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Dichten "aus einem Gefühl der Ohnmacht"

Die Jüdin und Preußin Gertrud Kolmar ist einen geschichtlich wechselvollen Weg gegangen. Noch in die bürgerliche Welt Theodor Fontanes, der vier Jahre nach ihrer Geburt starb, hineingeboren, erlebte sie während ihrer Kindheit Deutschlands Aufstieg zur Weltmacht, dann Kriegstaumel, Weimarer Republik und schließlich die Nazibarbarei, der sie mit vielen anderen zum Opfer fiel.

Zwischen preußischer Disziplin und dunkel sinnlichen Visionen hat die Dichterin gelebt, in einer merkwürdigen Spannung zwischen Konservativismus und Modernität, zwischen Unordnung und Aufruhr. Diese Gegensätze prägen auch ihr Werk, dem innerhalb der modernen deutschen Lyrik ein einzigartiger Rang zukommt. In ihren Gedichten hat sie unablässig das Fremdsein in dieser Welt beschworen und ihren Gefühlen beredt Ausdruck verliehen. Ähnlich wie bei Nelly Sachs habe auch bei Gertrud Kolmar, meint die Schweizer Literaturkritikerin Beatrice Eichmann-Leutenegger, ein erster scharfer Schmerz die Dichterin in ihr geweckt. Noch kurz vor ihrem Tod gestand Gertrud Kolmar: "...ich schaffe ja nie aus einem Hoch- und Kraftgefühl heraus, sondern immer aus einem Gefühl der Ohnmacht." Aber indem sie ihre leidvollen Erfahrungen dichtend zur Sprache brachte, gelang es ihr auch, sie zu bewältigen. Vieles hat Gertrud Kolmar in ihrer Dichtung ausgelebt, vor allem aber gab ihr das Schreiben die Möglichkeit, der Einsamkeit und der Isolierung standzuhalten. So fand sie im Dichten Rettung ihres Selbst.

"Ich weiß es

Plage steht am Wege, den ich schreiten will. /

Not steht an dem Wege, den ich schreiten will, /

Tod steht an dem Wege, den ich schreiten will, /

Klage liegt am Wege, den ich schreiten will.

Und Zungen hat jeder Meilenstein, /

Und alle die kleinen Kiesel schrein, /

Schrein Weh- wo ein Mädchen röchelnd sank, /

Flüchtig, verlassen, müd und krank, /

Not steht an dem Wege, den ich schreiten will, /

Tod steht an dem Wege, den ich schreiten will, /

Und ich schreit ihn doch!

Törichte Mädchen in Schmach und Pein: /

Tausend gingen vor mir. /

Tausend kommen nach mir. /

Ich werde die Tausendhundertste sein. /

Meine Lippen auf fremdem Mund; /

Und sterben ein Weib wie ein räudiger Hund- /

Schreckt's dich nicht? Nein. /

Meines Herzens Schlag an fremder Brust; /

Lache, mein Auge, eh du weinen musst! /

Und du weinst ja nicht allein!

Not steht an dem Wege, den ich schreiten will, /

Tod steht an dem Wege, den ich schreiten will, /

Kummer und Klage, graue Plage; /

Ich weiß es - und schreit ihn doch!"

(aus:"Gedichte 1917" enthalten in "Frühe Gedichte" 1917-22)

Victor Otto Stomps, seit 1949 Verleger der in Heidelberg gegründeten Eremiten-Presse, meldete sich nach dem Erscheinen von Gertrud Kolmars "Lyrischem Werk" zu Wort:

"Das mitreißend fließende Element dieser Dichterin ...ist ganz original,,, im erregenden Sog von Herbheit und Weichheit eine in ihrer Art einmalige Persönlichkeit deutend. Ihr Werk ist in sich geschlossen, auch in seinen Ausdrucksbereichen und ist so klar in der Formulierung, dass trotz aller Sinnbilder das Wort 'Metapher' heutiger Prägung nicht anwendbar scheint:

"Die Einsame

Ich ziehe meine Einsamkeit um mich, /

Sie ist so wie ein wärmendstes Gewand /

An mir geworden ohne Kniff noch Stich, /

Wenn auch der Ärmel fällt tief über meine Hand.

Ein Ungekannter hat ihr Maß gezirkt, /

Die fremdes Antlitz fühlt als trübes Wehn; /

Die großen Schwarzhalsschwäne sind gewirkt /

In ihre Falten; aber ich nur kann sie sehn.

Es tun sich meine innren Blicke auf /

- Ein Pfauenauge, das die Flügel schließt - /

Und schaun der Welle jadefarbnen Lauf, /

Die alte Säume licht und strömend übergießt.

Sie feuchten so wie einer Elbe Haar. /

Sie tragen noch den Fluss. Sie schleppen tief. /

Und graues Berggestade fängt das Jahr, /

Das wie ein Vogel ängstlich seine Tage rief.

Und nun ist Schweigen, Und das Kleid schwillt nun. /

Und ich muss wachsen, dass es mir noch ziemt, /

Drin Fische, wie sie niemals wirklich tun, /

Um meine Brüste schweben, pupurblau gekiemt.

Der Erde Körner sind hineingesät. /

Aus meiner Schulter bricht ein Felsengold, /

Das Tuch durchschimmernd, das sich schleift und bläht /

Und langsam über meiner Stirn zusammenrollt."

(Das Lyrische Werk S.123)

Diese Neigung zum 'Einsiedlertum' ist ihr zeitlebens geblieben. Stomps schreibt weiter: "Was dem heutigen Menschen spürbarer als den Menschen zu ihrer Zeit geworden ist: Einsamkeit ist das Motiv ihrer Dichtung. Doch sie scheint nicht verzagend, sondern fast unsentimental hingenommen. Einsamkeit aus Unberechenbarkeit der Welt und der Menschen, Einsamkeit gegenüber den daraus entstehenden Grausamkeiten ist auch das Problem der Gedichte, die der jüdischen Geschichte gelten. Machtlosigkeit der Unterdrückten, der Wehrlosen zeichnet Gertrud Kolmar in vielen Vergleichen mit der kreatürlichen Welt. Auch in ihnen prangert sie gemeine Herzlosigkeit an. So sind ihre Gedichte revolutionär im wägenden Bereich ihrer Menschlichkeit."

Wie die französische Jüdin Simone Weil will Gertrud Kolmar Strapazen ertragen und unterzieht sich einem moralischen Rigorismus, hegt Abscheu vor dem Wohlstand des gehobenen Bürgertums und lehnt sich gegen ihre Gesellschaftsschicht auf.

"Schon als Kind wäre ich gern eine Spartanerin gewesen, später wollte ich jedenfalls eine Heldin sein. Ich drängte Mutti, die spartanische schwarze Suppe zu kochen und aß unsere Linsensuppe schon deshalb so gern, weil Vati gemeint hatte, das sei sie. Und eines Tages hielt ich in der Küche die Hand ins offene Herdloch, um Mucius Scävola nachzuahmen." schreibt Gertrud Kolmar in einem Brief vom 9.Juli 1942 an ihre jüngste Schwester Hilde. Schon als Kind galt Gertrud Kolmar als Außenseiterin. "Verrückte Trude" nannte man sie.


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