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Maßnahmen der Nazis anhand von Kleppers Tagebuch

Aber gehen wir noch einmal einige Jahre zurück und verfolgen die Maßnahmen der Nazis gegenüber Juden im einzelnen.

Häufig klagt Klepper, so auch am 6.Oktober 1933, über "die täglichen neuen antisemitischen Verfügungen".

Ab Februar 1935 nehmen die Brüskierungen dann auch bei Ullstein zu. Die Übermacht der politischen, antijüdischen Agitationen wird von Tag zu Tag deutlicher. Klepper erfährt dort die antijüdischen Maßnahmen bis zu seiner Entlassung im Herbst jetzt tagtäglich. Am 30.August wurden die meisten jüdischen Angestellten, sogar die auf den kleinsten Posten entlassen. Die letzte jüdische Sekretärin erhält ihre Kündigung zum 1.10. "Dr. Zoff, 'Halbjude', den man zurückgeholt hat, wurde die Arbeitserlaubnis verweigert. Alles ist erlaubt, nur jüdisch darf man nicht sein", schreibt Klepper in sein Diarium.

Schon im Vorfrühling 1935 waren aus dem Reichsverband deutscher Schriftsteller erneut 200 jüdische Mitglieder ausgeschlossen worden. Wer aber ausgeschlossen war, durfte in Deutschland nicht mehr publizieren und stand somit praktisch unter Berufsverbot.

Ab 1935 erscheinen immer mehr Schilder mit der Aufschrift "Juden werden nicht bedient". Der Zutritt zu Stätten deutscher Geschichte wird Juden ebenfalls verwehrt.

Auch Kleppers Töchter können mit ihren Freundinnen nicht mehr Geburtstag feiern, nachdem letztere von ihren Jungvolk- oder sonstigen Führerinnen die Anweisung erhalten haben, "auch mit befreundeten Jüdinnen nicht mehr zu verkehren."

Am 4./5.März 1935 verzeichnet Klepper bekümmert: "Selbst ein so geselliges Kind wie Reni hat nicht eine Freundin, die sie zur Feier einladen könnte."

Als Klepper in diesen Tagen, wie gewohnt, schwimmen gehen will, findet er am Südender Schwimmbad ein Schild mit der Aufschrift "Nicht-Arier nicht erwünscht" vor. Neben bemerkt: das Schild verschwand während der Olympiade 1936 "wegen der nichtarischen Trainer, die aus anderen Ländern hier eintreffen." (M.59)

In Kleppers Tagebuch heißt es unter dem 21.7.1935: " Hans Nowak hat die antisemitischen Exzesse am Kurfürstendamm miterlebt. Sie haben Jüdinnen ins Gesicht geschlagen; die jüdischen Männer haben sich sehr tapfer gewehrt; zu Hilfe kam ihnen niemand, weil jeder die Verhaftung fürchtet."

Und unter dem 23.7.1935: "Rücktritte und Ernennungen in Regierung und Partei, Verbote an die Presse, über verschiedene Ereignisse zu berichten, die gleichzeitig einsetzende drohende Abwehrpropaganda gegen die alten nationalen Frontkämpferverbände, die Kirche, das Judentum."

Am 11.September 1935 kommt ein Erlass heraus, der besagt, dass von nun an jüdische Kinder nur noch in jüdische Schulen gehen dürfen. Sieben Tage später werden die "Nürnberger Gesetze" verabschiedet. Klepper geht auf dieses Ereignis mit nur wenigen Sätzen ein. "Über die Ereignisse dieses Tages - die Rassenschutz-Gesetzgebung auf dem besonderen Reichstag des Parteitags in Nürnberg und die Leiden des Kaisers in Abessinien, dessen Land so wehrlos kaputt gemacht werden soll, ohne dass man ihm hilft (wie den Juden in Deutschland, so anders die Umstände sind) - haben wir Zeitungsbelege aufgehoben; wir hatten einige Tage nur Überschriften gelesen; nun kam es nach." (T.190/191)

