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Der Wahnsinn des Glaubens

"Sooft ich die Bibel lese, ist es das gleiche: die gleichen Worte sind an das jüdische Volk gerichtet. Die gleichen Worte bezeichnen Amt und Passion Christi. Die gleichen Worte reden mich in meiner innersten Geschichte an, die gleichen Worte weiß ich an alle Gläubigen gerichtet. Ich weiß nichts Lebenswerteres als den Wahnsinn des Glaubens."

Kurz nach Kriegsausbruch, im September 1939, schreibt Klepper: "Es soll nicht gefragt werden: "Was soll mir genommen werden?, sondern es darf nur gefragt werden, was will Gott mir mit diesem Strafgericht und dieser Prüfung geben? Denn Er kann nicht zerstören, wie die Welt zerstört" und: "Ich glaube nicht, dass jemals in christlicher Zeit ein Krieg so wenig als Strafgericht angenommen und begriffen worden ist wie dieser, der sich nach Menschenwillen sogar erst noch steigern soll." Noch in den "dämonischen Siegen" der ersten Kriegsjahre spricht für ihn "das Gericht Gottes zu unserm Volk." Ende des Jahres 1939 vertraut er seinem Tagebuch an: "Ich bin leicht geneigt in allem, das mir versagt wird, ein Gericht Gottes zu sehen."

Die Frage nach dem Warum, nach der Anwesenheit Gottes angesichts des menschlichen Leidens wird von Klepper verworfen, eher ist er bereit, Gott zu rechtfertigen: "Oft kommt dem Menschen der Gedanke: Gott kann kein Quäler sein! Aber kann Gott es denn einem erlassen, die Welt zu erfahren, das Gottlose zu erleiden?"

Erschrocken war Klepper angesichts der Zunahme gesetzlich verankerter Repressalien gegenüber Juden. Dennoch stellte er sich auch diesmal ganz unter ein Bibelwort: "Gott ist der rechte Vater über alles, das da Kinder heißt im Himmel und auf Erden" (Epheser 3,15). Weiterhin vertraut Klepper vorbehaltlos auf Gottes Mit-Sein und Mit-Leiden und bekennt: "Man erlebt dieses und jenes, und alles führt immer nur wieder zu der Erfahrung der völligen Ohnmacht, in die hinein Gott spricht." Denn: Der prophetische Auftrag besteht nicht in der Verkündigung des Zornes Gottes, sondern darin das Leid der Welt zur Sprache zu bringen."

In seinem Todesjahr, das auch das seiner Frau und seiner jüngsten Tochter war, erkennt Klepper: "Im Irdischen kann uns Gott zugrunde gehen lassen, er hat es je und je auch an den Frömmsten getan. Es steht bei ihm, wodurch er wirken will" und: "Die Menschen, die Gott am stärksten zu sich ziehen will, müssen zuvor am tiefsten alles Menschliche erfahren; und einer, der Gott sucht, muss sich selbst zuvor als verloren erkennen." - "So überwog doch das Leiden", diese Erkenntnis wiederum teilt er mit dem von ihm dargestellten König.

"Ich glaube an alle Leiden von Gott her. Aber ich glaube auch an ein seliges Schauen." Leiden erfährt Klepper als Erfahrungserweiterungen.

Klepper kennt durchaus die Verzweiflung an der Welt, das Leiden am Leben, der Glaube löscht beides nicht aus. Die Leiden dieser Welt sind der Ausfluss des menschlichen Eigenwillens und der menschlichen Gottferne.

Schon 1933 war ihm bewusst: "Man weiß: Gott kann jeden Tag des neuen Jahres Leiden über Leiden häufen"(1.1.1933) und: "Ich weiß, wie furchtbar Gott packen kann, wie viel er einem auferlegen muss - und trotzdem - trotz meiner Angst vor allen Kombinationen, mit denen man Gott ins Spiel sehen möchte, - trotz, trotz alles dessen kann ich nicht anders, als immer wieder an das "Alle Dinge zum Besten kehren" glauben" (7.Juni 1933). Die gleiche Beteuerung gibt sich Klepper sechs Jahre später am 28.März 1939: "Ich halte mich daran, dass 'denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen' müssen.-"

Das Christentum, der Glaube waren für Klepper indes kein sanftes Ruhekissen, im Gegenteil: "Ich kann ganz und gar nicht behaupten, dass mir vom Christentum eine Beruhigung herkäme. Dazu sind seine Widersprüche zu quälend...Ich weiß nur das eine: dass die Anrede Gottes an den Menschen durch das Wort der Schrift, dass die Spiegelung aller Lebensvorgänge in solcher Anrede der Hauptinhalt meines Lebens ist."

