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Lebenslauf

Doch wie verlief ihr Leben im einzelnen? Geboren wurde Luise Rinser am 30.April 1911 im oberbayerischen Pitzling bei Landsberg. Ihr Vater Joseph war Lehrer und Organist. Als Achtjährige schrieb sie ihre ersten Gedichte - zur großen Belustigung der Eltern. Mit vierzehn wagte sie einen neuen Versuch - diesmal heimlich nachts und nur für sich selbst. Ihre erste Erzählungen veröffentlichte sie in "Westermanns Monatsheften".

Luise Rinser studierte Pädagogik und Psychologie und wurde Volks- und Berufsschullehrerin. Da sie sich weigerte, in die NSDAP einzutreten, war der Ausschluss aus dem Staatsdienst abzusehen. Um ihrer Entlassung zuvorzukommen, kündigte sie. Sie heiratete den Musiker Horst-Günther Schnell, einen ehemaligen Studienkollegen und Protestanten, der gerade eine Stelle als dritter Kapellmeister in Braunschweig angetreten hatte, und mit dem sie zwei Söhne hatte: Christoph und Stephan.

Ihr Autorinnenleben hob damit an, dass sie zwischen der Hausarbeit zu schreiben begann. Ihr Mann Günther Schnell bestärkte sie in ihrem literarischen Streben und sorgte dafür, dass der legendäre Verleger Peter Suhrkamp ihr erstes, in sechs Wochen entstandenes Manuskript erhielt. Die Erzählung, in der Luise Rinser von ihrer Kindheit berichtet und dabei leise, differenziertere Töne anschlägt, erschien 1941 unter dem Titel "Die gläsernen Ringe". Die zweite Auflage wurde allerdings durch die Reichsschrifttumskammer verboten. Auch nach zwanzig Jahren, als die Erzählung als Taschenbuch herauskam, war sie ein großer Erfolg. Die Lektüre lohnt auch heute noch.

1943 fiel Schnell als Angehöriger einer Strafkompanie an der Ostfront, und ein Jahr später wurde Luise Rinser verhaftet, weil sie heimlich BBC gehört und Soldaten geraten hatte, sich nicht als Kanonenfutter "verheizen" zu lassen. Sie war von einer Schulfreundin und deren Mann, einem Gestapo-Offizier, bei den Nazis denunziert worden. "Hass habe ich nur einmal in meinem Leben kurz empfunden", sagte sie rückblickend auf diese Zeit. Die Anklage lautete auf "Wehrkraftzersetzung" und "Hochverrat". Dem drohenden Todesurteil entging sie durch die Befreiung der Amerikaner im Frühjahr 1945. Die Befreier waren schneller als der Henker.

Ihr eindrucksvolles "Gefängnistagebuch", ein wichtiges historisches Dokument, das sofort nach Kriegsende veröffentlicht wurde, trug ihr den Ruf einer Widerstandskämpferin im Dritten Reich ein. Doch in den achtziger Jahren wurde die erklärte Antifaschistin mit Texten aus der NS-Zeit konfrontiert, in denen sie in Gedichtform den "großen Führer" angehimmelt und seine Anhänger als "Todtreu verschworene Wächter heiliger Erde" apostrophiert hatte. Luise Rinser tat das Führer-Gedicht spöttisch als Spielerei ab. Man habe halt in lustiger Runde einen Wettbewerb veranstaltet, an dem sie sich zwar beteiligt, aber das Ganze nie sonderlich ernst genommen habe. Daraufhin warfen ihr kritische Zeitgenossen vor, sie würde die Aufarbeitung des Verdrängten verweigern und sei wie stets zu milde im Umgang mit sich selbst. Doch eins bedachten diese Nörgler nicht, dass wer einmal in seiner Jugend eine Dummheit von sich gegeben hat, sich ändern und entwickeln kann. Und das hat Luise Rinser wahrlich getan, lange bevor den meisten ihrer Mitmenschen die Augen über den verbrecherischen Charakter des Nazi-Regimes aufgegangen waren. Noch als junge Frau hatte sie erkannt, wer da wirklich 1933 an die Macht gekommen war, und hat, wie wir gesehen haben, dafür auch den Preis bezahlt.

Kurz bevor Luise Rinser verhaftet worden war, hatte sie ihren Freund Klaus Herrmann, der als Homosexueller, Kommunist und Pazifist im Hitler-Reich doppelt und dreifach gefährdet war, mit einer Scheinehe vor dem Konzentrationslager zu retten versucht. Um 1953 begannen dann die fünfjährigen "Szenen einer Ehe" mit dem damals noch noch unbekannten, aber depressiven und kapriziösen Komponisten Carl Orff, den sie "Genie und Dämon in einem" nannte. "Es war die Hölle, mit einem Genie verheiratet zu sein", sagte sie einmal.

