zurück auf Inhaltsverzeichnis


Die lyrisch-romantische Dokumentation

Ihre literarische Karriere umspannt sieben Jahrzehnte. Ihre Erzähl-Schauplätze reichen von Mainz bis Mexiko, von Marseille nach Haiti. Ihr Blick schweifte stets über nationale und politische Grenzen hinweg, was ihr in den eigenen Reihen Kritik einbrachte. Ihre Helden sind einfache Menschen, die zu Spielbällen der Geschichte werden, aber ihre Würde behalten, weil sie sich auf der richtigen Seite wissen. Ihre Bücher verraten mütterliches Mitgefühl - zugegeben, ein fragwürdiges literarisches Kriterium -, durch den Reichtum der psychologischen und formalen Schattierungen jedoch, mit denen sie ihre Figuren gegen Klischees absicherte, durch ihre hintergründige Sprachmelodie erreichte sie häufig eine geradezu magische Intensität. Vor allem in ihren ersten Novellen bediente sich die Schriftstellerin, neben den Literaturströmungen der Zeit wie dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, eines eigenen, teils sachlich dokumentarischen, teils lyrisch-romantischen Erzählstils.

Nie aber hat sie sich einem vordergründigen Realismus-Diktat unterworfen und nie hat sie ihre künstlerische Autonomie preisgegeben, vielmehr hat sie die politisch verordnete gesellschaftliche Relevanz mit einer inneren Beteiligung verbunden, deren kaum lenkbare subjektive Kraft der Kontrolle durch die Partei entzogen blieb. So schaffte sie eine ästhetische Welt auf die Gefahr hin, von dogmatischer Seite der Realitätsflucht bezichtigt zu werden. Öffentlich widersprach sie schon in den dreißiger Jahren dem Realismus-Dogma von Lukács, dem ideologischen Literaturpapst im Ostblock. "Die so genannte Widerspiegelung der Wirklichkeit ist nie ein braves Spiegelbild", sagte sie einmal. Das war Ketzerei. Ihre Bewunderung für den im Osten verfemten Franz Kafka hat sie nie verleugnet. Ebenso verteidigte sie den amerikanischen Autor Dos Passos, dessen Simultan- und Querschnitttechnik auch ihre Texte charakterisiert. Auffallend sind die zahllosen episodenhaften Erzählstränge in ihren Romanen, die inneren Monologe, die Welt der Mythen und Bilder, gespeist von den großen jüdischen, christlichen und antiken Mythologien.

Zahlreiche Literaturkenner sind der Meinung, dass Anna Seghers' Marxismus religiös grundiert gewesen sei. Nur wollte sie das Reich der Erlösung nicht erst im Jenseits, sondern schon in der irdischen Welt durch geschichtliches Handeln verwirklicht wissen, getreu dem Wort von Marx: "Wir verwandeln die theologischen Fragen in weltliche." Christa Wolf sagte in ihrer Rede zur Verleihung des Elisabeth Langgässer-Literaturpreises der Stadt Alzey am 29.5.1999: "Die enge Berührung mit den chiliastischen Lehren, über die ihr späterer Mann als Student arbeitete und die er, und wie ich überzeugt bin, auch sie, in ihre Auffassung zum Kommunismus hineinnehmen, hat ein starkes Element von Glauben in ihr Weltbild gebracht, eine chiliastische Komponente, die in den Mühlen der Parteibürokratie allmählich zermahlen wurde, während das als wissenschaftlich deklarierte Weltbild von Marxisten mehr und mehr religiöse Züge annahm und in Glaubenssätzen zementiert wurde. Dieses Dilemma gehört zum Widerspruch im Leben und Werk auch der Anna Seghers, an dem sie sich andauernd rieb. Aber noch zu ihrem sechzigsten Geburtstag stellte Konrad Farner fest, sie schreibe 'illusionslos und doch liebend, beherrscht und doch ergreifend. Keine der anderen 'dichtenden Frauen' besitze 'jene Traumnüchternheit', die ihre Kunst auszeichne."

Das theologische Gespräch mit dem Werk von Anna Seghers stehe noch aus, erklärte auf der Mainzer Tagung der Tübinger Literaturwissenschaftler und Theologe Karl-Josef Kuschel in seinem Vortrag "Das leer gebliebene Kreuz", in dem er sich mit der Funktion jüdisch-christlicher Motive im Prosa-Werk von Anna Seghers dezidiert auseinandersetzte.

