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Umzug in ein Judenhaus und Deportation

1939 mussten Gertrud Kolmar und ihr Vater auf Anordnung der Nationalsozialisten aus ihrer Villa im Vorort Finkenkrug in ein sogenanntes Judenhaus in Berlin-Schöneberg umziehen. In die neue Umgebung hat sie sich nie richtig eingewöhnen können. Finkenkrug war und blieb für sie "das verlorene Paradies.

"..ich bekam Heimweh nach Finkenkrug - die Menschen dort, liebte ich nicht, im Gegenteil, aber die Wiesen, den Wald..,Und die Tiere - Flora! Wenn ich sie nur einmal wieder bürsten und kämmen könnte.."

"Nun werden wir bald ein halbes Jahr hier sein, und ich bringe es einfach nicht fertig, zu dieser Gegend in ein Verhältnis - ein erträgliches oder unerträgliches - zu kommen; ich bin hier so fremd wie am ersten Tag", schreibt Gertrud Kolmar am 13.Mai 1939 an ihre jüngste Schwester Hilde und in einem anderen Brief: "Ach, ich möchte zuweilen meinen Mantel anziehn, meinen Hut aufsetzen und fortwandern, weit, weit, fort. Und ich denke jetzt öfters daran, dass ich, wenn erst einmal Schnee fällt, nach Finkenkrug fahren und dort bei Mondschein, wie ich es früher tat, im Walde herumstapfen könnte..."

"Vielleicht ist es auch gar nicht F., was mir fehlt, sondern eben das Bleibende, Tier und Pflanze, das Immerwiederkehrende, im Vergehen und Werden Beständige" heißt es in einem Brief vom 1.Oktober 1939.

Noch im Mai 1942 klagt sie gegenüber Hilde: "...ich selbst habe um diese Zeit immer ein bisschen 'Heimweh' nach Finkenkrug."

Im Sommer 1941 wurde Gertrud Kolmar von der deutschen Rüstungsindustrie zwangsverpflichtet. Im September 1942 deportierten die Nazis den 80jährigen Vater nach Theresienstadt und brachten ihn dort am 13.Februar 1943 um. Von seinem Tod erfuhr die Tochter nicht mehr. Denn Ende Februar 1943 wurde auch sie von ihrem Arbeitsplatz weg verhaftet und vermutlich wenige Tage später in Auschwitz ermordet. Ihre letzte Lebensnachricht stammt vom 21.2.1943 - Kein Kaddisch sei für sie und all die Millionen Ermordeter gebetet worden, schreibt Beatrice Eichmann-Leutenegger. Nicht die geringste Spur sei zurückgeblieben. "Ihrer Asche bleibt nichts, 'als Sand in den Schuhen Kommender zu sein'."

Camilla Neumann, die den letzten Deportationsmaßnahmen durch einen winzigen Zufall entgeht, bei der ihr Mann Ludwig und Gertrud Kolmar in den Tod fahren, berichtet der Nachwelt von der Deportation: "Die letzte Aktion, 'Fabrikaktion' genannt, war am 27.Februar 1943. Alle wurden abgeholt. Hunderte von Lastautos mit SS sind vor sämtlichen Fabriken, wo Juden arbeiteten, vorgefahren und haben die Menschen, so wie sie standen und saßen, von der Arbeit verschleppt. Sie sind in zwei Lager geteilt worden. Männer und Frauen extra, und noch am selben Abend fing der Abtransport nach Auschwitz an. In offenen Viehwagen ohne Decken und Mäntel. Viele sind unterwegs erfroren. Die meisten Transporte sollen sofort in die Gaskammern gekommen sein."

Gertrud Kolmars Schwester, Hilde Wenzel, die sich wie ihr geschiedener Mann Peter Wenzel, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches engagiert um Andenken und Oeuvre ihrer Schwester bemühte, schreibt im Nachwort zur Werk-Ausgabe im Kösel-Verlag von 1960 im letzten Satz:

"Dann kamen keine Briefe mehr. Gertrud Kolmar wurde verschleppt, und nie wieder hat jemand von ihr gehört. Niemand weiß ihre Todesstunde, kennt ihren Todestag. Kein Gedenkstein kündet von ihr. Doch sie wird weiterleben in ihrem Werk."

Die Todeserklärung, die nach dem Krieg für Gertrud Kolmar ausgestellt wurde, lautet: "Gertrud Chodziesner, ohne Beruf, ledig, deutscher Staatsangehörigkeit, zuletzt wohnhaft in Berlin-Schöneberg, Speyerer Straße 10 ist durch Entscheidung des Amtsgerichts Schöneberg vom 2.Mai 1951 für tot erklärt worden...Als Zeitpunkt des Todes ist der 2.März 1943 festgestellt."


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