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Kleppers Aufzeichnungen sprechen für sich

Kleppers kurze Aufzeichnungen sprechen für sich und enthüllen eindrucksvoll die Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes. Selbst die durchweg in nüchterner Chronologie wiedergegebenen Tatsachen der steigenden Bedrängnis auch der Klepperschen Familie sind erschreckend genug.

23.August 1938: "Immer schlimmere Verschärfungen auch in Hotels für die Juden. Reisen ist nun anders als von Haus zu Haus eigentlich ausgeschlossen."

23.8.1938: "Seit die Konferenz von Evians erwiesen hat, dass das Ausland den deutschen Juden nicht hilft, ist alles noch viel tragischer." (373)

Anmerkung: Auf Anregung von Präsident Roosevelt fand in Evian am Genfer See vom 6.bis 15.7.38 eine internationale Konferenz statt, auf der Lösungen für die akuten Flüchtlingsprobleme gefunden werden sollten. Die Vertreter von 32 Nationen kamen jedoch zu keiner konstruktiven Lösung. In der deutschen Presse wurde das enttäuschende Ergebnis mit Genugtuung kommentiert. Im Tagebuch heißt es weiter am 4.Oktober 1938: "Brigitte während unserer Reise, Hanni nach unserer Rückkehr mussten alle in ihrem Besitz befindlichen Ausweise auf die Polizei bringen zwecks Eintragung eines Juden-Vermerks. ..Auch nach dem Grundbesitz wurde gefragt."

Als der Vertrag der Familie über das neue Haus in Nicolassee abgeschlossen wird, muss mit aufgenommen werden, dass ein Ehepartner Jude ist.

20.10. 1938: "Die Abdrosselung der Juden wird nach dem alten Plane durchgeführt, die seelische Zermürbungstaktik ausgebaut. ...Über die Quälerei der Juden und den Raub, der an ihrem Eigentum geschieht, wenn sie, nachdem man ihnen die Existenzmöglichkeiten nahm, Deutschland verlassen wollen, gerät man allmählich in einen Zustand, der einer Gemütskrankheit nicht mehr unähnlich ist. Die Völker haben für den Frieden gebetet; werden sie dafür zu beten beginnen, dass Frieden für die Juden wird? "(S.393)

Am 21.10.1938 schreibt Klepper an Kurt und Juliane Meschke (M.127): "Uns geht es noch unfasslich gut; aber schon nahe um uns ist es kaum mehr zu ertragen. Dieser ganze Vorgang ist eine schreckliche Prüfung, auch für die Christen, die hier lernen müssen, solchem Unglück und Unrecht in ihrer irdischen Ohnmacht allein mit dem Gebet beizukommen."

27.10.1938: "Viele Verhaftungen von jüdischen Polen in Berlin; auch Schülerinnen aus Brigittes Schule wurden aus dem Unterricht abgeholt. Römer 9-11 liest man mit bebendem Herzen." (Hier denkt Paulus über das Verhältnis Israels zur Christusbotschaft im Zusammenhang mit dem Erwählungs. und Verheißungsmotiv nach.)

"Genau wie wir", vermerkt Klepper am 2.November 1938 in seinem Tagebuch, "stehen Meschkes erschreckt vor dem Faktum, mit welcher Gleichgültigkeit die Christen, auch in Deutschland!, an dem Geschick der Juden vorübergehen, geschweige denn, dass sie erkennen, wie ernst Gott hier mit den Christen redet."

Am 8.November 1938 wird der Botschaftssekretär von Rath in Paris von einem 17jährigen polnischen Juden erschossen. Als eine der ersten Repressalien auf das Attentat müssen die Juden eine Milliarde Mark als Buße zahlen. Fortan dürfen sie kulturelle Veranstaltungen nicht mehr besuchen. Goebbels hält es nämlich für "eine Entwürdigung unseres deutschen Kunstlebens, dass einem Deutschen zugemutet werden soll, in einem Theater oder Kino neben einem Juden zu sitzen.- Jede Aktion des internationalen Judentums in der Welt fügt dem Juden in Deutschland nur Schaden zu. - Die Judenfrage wird in kürzester Frist einer das deutsche Volksempfinden befriedigenden Lösung zugeführt! Das Volk will es (!!), und wir vollstrecken nur seinen Willen."

Die Eskalation der Judenfeindlichkeit um den 9./10.November 1938, die sich in Zeitungsartikeln und Goebbelsreden Ausdruck verschafft, findet in Kleppers Tagebüchern breiten Niederschlag, aber keine Kommentierung oder theologische Verarbeitung mehr. Das Ausmaß an Gehässigkeit verschließt sich ihm offensichtlich einer Sinndeutung. Und so entfährt ihm einmal auch die Klage: "Es ist leichter, ein fest umgrenztes Unglück zu ertragen, als Jahr um Jahr hinzuleben in diesem Schrecken ohne Ende." Und einige Tage später: "Ein so zukunftsloses Leben muss tief in die Eschatologie münden." (M.275)

Doch lesen wir weiter in Kleppers Tagebuch:

23.11.1938: "Der Judenhass der SS, des Ordens des Nationalsozialismus', aber steigert sich so, dass er nicht nur Ghetto und Gelben Fleck und später sogar Ausrottung des 'ins Verbrechertum absinkenden Judentums' 'mit Feuer und Schwert fordert, sondern nun bereits von der Abtreibung sagt: Jüdinnen dürfen sie nicht nur - sie sollen sie ausüben.-"

6.12.1938: "Wieder neue Judengesetze, alle gegen den Besitz gerichtet. Dass Juden Grundbesitz nicht mehr erwerben dürfen, trifft auf eine schon verjährte Situation. Ein selbständiges Disponieren über Geld und Eigentum gibt es für Juden nun überhaupt nicht mehr. Sie können zu Verkäufen gezwungen werden. Manche lassen nun schon freiwillig ihre Beamtenpension verfallen und wollen nur heraus. Wie Grundstücke dürfen Juden auch Gold und Juwelen nicht mehr erwerben.-" (409)

Nach der Reichspogromnacht 1938 ist die Gefährdung der Familie von Monat zu Monat gewachsen. In diesem Jahr (1938) hatte Klepper insgesamt durch den Verkauf seiner Bücher, durch Filmoptionen und Treatmenthonorare Einnahmen in Höhe von 17.000 Mark. Doch aufgrund der staatlichen Willkürmaßnahmen musste er eine Zwangsabgabe in Höhe von 9.600 Mark als 'Sühneleistung' für das 'Novemberverbrechen' in vier Raten aufbringen.


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