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Der Antisemitismus - ein immer noch aktuelles Vorurteil oder haben die Deutschen ihre Lektion endlich gelernt? (1995)

Seit dem Fall der Mauer haben die Leugner von Auschwitz Aufwind bekommen. Hinzu kommen neonazistische Aktivitäten, wie Friedhofsschändungen und Computerspiele mit Judenhatz, hartnäckige Versuche der rechtsextremen Szene, altbekannte antisemitische Topoi wieder salonfähig zu machen, der Fall des Oberstudienrats Günter Deckert, der wegen Beleidigung der Opfer des Holocaust angeklagt war und dem Richter vom Landgericht Mannheim bescheinigt hatten, "eine charakterstarke, verantwortungsbewusste Persönlichkeit mit klaren Grundsätzen"zu sein, wodurch die Angelegenheit vollends zum Skandal wurde. Sogar das Stereotyp, "der Jude als Bolschewist", das bis 1989 in der öffentlichen Meinung keine Rolle mehr gespielt hat, tauchte unlängst in Schriften rechtsbürgerlicher Publizisten wieder auf. Man denke nur an einige Reaktionen auf die "Enthüllungen" der kommunistischen Vergangenheit Marcel Reich-Ranickis und auf Andeutungen von Gregor Gysis möglichen Verstrickungen in der DDR, wobei nicht versäumt wurde, auf die jüdische Herkunft der beiden hinzuweisen. Wie sind derartige judenfeindliche Facetten zu bewerten? Haben wir in Deutschland rassistischen und antisemitischen Traditionen vielleicht doch etwas voreilig den Totenschein ausgestellt?

Mit diesen und ähnlichen Frage setzen sich Mitarbeiter des Zentrums für Antisemitismusforschung und andere Wissenschaftler eingehend und sachkundig in dem Band "Antisemitismus in Deutschland" auseinander. Sie berufen sich auf jüngste empirische Forschungsergebnisse und Meinungsumfragen zwischen 1945 und 1994 und analysieren den Antisemitismus als aktuelles Vorurteil aus verschiedenen Perspektiven:im Kontext sozialer Veränderungen und politischer Instrumentalisierung in der alten Bundesrepublik, in der DDR und im jetzigen Deutschland im Zusammenhang mit der Vereinigungskrise.

Zu den ungeschriebenen Gesetzen der politischen Kultur in Deutschland gehört seit langem die fast einhellige Ansicht, dass nach Auschwitz der öffentliche Antisemitismus hier ein für allemal diskreditiert sei. Wer dieses Tabu bricht, verliert meistens Amt und Ansehen. Ohne Sanktionen bleiben freilich antisemitische oder fremdenfeindliche Vorurteile, wenn sie in einem weniger spektakulären Rahmen im Umfeld von Vereinen, am Stammtisch oder beim alltäglichen sozialen Kontakt artikuliert werden.

Die Autoren verdeutlichen die unterschiedlichen Erscheinungsweisen des Antisemitismus und ihre Hintergründe während der letzten fünfzig Jahre in der Bundesrepublik. Während nach 1945 sofort demokratische Institutionen geschaffen wurden, schreibt Werner Bergmann, seien die Einstellungen der Deutschen noch lange von autoritären und völkischen Traditionen geprägt gewesen. In den fünfziger Jahren sei dann ein deutlicher Rückgang antijüdischer Einstellungen zu erkennen gewesen. Dennoch häuften sich immer wieder von Zeit zu Zeit die Schändungen jüdischer Friedhöfe, die Beleidigungen von Juden und Hakenkreuzschmierereien. Die Zahl der Politiker und der gesellschaftlichen Gruppen, die sich aktiv gegen den Antisemitismus und für Juden einsetzen,war anfangs recht klein. Als jedoch im Winter 1959/60 die antisemitischen Vorfälle, beginnend mit einem Anschlag gegen die gerade neu eingeweihte Kölner Synagoge, in einer bundesweiten Schmierwelle kulminierten, kam es zu einer bis dahin beispiellosen Mobilisierung gegen den Antisemitismus und zugleich zu einer positiven Hinwendung zur jüdischen Geschichte. Der Angriff auf Juden wurde weithin als Angriff auf die Demokratie begriffen.

Die Wissenschaftler erinnern daran, dass Mitte der achtziger Jahre das Thema Antisemitismus erneut auf die Tagesordnung geriet und zwar durch die Bitburg-Affäre, die antijüdischen Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Fellner und des Bürgermeisters von Korschenbroich, Graf Spee, ferner durch die Kontroverse um Fassbinders Stück"Der Müll, die Stadt und der Tod", durch den Fall Jenninger und am Rande auch durch den Historikerstreit. Allerdings sei es bei den großen Konflikten kaum um direkte antijüdische Äußerungen gegangen, sondern eher um den richtigen Umgang mit der Erinnerung an die Judenverfolgung.

Neben den bekannten, alten Traditionen des Antisemitismus trat seit der Gründung Israels der Antizionismus verstärkt in Erscheinung. In ihm leben traditionelle antijüdische Feindbilder fort, wie dies etwa in der Staatsdoktrin der DDR der Fall war. Mit diesem Aspekt befasst sich Lothar Mertens.

Die Verfasser der überwiegend gut lesbaren Beiträge kommen übereinstimmend zu dem Fazit, dass, äußerlich betrachtet, Konflikte über Antisemitismus nach altem Muster in Deutschland seit 1989 durch den Vereinigungsprozess zugenommen haben. Gleichwohl sei in der Art der Konfliktbewältigung und der einhelligen öffentlichen Ablehnung des Antisemitismus ein Lernprozess in der Haltung gegenüber Juden deutlich zu erkennen. Das Verständnis für die jüdische Perspektive sei gewachsen und damit auch die Ablehnung antisemitischer Äußerungen und Aktionen - nicht nur aus Opportunismus mit Blick auf das Ausland. Darüber hinaus haben in den letzten Jahren viele Gruppen auf fremdenfeindliche Gewaltwellen und rechtsextreme Wahlerfolge spontan protestiert und mit ihren Demonstrationen gegen Rassismus und für Toleranz und den Schutz der Flüchtlinge eindrucksvolle Signale gesetzt. Der Regierung sei indessen der Vorwurf zu machen, glaubt Rainer Erb, dass sie den Bürgerwillen nicht aufgegriffen, gebündelt und in eine handlungsfähige Form gebracht habe. Im Hinblick auf den Antisemitismus hätten die demokratischen Parteien ihre Lektion wohl gelernt, doch seien die wenigsten Politiker bereit, mit gleicher Eindeutigkeit andere Minderheiten, Zuwanderer und Flüchtlinge, vor Diskriminierung und Verfolgung zu schützen und Fremdenfeindschaft in ihren eigenen Reihen zu ächten.

Wolfgang Benz(Hrsg.),

Antisemitismus in Deutschland. Zur Aktualität eines Vorurteils.

Deutscher Taschenbuch Verlag,

München 1995;

235 S; DM 19,90


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