränderte Klima recht unterschiedlich. Viele wollten die Gefahr nicht wahrhaben, andere sagten sich vom Judentum los oder verharrten im sogenannten Trotzjudentum: sie blieben Juden gegen ihre ursprüngliche Absicht - dem Antisemitismus zum Trotz. Außerdem entstand als jüdische Abwehrorganisation der "Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens".Einige,vor allem Ostjuden,schlossen sich der zionistischen Bewegung von Herzl an und versuchten so, "die abgebrochenen Bande mit ihrer eigenen Vergangenheit zu erneuern" (S.66). Hoffnungen auf Integration weckte auch der Erste Weltkrieg. Als jedoch die Siege ausblieben, trat der in Deutschland untergründig immer vorhandene Antisemitismus wieder offen zu tage. Im zweiten Teil ihres Buches (das übrigens einen ausgezeichneten Anmerkungsteil mit verschiedenen Registern enthält) analysiert Shulamit Volkov die Entwicklung der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung und skizziert ihre Grundprobleme und Tendenzen sowie ihre neuen Ansätze auf internationaler Ebene nach dem Zweiten Weltkrieg.

Während die israelische Historikerin einen wichtigen Abschnitt in der deutsch-jüdischen Geschichte sachlich und nüchtern Revue passieren läßt, wobei ihr gelegentlich kleine stilistische Schnitzer unterlaufen, die vielleicht eher der Übersetzung anzulasten sind als der Autorin selbst, sind die literarisch anspruchsvollen Betrachtungen von Hans Mayer über Deutsche und Juden unverkennbar mit innerer existentieller Beteiligung geschrieben. Viel stärker als bei der um mehrere Jahrzehnte jüngeren Shulamit Volkov spürt man bei dem jüdischen Literaturwissenschaftler zwischen den Zeilen: hier geht es nicht nur um die Geschichte des eigenen Volkes, hier geht es auch um das eigene Leben, für das die endgültige Aufkündigung der deutsch-jüdischen Symbiose durch die Nazis einer tiefer Einschnitt war. Der Riss war so gravierend, dass Mayer heute von sich sagt: "Ich bin ein deutscher Universitätsprofessor und ein deutscher Schriftsteller. Deutscher bin ich nicht mehr und kann es auch nie wieder sein" (S.445). Auch in seinen Aufsätzen, die aus unterschiedlichen Anlässen entstanden sind, werden Probleme und Brüche der jüdischen Emanzipation und Assimilation sachkundig und sensibel erörtert. Sie beginnen mit der Erinnerung an den Tag des großen Widerrufs der deutsch-jüdischen Symbiose am 30.Januar 1933, als Hitler zum Reichskanzler aufstieg,und umfassen die Zeitspanne von der Aufklärung und Romantik, also von Lessing und Mendelssohn, bis hin zu den heutigen Debatten über die neuen "Hakenkreuzler", deren Auftreten Mayer mit großem Zorn und unverhohlener Bitterkeit kommentiert.

In seinen Augen war das Aufklärungsdenken nicht das Werk einer Massenbewegung,sondern ein kühnes und gefährliches Denkspiel weniger Menschen auf deutschem Boden um die Mitte des 18.Jahrhunderts. Vielleicht, sinniert Mayer, sei der Weg von Lessing und Mendelssohn allzu verlustreich gewesen, weil die jüdische Seite zu viel als Ballast abgeworfen habe. Vielleicht gehöre die von den beiden Freunden propagierte Assimilation sogar mit zu den Ursachen des Widerrufs, weil diese niemals im allgemeinen Bewusstsein richtig vollzogen worden sei, weder von den Deutschen noch von den Juden in Deutschland. Nie hätten die Deutschen die jüdischen Mitbürger als ihresgleichen empfunden und behandelt. Selbst nach der christlichen Taufe galten sie als Juden, mochten sie nun Felix Mendelssohn Bartholdy, Heinrich Heine oder Ludwig Börne heißen. Weder christliche Taufrituale noch militärische Auszeichnungen für jüdisches Heldentum hätten am Außenseitertum der Juden etwas geändert.

An verschiedenen Lebensläufen österreichischer und deutscher Juden - Karl Kraus, Arnold Schönberg, Hugo von Hofmannsthal, Walther Rathenau, Anna Seghers, Hanns Eisler und anderen - zeigt Mayer, wie stark und wie unterschiedlich der mitteleuropäische Antisemitismus des späten 19. und frühen 20.Jahrhunderts das Dasein einzelner Juden bestimmt und beeinträchtigt hat. Bei Otto Weininger und Theodor Lessing führte er zum jüdischen Selbsthass. Andere wie Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus "fanden am Ende ihres Lebens den Weg vom Wort zur Wortlosigkeit"(S.154).

Einen Widerruf des Widerrufs wird es nicht geben, meint Mayer. Mit diesem Befund könnten die Deutschen allem Anschein nach gut leben, denn in keiner tiefen Schicht des heutigen deutschen Bewusstseins finde sich irgendeine traumatische Erinnerung an die von Deutschen begangenen Menschheitsverbrechen. Keine deutsche und keine österreichische Regierung habe die vertriebenen Juden und ihre Nachkommen zur Rückkehr in die einstige Heimat aufgefordert, und wenn sie zurückkehrten,sei an ihnen sei viel gesündigt worden, wie das Beispiel Käte Hamburger belegt. Nicht einmal in der DDR kam es zu einem Widerruf des Widerrufs vom 30.Januar 1933. Man denke nur an Arnold Zweig, der,obwohl überzeugter Zionist,im östlichen Teil Deutschlands seine letzte Zuflucht suchte, ohne hier richtig heimisch zu werden.

Vielleicht hätten sich Deutsche und Juden, wie der jüdische Religionsphilosoph Gershom Scholem 1966 auf einem Kongress mit Bezug auf Max Brod gesagt hat, mit einer Distanzliebe begnügen sollen, weil sie aus der Distanz vielleicht mehr Güte, Aufgeschlossenheit, Verständnis für einander hätten aufbringen können. Die Crux sei nur:"Wo Liebe ist, schwindet das Gefühl für Distanz-und das galt für die Juden-und wo Distanz ist, kommt keine Liebe auf, das galt für das Gros der Deutschen. Der Liebe der Juden zu Deutschland entsprach die betonte Distanz,mit der die Deutschen ihnen gegenübertraten" (S.426).Müssen wir also die Hoffnung auf eine deutsch-jüdische Symbiose endgültig begraben,wie Mayer annimmt?Sicherlich kommt es nun ganz darauf an,wie wir mit der neuen braunen Gefahr fertig werden und wie aufrichtig wir alle die Versöhnung zwischen Juden und Nichtjuden wirklich wollen. Doch sollten wir nicht dabei vergessen, dass es, wie Mayer schreibt, wohl eine wundersame Heilkraft der Natur gibt, aber keine Heilkräfte der Geschichte."Es heißt zwar:'Darüber muss Gras wachsen', allein unter dem Gras liegen nach wie vor die Toten"(S.19.).


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