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Kant, Schiller, Goethe und die Literatur

Goethes Verhältnis zu Kant war distanziert, anfangs fast ablehnend, erst unter dem Einfluss Schillers entwickelte er mehr Verständnis für den Philosophen, musste aber gegenüber Eckermann einräumen, als dieser ihn fragte, ob er ein persönliches Verhältnis zu Kant gehabt habe, dass Kant nie Notiz von ihm genommen habe.

Schiller hat sich vor allem in seiner Jenaer Zeit, von 1784 bis 1796, intensiv mit Kant auseinander gesetzt. Mit der Kant-Lektüre begann die kunstphilosophische Phase in seinem Schaffen. Ohne die Begegnung mit Kant wären weder Schillers Briefe zur Ästhetik noch seine Betrachtungen "Über das Erhabene" geschrieben worden.

Am 13.Juni 1794 hatte Schiller neben Goethe auch Kant zur Mitarbeit an den "Horen" eingeladen, aber Kant hat nicht einmal geantwortet.

Heinrich von Kleist fühlte sich durch die Kantische Philosophie zutiefst verunsichert, weil wir, nach Kant, die Wirklichkeit an sich gar nicht erkennen und nicht begreifen können. Daraufhin gab Kleist seinen Vorsatz auf, sich in der Schweiz niederzulassen; "Er treibt eine Gewaltkur und ohne philosophischen Sinn bis zur Verwirrung des Geistes", schrieb Friedrich Gundolf über diese intellektuelle Eskapade. Heinz Politzer und andere sprechen in diesem Zusammenhang allerdings von einer überschätzten Kant-Krise bei Kleist.

Auch Heine zeigte sich bestürzt nach der Lektüre von Kants "Kritik der reinen Vernunft". "Wegen dieser revolutionären Denk-Tat setzte Heine () die deutsche philosophische der französischen politischen Revolution parallel, ja, er stellte den Königsberger Philosophen noch über Robespierre. 'Sonderbarer Kontrast zwischen dem äußeren Leben des Mannes und seinen zerstörenden, weltzermalmenden Gedanken!'"

Heine nannte Kant einen Scharfrichter, aber dieser richtet "nur" Menschen hin, Kant jedoch habe Gott hingerichtet, da er Gott nicht als selbständiges Wesen begriff, sondern als eine Idee, die nur im Kopf des Menschen existiert.

Auf seine dichtenden Zeitgenossen ist Kant offensichtlich nicht ohne Einfluss geblieben, aber auf die späteren Dichter und Schriftsteller hat er im Gegensatz zu Nietzsche nicht mehr entscheidend eingewirkt. Fontane berichtet voller Selbstironie über seine vergeblichen Versuche, in die Gedankenwelt Kants einzudringen. Grillparzer orientierte sich am Kantischen Sittengesetz und empfahl ihn als ideale Vorstufe für alle, die einen klaren Stil erlernen wollen. "Jeder, der sich der Literatur, wenn auch bloß der schönen widmen will, sollte Kants Werke studieren, und zwar abgesehen vom Inhalt, schon bloß wegen der streng logischen Form", schreibt er in seinem Tagebuch. Nichts sei besser als ein solches Studium, "dazu geeignet, den Sinn für die Deutlichkeit, die Sonderung und die Präzision der Begriffe zu schärfen." Oskar Graf exzerpiert in "Das Leben meiner Mutter" Sentenzen aus Kants Schriften, und in Thomas Manns Buddenbrooks bringt "der donnernde Direktor" in seiner Aula "die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu höchster Würde" und entfaltet "bedrohlich" den "kategorischen Imperativ unseres Philosophen Kants als Banner in jeder Festrede.

Der russische Philosophieprofessor und Kant-Biograph Arsenij Gulyga behauptet sogar, dass enge Verbindungen zwischen der Lehre Kants und verborgenen Grundgedanken der russischen Klassiker bestünden. Tolstoi beispielsweise gab Aphorismen von Kant heraus und bekannte, dass das Leben Kants auf ihn immer einen starken Eindruck gemacht habe. Bei Dostojewskis "Schuld und Sühne" oder bei den "Brüdern Karamasow" soll Kants Auffassung von Gott und Religion indirekt Pate gestanden haben. Raskolnikow überlegt, ob alles erlaubt sei, wenn Gott nicht existiert. Geradezu begeistert waren die beiden russischen Dichter Andrej Belyj und Alexander Blok von Kant. Ein Gedicht von Blok heißt sogar "Immanuel Kant.

"Vielleicht war der Philosoph den deutschen Dichtern und Schriftstellern zu kopflastig, sprachlich zu sperrig und zu wenig poetisch.


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