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Die Schatten werden länger

Ab 1.Januar 1939 gibt es keine jüdischen Handwerker, Betriebsführer und Geschäfte mehr. Alle Schäden, die durch "die Empörung des Volkes" an jüdischem Besitz entstanden sind, haben die jüdischen Eigentümer unverzüglich selbst zu beseitigen und die Kosten zu tragen. Versicherungsansprüche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit werden zugunsten des Reiches beschlagnahmt."(R.210)

16.1.1939:"..alle machen sie mit Deutschland und dem Ausland und dem Judentum die gleich bitteren Erfahrungen."(426)

8.2.1939: "Reichsleiter Rosenberg, der Kirchenbund, der 'Beauftragte für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP', Chef des außenpolitischen Amtes der Partei, hat gestern vor der auswärtigen Diplomatie und ausländischen Presse in Berlin gesagt:'Für den Nationalsozialismus wird die Judenfrage in Deutschland erst dann gelöst sein, wenn der letzte Jude das Territorium des Deutschen Reiches verlassen hat.' Ferner, z.B.'dass Alaska mit seinem herben. nordischen Klima für die Juden zu schade wäre, liegt auf der Hand."

"Furchtbar schwer ist bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge die Lage der arischen Frauen mit jüdischen Männern."(428)

24.2.1939: "Nun können die jüdischen Auswanderer nur noch Kleidung und Möbel mitnehmen."(438)

22.3.1939: "In der Tschechoslowakei wie in Memelland das gleiche: als erstes der massenweise Versuch der Juden, zu fliehen."(440)

21.4.1939: "Brigitte hat ihren Pass; zunächst von jedem anderen nur unterschieden durch das große, rote "J" und den Namen Sara."(446)

4./5.Mai 1939: "Juden sollen nur bei Juden wohnen. Ausnahme für die jüdischen Frauen arischer Männer und die Mütter von Mischlingen. An den Schwierigkeiten einiger aus der Kammer ausgeschlossener Schriftsteller mit nichtarischen Frauen hat sich aber noch nichts geändert." (M.165)

Die Schatten werden länger. Die Bestandsaufnahme allen jüdischen Vermögens, der Ausschluss von Juden aus evangelischen Kirchen, erste Deportationen - alles, das sind Stationen eines Weges, der auch die Familie Klepper immer mehr in Bedrängnis führt. Die Eltern machen sich Sorgen um die Zukunft der Töchter. Die ältere Tochter Brigitte Stein (später Brigitte Molnar) kann noch 1939 nach England emigrieren.

Auch über Brigittes Abreise berichtet Klepper:

9.5.1939: "Viele Juden im Hamburger Zug, von vielen Juden begleitet. Aber das übrige Publikum bemerkte sie gar nicht. Es ist sehr, sehr viel leichter für meine drei, dass sie gar nicht jüdisch aussehen." (450)

Aber zu Beginn des Krieges glaubt Klepper: "Wir können nicht aus Bitterkeit gegen das Dritte Reich Deutschland den Untergang wünschen, wie viele es tun....Aufrufe an Ost- und Westarmee, Partei, Volk: in den beiden letzteren taucht nun der 'jüdische Weltfeind' wieder sofort auf.-"(468)

Die systematische Abdrosselung jüdischen Lebens geht weiter: Kleiderkarten und Genußmittel werden Juden entzogen, wichtige Lebensmittel gekürzt, besondere Einkaufszeiten eingeführt, doch ist dies alles nur der Auftakt für kommende Verschärfungen und Demütigungen, die sich um so gefährlicher und zermürbender auswirken, je weniger ein Ende abzusehen ist. Klepper versucht, so weit wie möglich nicht der allgemeinen Angstpsychose zu verfallen. (M.207)

Bei jedem neuen Vorgehen gegen die Juden wusste man, dass es sich nicht um den letzten Schlag handelte, und fragte nur angstvoll, welches der nächste sein würde. Die Enteignung auf allen Gebieten schritt fort.(M.247)