Am 22.9.1935 schreibt Klepper an die Familie Meschke: "Was in diesen Wochen angegeben ist, muss einen doch sehr bewegen - all die Worte von den Juden, die aus dem Land müssen,- noch mehr Worte für die, die im Lande bleiben müssen unter dem Feind." (M.45)

1937 wird Klepper von der Reichsschrifttumskammer, in die er noch 1934 aufgenommen worden war, ausgeschlossen. Journalistisches Publizieren schien nun nicht mehr möglich sein. Aber mit einem Bescheid im Monat Juni 1937 wird ihm

mitgeteilt, dass die Ausschlussverfügung einstweilig ausgesetzt sei und er bis zur endgültigen Entscheidung durch den Herrn Präsidenten der Reichskulturkammer in der Ausübung der kammerpflichtigen Tätigkeit nicht behindert sei. Denn "in dem fatalen Institut", schreibt Kurt Ihlenfeld, gab es mindestens einen Beamten (mit Namen Dr.Koch), "der den 'Fall Klepper' mit ebensoviel Noblesse wie Kühnheit behandelte und dem armen gejagten Autor jahrelang.. zur Seite stand" bis am 18.2.1942 an seine Stelle ein SS-Mann kam, der mit dem 'milden Geiste' in Kochs Ressort aufräumen sollte.

So erhielt Klepper Anfang September 1937 eine "jederzeit widerrufliche Sondergenehmigung", die es ihm vorschrieb, seine für die Publikation vorgesehenen Manuskripte "vor der Veröffentlichung der Reichsschrifttumskammer zur Prüfung.. vorzulegen."

Am 4.Juni 1937 erwähnt Klepper eine Notiz im "Buchhändler im Dritten Reich" vom Mai 1937 mit ablehnender Wertung seines Buches "Der Vater". Diese Notiz klärt die Buchhändler über die privaten Verhältnisse des "ausgeschlossenen Schriftstellers Jochen Klepper" auf, "der unmittelbar vor dem Umbruch eine Jüdin mit gleich dreiköpfigem volljüdischem Anhang heiratete und die Unverfrorenheit besaß, unter diesem jüdischen Schutz einen Roman über den Vater Friedrichs des Großen zu schreiben."

Ab 1.1.1938 müssen alle Juden, ob getauft oder nicht, als zweiten Vornamen den Namen Israel, alle Jüdinnen den zweiten Namen Sara führen. "Die Liste der Vornamen, die für neugeborene Judenkinder festgesetzt ist, bedeutet zu achtzig Prozent eine sadistische Verhöhnung. Die biblischen, berühmten Namen sind für die Juden gesperrt."

Im Februar 1938 verlassen die beiden Stieftöchter Jochen Kleppers die Schule. Wozu sollen sie ein Abitur ablegen? Als Jüdinnen können sie in Deutschland ohnehin damit nichts mehr anfangen. Erfolglos bemüht sich Hanni, eine Lehrstelle für Renate bei einer jüdischen Schneiderin zu finden.

Mittlerweile sind die Juden fast gänzlich aus dem Bankwesen und der Modebranche ausgeschaltet worden. Wer emigriert, darf nicht zurückkehren. Wer im Lande bleibt, bekommt keinen Pass. Unter dem 29.April 1938 vermerkt der Schriftsteller: "Übrigens darf der Dr.h.c. und D.(theol.) an Arier mit jüdischen Frauen in Deutschland nicht mehr verliehen werden. - Die Pastoren werden, auch nachträglich, auf Hitler vereidigt", und unter dem 1.August 1938: "Die jüdischen Ärzte müssen ihre Praxis auflösen - mit Frist bis zum 1.10.! Nur für die Behandlung von Juden solle es noch Sondergenehmigung geben."

Am 19.August 1938 trägt Klepper in sein Diarium ein: "Und immer erschreckender taucht in den Gesprächen das jüdische Konzentrationslager in einem Steinbruch bei Weimar auf."


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