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4.Antijudaismus

Lange Zeit wurde der Name Judas als Schimpfwort für einen Verräter benutzt. Er bezeichnete eine besondere jüdische Schuld. Anfang und wichtiges Moment des christlichen Antijudaismus, christlicher Judenfeindlichkeit, die geschichtlich tief im Christentum verwurzelt war bzw. leider noch immer ist.

Judas als der archetypische Jude (Langenhorst), eine schlimme antijüdische Sündenbockprojektion, Judas der geldgierige Geldschaffler und Veruntreuer, Judas als Zelot, fanatischer Glaubenseiferer, der enttäuschte politische Freiheitskämpfer, der von Jesus die Errichtung eines irdischen Herrschaftsreiches Israel erwartete und ihn verriet, als er sah, dass Jesus etwas ganz anderes im Sinn hatte.

Judas wurde im Antijudaismus und Antisemitismus mit "Jude" gleichgesetzt als Abwertung des ganzen Judentums. In der Apostelgeschichte 2,11 ist schon von "Juden und Judengenossen" die Rede. Gleichsetzung von Judas und Jude bei den Kirchenvätern Origines (185-253 n.Chr.), Augustinus (354-430), Thomas von Aquin (1225-1274). Judas als der Böse oder das Böse schlechthin.

In der Karzeit wurde die Judasgeschichte immer wieder aufgegriffen, daher haben Juden (s. Manès Sperber Churban oder die unfassbare Gewissheit S.7) die Osterzeit oft gefürchtet, weil diese Christen nicht selten in eine Pogromstimmung gegenüber ihren jüdischen Nachbarn versetzte. Viele Juden verbarrikadierten sich in der Osterzeit in Kellern. Freude über die Auferstehung Jesu ging oft einher mit Hass oder Wutgefühlen gegenüber Juden.

Dr.Ulrich Firnhaber, Meerbusch (Leserbrief der FAZ) bezieht sich auf Ernst Zahrnt und Pinchas Lapide und meint, Paulus habe um 50 n.Chr. nichts vom Verrat und Freitod des Judas gewusst, obwohl es noch Augenzeugen, Petrus und Jacobus, gab. Haben wir es hier mit einem erfundenen Feindbild zu tun von Vertretern der jungen Christengemeinde, um sich von den Juden, die sich nicht zu Christus bekannten, abzugrenzen und wirkungsvoll abzuheben?

Pinchas lesen S.43/44

Gleichwohl wurde Judas zum Gottesmörder erklärt und mit ihm die Juden insgesamt. Die Kirchengeschichte ist durchtränkt von diesem Mythos. Jude und Judas identifizierte man bald miteinander. Das nahm dämonische Züge an mit den bekannten schlimmsten Folgen. Millionen haben dafür bezahlen müssen.

Ein Jude zu heißen war immer mit dem Generalverdacht verbunden im Namen des Judas verschlagen, verräterisch, geldgierig zu sein. "Der Jude", "er ist ein Jude" oft und lange im negativen Sinne benutzt. Der Jude schlechthin wurde als Sündenbock benutzt. Edzard Schaper spricht sogar im Hinblick auf die Judas-Geschichte von einer Dolchstoßlegende. Solche Verirrungen machten sich dann auch die Nazis zunutze.

Pinchas (S.47): "So kann auch Adolf Hitler in die Fußstapfen unzähliger Kirchenväter, Päpste und Reformatoren behaupten."Die Juden haben Jesus gekreuzigt, darum sind sie nicht wert zu leben." Und so führt eine fast 2000jährige Blutspur von Golgatha über die Massenkreuzigungen der Römerlegion und die Judenmetzeleien der Kreuzzüge bis in die Gasöfen von Auschwitz: Vom Mythos des "Christenmordes" bis hin zur Tatsache des Völkermordes."

Mirjam Kübler weist in ihrer Dissertation "Judas Iskariot-Das abendländische Judasbild und seine antisemitische Instrumentalisierung im Nationalsozialismus" darauf hin, dass

die Nazis, vor allem Julius Streicher im "Stürmer", weniger im "Völkischen Beobachter" Judas zum jüdischen Rassenschänder stilisiert haben.

Schon bei Hans Holbein dem Jüngeren wird im Bild "Graue Passion" ein Jude hypercharacktersiert mit einer ausgeprägten Hakennase, fleischigen Lippen und markanter Augenpartie. Der Jude als solcher wird als Karikatur dargestellt. Darauf griffen die Nazis zurück.

Im "Stürmer" Nr.47 November 1931 heißt ein Bild "Der Wurm", auf dem ein Wurm aus einem Apfel kriecht. Unterschrift:"Wo etwas faul ist, ist der Jude die Ursache."(S.183)

Auf einem anderen Bild zerdrückt ein Jude (ebenfalls verzerrt dargestellt) einen Floh. Dieser sagt:"Ich werde kaputt gemacht und der darf leben, der Jud', obwohl er von uns beiden der größere Blutsauger ist."

Judas Iskariot erscheint immer wieder als Träger "jüdischer Rassenmerkmale". Dann ist die Rede vom "arischen" Christus und vom jüdischen Judas. (S.320) Der jüdische Judas als natürlicher Feind des "arischen" Christus im frühen Stürmer (1924-27)

1939 wird der Freitod des jüdischen Schriftstellers Ernst Toller kaltblütig als eine moderne Wiederholung des durch Judas Iskariot begangenen bewertet.

Pinchas Lapide ( S.15), schreibt, dass Manfred Röder, ein Neo-Naziführer, noch 1978 Dietrich Bonhoeffer in einem öffentlichen Brief einen "Judas" nannte, "der sein Vaterland verraten hatte."

Erst kürzlich im Januar 2009 soll ein Anhänger von Lefevre die heutigen Juden für mitschuldig am Gottesmord erklärt haben.

Der Jesuit Georg Sporschill (Südd. Juni 2006) hält den Mythos vom Verrat des Judas für eine böswillige Missinterpretation. Diese habe mit einer falschen Übersetzung zu tun.

Judas wurde aber auch deshalb so negativ gesehen, weil Menschen mit dem "verborgenen dunklen Gott, der Leid und Elend zulässt", nicht zurecht kamen. Spielt der verborgene Gott auch in den neuen Interpretationen noch eine Rolle? In jüngster Zeit beginnt man sowohl in der neutestamentlichen Exegese als auch in der modernen Dichtung, Judas und seine Tat in einem neuen Licht zu sehen. Eine gewisse Rehabilitierung des Judas hat nach 1945 eingesetzt, Nach der neuen Version erfolgte die Auslieferung Jesu an seine Häscher auf dessen eigenen bzw. auf Gottes Befehl. So wird der Verratsaspekt völlig eliminiert. Judas und Jesus realisieren gemeinsam das von Gott beschlossene Heilswerk. Judas als Werkzeug des göttlichen Heilswillens. Aber das Problem bleibt, dass Gott für die Befreiung der Menschen von Gewalt und Tod eines Menschen bedurfte, durch den indirekt wiederum Gewalt und Tod überhand gewinnen konnten. Die Entlastung des Judas geschieht so zu Lasten Gottes.

Wie dem auch sei, eine sichere Rekonstruktion der historischen Ereignisse und ihrer Deutung lassen die Texte in der Bibel eindeutig nicht zu.


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