21.7.1939: "Kommt Krieg: für Hanni darf ich hoffen, dass sie arischen deutschen Frauen gleichgestellt bleibt. - Aber Renerle! Das ist der quälendste Gedanke. Renerle sagt: "Wenigstens im Kriege richtig dazugehören." In einem solchen Worte liegt die ganze Tragik."(458)

28.7.1939: "Hannis und Renerles Reisepläne haben etwas Quälendes: alles gesperrt, alles verboten an Badeorten, Schlössern etc. In Städten dem Zufall ausgeliefert, ob sie ein Hotel aufnimmt oder nicht. Und doch will Hanni Renerle das Opfer bringen, weil Renerle so gern noch etwas von Deutschland sehen möchte."(460)

1.9.1939:"..hörten wir.. die Übertragung der Reichstagssitzung mit der Führerrede. Selbst das junge Renerle erschrak: Kein Wort von Gott in dieser Stunde."(467)

3.9.1939:"Wir können nicht aus Bitterkeit gegen das Dritte Reich Deutschland den Untergang wünschen, wie viele es tun....Aufrufe an Ost- und Westarmee, Partei, Volk: in den beiden letzteren taucht nun der 'jüdische Weltfeind' wieder sofort auf.-"(468)

Am 6.12.1939 verzeichnet Klepper: "Im Rathaus hingegen bereits zwei große Plakate:'Juden erhalten keine Kleiderkarte.' Hanni und Renerle waren auf meiner Familienkartothekkarte gestrichen. Der Beamte sagte nur: 'Es muss ja später eine Regelung kommen. So geht das nicht.'"

8.12.1939: "Mit den antisemitischen Maßnahmen geht es trotz der Vernichtung des Judentums weiter: nicht nur keine Kleider, keine Wäsche, sondern auch keinerlei Nähmittel. Und keine Schuhsohlen. Und heute war, ehrlich erregt und bekümmert, Frau Dr.E.(NSV) bei mir, die neuen Lebensmittelkarten zu bringen; auch auf diesem einschneidenden Gebiet nun Sonderregelung für Hanni und Reni. Es soll sich um den Aufdruck eines roten J auf ihre Karte handeln, besondere Einkaufszeiten, Entzug der Rationen an Schokolade, Pfefferkuchen etc. Am Dienstag wird den Juden das Nähere auf der Kartenstelle bekannt gegeben.. Da die antisemitischen Maßnahmen so unpopulär geworden sind, veröffentlicht man sie nicht mehr. Es werden einem kleine rote Handzettel zugeteilt." (482)17.1.1940: "Ich werde nie darüber hinwegkommen, dass der deutsche Offizier den jüdischen Frontkämpfer des Weltkrieges preisgegeben hat. Das bewahrt mich davor, jemals noch auf Menschliches zu hoffen."(491/2)

30.1.1940: "..heute taucht zum ersten Mal in der Presse ein Hinweis auf die 'Umsiedlungspläne' für 'volksfremde Bevölkerungsteile' auf."

3.2.1940:"..Ablehnung des Gesuchs.. dass 'dem Antrag auf Genehmigung zum Besuch von deutschen Kultstätten für Ihre volljüdische Ehefrau aus grundsätzlichen Erwägungen nicht entsprochen werden kann."(494)

19.2.1940: "Hanni und Renerle bei Pastor Grüber, dem Leiter der großen Hilfsstelle für Judenchristen, der sich uns so bereitwillig angeboten hat - wenn auch ohne Hoffnung.-"(496)