Festzuhalten bleibt, dass Klepper sich in allen Situationen seines Lebens von Gott geführt fühlte und der Meinung war: "Es ist Gottes Sache, wie weit er einem die Menschen über sich die Augen öffnen will, und von Gott aus läuft wohl da die ganze menschliche Selbsterkenntnis auf das Bewusstsein aus dafür, dass man sich geführt weiß. Das schließt alles andere in sich" (3.4.1933). Ferner hat er "den Glauben nicht für eine Glücksgarantie" angenommen und war von dem Bewusstsein erfüllt, "für die Augenblicke, in denen Gott durch Geschichte, durch andere Menschen, durch die Bibel zu einem redet."

Alles hat Klepper Gott anheim gestellt, und doch hat er einmal gegen Gottes Willen gehandelt (manch einer hat es ihm später noch übel genommen), als er mit seiner Frau und jüngsten Tochter den Freitod wählte. Da er für sich und die Seinen keinen Ausweg mehr sah, "nahm er", wie Reinhold Schneider schrieb, "seine Frau und die jüngste Tochter an der Hand und eilte zu Gott, ehe er sie gerufen hatte."

Am 8.Dezember 1942 notiert Klepper in sein Tagebuch: "Gott weiß, dass ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausamste und grausigste aller Deportationen gehen zu lassen. Er weiß, dass ich ihm dies nicht geloben kann, wie Luther es vermochte:'Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, lass fahren dahin -.' Leib, Gut, Ehr ja! Gott weiß aber auch, dass ich alles von ihm annehmen will an Prüfung und Gericht, wenn ich nur Hanni und das Kind notdürftig geborgen weiß." Und er fährt fort: "Gott ist größer als unser Herz.- Das Wort soll uns noch in den Tod begleiten.. Stürben Hanni und das Kind, Gott weiß, dass sich nichts in mir gegen seinen Willen auflehnt. Aber dies nicht."

Klepper hat, wie aus den Ausführungen hervorgeht, immer wieder die Ohnmacht des Menschen betont und ganz auf die Fügung und Führung Gottes vertraut.

"Der Ertrag des Lebens besteht im Glauben, nicht in der Leistung" und gesteht: "Ich habe mich immer am Verantwortungsgefühl gerieben, weil es mir als ein gefährlicher Einbruch der Ethik in den Glauben erschien. Verantwortungsgefühl ist aber nur der Zwang, eine Antwort geben zu müssen auf die Anrede Gottes." Klepper hat offensichtlich vom Freiheitsvermögen des Menschen nicht viel gehalten. Er traute dem Menschen nicht die Fähigkeit zu, in Freiheit die richtige oder überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Er hat ihm nur die Möglichkeit zugestanden, zu sündigen, oder war es mehr der Zwang zur Sünde, dann könnte auch in diesem Falle von Freiheit kaum die Rede sein, sondern dann wäre das Handeln zum Sündigen naturgegeben. Oder hat auch hier Gott seine Hand im Spiel? In beiden Fällen wäre der Mensch ein ganz und gar unfreies Wesen. Aber lassen wir das.

Uns, den Zeitgenossen des 21.Jahrhunderts, fällt es jedenfalls schwer, Kleppers Freiheitsverständnis und auch Gottesverständnis vorbehaltlos zu teilen. Aber die Beschäftigung mit ihm und seinem Glauben macht nachdenklich. Sie zwingt zur Bescheidenheit und zur Einsicht, dass wir vieles doch wohl nicht in der Hand haben und dass wir über so viele Dinge nicht verfügen, wie wir mitunter glauben.


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