Nach ihrer zweiten Scheidung hat sich die Schriftstellerin 1965 in Rocca di Papa bei Rom niedergelassen und hier in einem selbst entworfenen Haus die letzten dreieinhalb Jahrzehnte ihres Daseins verbracht. Entsprach doch das Leben in Italien ganz ihrem Bedürfnis, wie sie selbst einmal bekannte, an einem Ort zu wohnen, wo das Austragen von Leid und Leidenschaft noch nicht zu den Anachronismen zählt.

Luise Rinser schrieb ein Buch nach dem andern, reiste viel, studierte intensiv Land und Leute in Amerika, Osteuropa, im Mittleren und Fernen Osten. Nach Meinung von Walter Hinck, hätten diese Reisen "ihr Weltbild nicht wesentlich verändern können." Aber lesenswert sind ihre Reisebücher allemal, in denen sie ihre Ansichten zu Gott und einer sehr im Argen liegenden, überaus veränderungsbedürftigen Welt voller Ungerechtigkeit und menschlichen Elends äußert.

Im Alter von neunzig Jahren ist Luise Rinser am 17.März 2002 in einem Stift im oberbayerischen Unterhaching bei München an Herzversagen kurz vor ihrem 91.Geburtstag "ganz plötzlich und unerwartet" gestorben, wie ihr Sohn Christoph die Öffentlichkeit wissen ließ.

In den letzten Monaten ihres Lebens war sie offensichtlich sehr geschwächt gewesen. Schon die Geburtstagsfeier ein Jahr zuvor am 30.April 2001 im Münchener Literaturhaus, mit dem Münchener Oberbürgermeister als Festredner, musste ohne die Neunzigjährige stattfinden. Denn Luise Rinser war, von Roca di Papa nach München kommend, beim Verlassen des Flugzeugs auf der Rolltreppe schwer gestürzt. Sie war nun zwar am Gehen gehindert, aber geistig war sie weiterhin hellwach und gewitzt wie immer, wohl wissend, dass sie nichts weiß.

Schon 1992 hatte sie für das "Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt" einen kurzen Nachruf verfasst: "Sie hat ihre Aufgabe als Störfaktor bis zum letzten Atemzug erfüllt. Jetzt hat und gibt sie (hoffentlich)Ruhe für eine Weile." Und noch etwas früher sagte sie: "Man muss mit dreißig anfangen, alt zu werden, dann ist es wundervoll. Man lernt die wirkliche Realität der Umstände zu begreifen und wird durch den Intellekt, durch die Hinwendung zur philosophischen Klarheit ungemein frei", und: "Leute, die sich nie hingeben, können auch nicht sterben, weil Sterben die letzte Hingabe ist." Auf diese Weise hat sie sich zum Leben und zur Literatur bekannt.

"Ich war ja früher sehr temperamentvoll und konnte mich furchtbar aufregen, politisch," überall habe sie mitgemischt und sich "in die Nesseln gesetzt". Jetzt aber sei sie weise geworden, nicht müde.

Zuletzt wehrte sie die Frage nach neuen Projekten ab. "Ich schreibe nicht mehr", meinte sie. Die Ansichten hätten sich verschoben. "Je älter man wird, je mehr man kapiert, desto weniger kann man erklären", fügte sie hinzu. Gefragt zu ihrem 90.Geburtstag, was sie von der heutigen Literatur halte, antwortete sie: "Das alles interessiert mich nicht mehr. Ich bereite mich auf das Sterben vor." In der Tat war Luise Rinser eine der wenigen unserer Zeit, die sich schon früh, mit der Endlichkeit menschlichen Lebens auseinander gesetzt hat.

Über das Leben nach dem Tode meinte sie: "Es ist für mich ausgeschlossen, dass etwas aus ist.." Als abendländischer Mensch könne sie sich nicht vorstellen, dass wir ins ewige Schweigen fallen. "So wie aus einer durch den Krieg total zerstörten Erde wieder etwas Neues wachsen wird, so stelle ich mir auch die Weiterexistenz nach dem Tod vor."

Zu ihrem letzten runden Geburtstag hatte sie sich und ihren Lesern ein Buch geschenkt und die Autorenschaft mit dem um ein halbes Jahrhundert jüngeren Christian Meiser geteilt. Der Titel: "Reinheit und Extase" klinge zwar ein wenig fatal, meinte Albert von Schirnding in der "Süddeutschen Zeitung", und doch sei es "ein außergewöhnliches, schönes, reiches, ergreifendes Buch, ganz ohne falsche Töne, auf der Suche nach vollkommener Liebe."

Als sie starb, würdigte Bundespräsident Johannes Rau sie als eine der großen literarischen Stimmen der Nachkriegszeit. Sie habe sich nicht von kurzfristigen Moden beeinflussen lassen und sich immer wieder couragiert für Freiheit, Demokratie und Mitmenschlichkeit eingesetzt, betonte Rau. "Sie wird vielen Menschen fehlen, gerade weil sie in ihren Büchern und Aufzeichnungen immer wieder und immer wieder neu den Grundfragen des Lebens nachgespürt hat."


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