14.März 1940: "Gerade heute wurde uns auch wieder bewusst, in wie unnatürlicher Angst Renerle aufwächst - dies lebensfrohe Kind. Zwei SS-Männer der Totenkopf SS (die die jüdischen Maßnahmen unter sich hat, Konzentrationslager, Deportation usw.) fragten nach Renerle. Wir waren sehr, sehr erschrocken. Denn kann es nicht jede Stunde hier wie in Wien, Stettin heißen: 'Deportation?'- Als ich nun wieder als der Arier auftreten konnte, meinten sie:' Dann ist ja hier alles gut.' hier und 'dort'? Das blonde blauäugige Renerle sahen die sehr adretten, korrekten jungen SS-Männer ganz betroffen an. Als sie dann als Ariernachweis meinen Pass zu sehen verlangten, fragte ich den einen, ob ich mir für Renerle Sorgen machen müsse.- Er sagte sehr ruhig und sicher: 'Nein, Sie haben für Ihre Stieftochter nichts zu befürchten'. Aber was mag da wieder im Gange sein?" fragt sich Klepper besorgt. "Wir denken, dass es sich zur Zeit vor allem um Wohnungen und Besitz für die ins Reich geholten Baltendeutschen handelt; in den Ostgebieten wird es so gehalten. Die Juden müssen ihnen alles übergeben."(502)

30.1.1940: "..heute taucht zum ersten Mal in der Presse ein Hinweis auf die 'Umsiedlungspläne' für 'volksfremde Bevölkerungsteile' auf."

2.Mai 1940 "Mich erreichte eine geheime Nachricht: Krüppel, Schwachsinnige, Jugendliche und Senile, die als unheilbar gelten, werden aus den Unterbringungsanstalten herausgezogen, nach unbekanntem Ort gebracht - nach einiger Zeit erhalten die Angehörigen die Urne mit der Asche; der Patient wäre gestorben und einer Infektionsgefahr wegen eingeäschert worden... Von Monat zu Monat wird das Unglück in der Welt größer, so dass man das den Juden auferlegte Leid nicht mehr isoliert sieht..."(510/511)

Im Mai 1940 werden Juden die Telefone entzogen, der Arbeitszwang wird eingeführt. Anfang September erfasst dieser auch Renate. (M.247) Klepper dichtet für seine Stieftochter sein "Trostlied".

23.Juli 1940: "Immer wieder Razzien, Kontrollen, quälende Gerüchte in den jüdischen Angelegenheiten, die Renerle sehr mitnehmen. ..."

26.Juli 1940: "Juden haben nur noch eine Stunde Einkaufszeit pro Tag, abendliches Ausgangsverbot, Arbeitspflicht (für oft sehr schwere und sehr niedere Arbeit)...und täglich zudem die Bedrohung des Judentums nach Kriegsende durch die Presse, keine Kleiderkarten, Auflagen für die Lebensmittelkarten, gesperrte Bezüge ihres eigenen Geldes, den Zwang, nach dem Kriege allen Grundbesitz zu verkaufen - alles das aber ist nicht das harte Los, das alle für die Juden in Deutschland während des Krieges erwartet haben."(522)

Nichts aber könne, meint Klepper, so schlimm sein, was ein verlorener Krieg heraufbeschworen hätte..."an dem Sieg zweifeln wir nicht." (522)

20.Oktober 1940: "Die radikale Lösung der Judenfrage, die Konfiskation der Klöster, die Abschaffung der konfessionellen Schule, die Möglichkeit zur Tötung lebensunwerten Lebens - dies alles wird nun durchgeführt, während das Heer im Felde gebunden ist...

An alle Werktätigen ist im Zusammenhang mit dem Gelben Fleck ein Flugblatt verteilt, ein grausiges, für die Behandlung der Juden. Und das angesichts dieser so ganz andersartigen Haltung der Bevölkerung."(555)

Ende 1940 wird Klepper eingezogen, doch nach einem Jahr wieder entlassen, wegen "Wehrunwürdigkeit" und wegen seiner "nichtarischen Ehe".

Obwohl sich Frau und Stieftochter hatten taufen lassen, galten sie nach den Nürnberger Gesetzen als Jüdinnen.

1941 fordert ein Artikel der Berliner Börsenzeitung Maßnahmen zur Lösung der Judenfrage "ohne jede Sentimentalität".

20.12.1941: "Wieder hören wir von Massenerschießungen von Juden im Osten.-"(577)

Die Judensternverordnung vom September 1941 traf vor allem die jüngste Tochter Renate hart. Auch davon zeugen die Tagebuchnotizen ihres Stiefvaters. So vermerkt er am 23.November 1941: "Im Hotel musste sie (Renerle) ihren Judenstern ängstlich mit einer Mappe verdecken", (571) und am 24.Dezember 1941: "Als die Glocken läuteten, saßen wir schon in der Kirche, jedoch nicht auf dem gewohnten Platz, sondern dahinter, weil Renerle mit ihrem gelben Stern hinter einer Säule verborgen sein wollte." (578)

"Renerle war nicht beim Abendmahl. Man hat noch keine Lösung für christliche Sternenträger 'überlegt'", hält Klepper einen Tag später, am 25.Dezember 1941 fest. "Welche Worte schafft diese Zeit, wie dies nun zum grausigen terminus technicus gewordene: die 'Sternträger'.-

Heute war kein Jude mit dem Stern in der Weihnachtskirche. Das schwere Weihnachten der unterworfenen Völker."

Eines Tages hatte Reni von der Jüdischen Gemeinde die Aufforderung erhalten, ihre Wintersachen, Pelz und Skier abzuliefern. Das war ein großer Verzicht für das Mädchen, das die Winterfreuden im Riesengebirge stets sehr genossen hat, wenn auch in den letzten Jahren mit gewissen Einschränkungen. Schon am 24.Juni 1938 heißt es im Tagebuch: "Renerle darf wegen der Juden-Schilder auf keine Baude, zu keinem Tanz im nahen Krummhübel. Aber Milchs, trotz aller Arbeit, gleichen aus, was sie nur können."

Zur Zeit der Reichspogrome im November 1938 leistete Renate in Wolfshau im Riesengebirge bei Professor Werner Milch und dessen Frau Toni ihr Pflichtjahr ab, zu dem auch Juden verpflichtet waren. Im Zusammenhang mit dem Pogrom wurde Werner Milch verhaftet. So erlebte Renate die ganze Schwere des Judentums sogar außerhalb des Elternhauses.

11.Januar 1942: "Ein sehr bekannter Nervenarzt sagte.. aus den Erfahrungen seiner Praxis:'Für alles, für alles gibt es einen Ausweg - Nur für Juden in Deutschland nicht.'"(588)

31.Januar 1942: "Ich las die gestrige Führer-Rede, die die alte Sprache redet von der Vernichtung der Juden in Europa. Alles gipfelt in dem Ruf: Munition und Waffen!"

4.Februar 1942: "Juden erhalten nunmehr weder Mehl noch Brötchen noch Kuchen noch Rasierseife."

Bei Todesfällen müssen Juden auf die Bestattung in Berlin eineinhalb Wochen warten: Überlastung durch die zwanzig bis dreißig täglichen jüdischen Selbstmorde, von denen durch die Isolierung der Juden das Volk nichts erfährt." (596 f.)

30.Mai 1942: "Von überall erreichte uns heute die Nachricht, dass wieder 400 Juden ins Konzentrationslager gebracht sind. 250 von ihnen sollen erschossen sein. Die Gründe sind unbekannt."(615)

18.August 1942: "Die Deportationen verdichten und beschleunigen sich wieder; ein Kollege von Renerle mit zweijährigen Zwillingen; Harald von Koenigswalds Mieter, ein zweiundachtzigjähriger Rechtsanwalt, dessen Sohn (Mischling) im Weltkrieg gefallen ist."(621)

Wie harmlos wirkt dagegen die Nachricht einige Jahre zuvor, dass Professor Dessoir Schwierigkeiten hat, eine Druckerlaubnis für seine journalistische Arbeit "Kunst der Rede" zu bekommen, "wegen eines jüdischen Großvaters". (R.193)

Immer wieder gibt es Hinweise auf ein erneutes Anwachsen der Deportationen - besonders von alten Menschen, die für den Arbeitseinsatz nicht mehr tauglich sind. Am erschreckendsten steht vor Jochen immer das Auseinandergerissenwerden der Familien. (M.311)

2.Dezember 1942: "Immer quälendere Gerüchte: der Untergang des Judentums in Deutschland ist nun wohl aber auch schon nach den Tatsachen in sein letztes Stadium getreten."


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