Tatsächlich findet man bei Anna Seghers eine gewisse Affinität zu christlichem Gedankengut, vor allem im "siebten Kreuz". Hier zieht sie ein christliches Symbol mit ein. Erinnert sei daran, dass sich der Flüchtling im Mainzer Dom einschließen lässt. Warum die Wahl eines christlichen Gotteshauses im Roman einer kommunistischen Autorin jüdischer Herkunft? Obwohl Georg Heisler der Religion entfremdet ist, beginnt er, die Bilder im Dom zu entziffern, und entdeckt in den biblischen Szenen sein eigenes Schicksal. Wird nicht auch er verjagt wie das erste Menschenpaar? Gejagt wie der Nazarener? Ist er nicht auf dem besten Wege, gekreuzigt zu werden wie der Mann aus Nazareth? Hier erzählt die Schriftstellerin eine neue Vertreibungs- und Passionsgeschichte, nicht zum Kreuz hin, sondern vom Kreuz weg. Die Gegenwart bekommt bei ihr religiöse Tiefenschärfe, die Muster wiederholen sich. Nur hören Höllenmythos und Messiassymbolik auf, Privateigentum einer Glaubensgemeinschaft zu sein, sie verlieren das heilsgeschichtlich Exklusive und werden zum geschichtlich einlösbaren Menschheitssymbolen. Wir verwandeln die theologischen Fragen in weltliche, sagte Marx. Die Kirche ist für den kommunistischen Helden ein günstiger Unterschlupf, aber keine Lösungsperspektive. Seghers Bindung ist und war nun einmal an die kommunistische Partei. In späteren Arbeiten finden sich ebenfalls christliche Anspielungen, die solidarische Werte unterfüttern und vielleicht ideologische Verengungen einschränken sollten, so 1969 in den gesammelten Erzählungen "Die Kraft des Schwachen". Auch die 1973 zehn Jahre vor ihrem Tod gedruckten Erzählungen "Sonderbare Begegnungen" enthalten phantastische Handlungselemente, verknüpft mit religiösen Motiven und Reminiszenzen an ihre kunstgeschichtlichen Studien.

Luise Rinser sieht in Anna Seghers eine integre tragische Person, deren Glaube eigentlich eine religiöse Kraft gewesen sei. Die Kommunistin eine Gläubige, die Jüdin eine Katholikin? Gewiss, Seghers ist im katholischen Mainz aufgewachsen. Rührt von daher ihr tiefer Glaube an die Unzerstörbarkeit des Humanen?

Das theologische Gespräch mit dem Werk von Anna Seghers steht zweifellos noch aus. Doch sollte es so geführt werden, dass die Autorin nicht gegen ihre Überzeugung und gegen ihre Texte vereinnahmt und eine ehemalige Apologetin des SED-Regimes und erklärte Bolschewistin christlich harmonisierend verklärt wird.

Gleichwohl war Anna Seghers fest davon überzeugt, dass moralische Werte gelten. Die Welt, so stellt sie sich diese vor, ist eine von Gott verlassene. Negative Sinnerfahrung, die Vorstellung eines Verlustes, ein unerfüllter, aber auf Erfüllung bestehender Sinngedanke bekommen einen gewissen Inhalt in dem Augenblick, in dem sie sich der kommunistischen Partei annähert. Wenn man anfängt, alles Geschehen nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu beurteilen, so muss man für Gerechtigkeit sein. Diese Werte haben etwas zwanglos Zwingendes und waren für Seghers selbstverständlich. Alles, was sie schreibt, stellt sie unter das Ziel, was sie sich selbst vorgenommen hat. Sie geht aus von der Begebenheit, von ihren Erfahrungen - der sinnvolle Zusammenhang wird nicht immer sofort offensichtlich - von Begebenheiten, die der Reisende nicht in der Hand hat. Es geht um Menschen, die keine Macht haben.

"Wo kommen die Geschichten her?" fragte der Literaturwissenschaftler Bernhard Spies auf der Tagung mit Blick auf Seghers' Werk und gab zur Antwort: "Aus der Kultur,der Tradition und der eigenen Wirklichkeitserfahrung", zu der die subjektive Einsicht gehört habe, dass Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Demokratie wie es die Weimarer Republik gewesen war, nicht realisiert werden könne.

Anna Seghers literarisch kämpferisches Eintreten für die Befreiung des Proletariats implizierte freilich nicht in gleicher Weise den Kampf für die Emanzipation der Frau. Ihre Frauenfiguren sind meist nur Gefährtinnen der Männer. Die Schriftstellerin Luise Rinser hat einmal in einem Vortrag über Seghers zu Recht bemängelt, dass ihre Frauen nur als stille Genossinnen in Erscheinung treten, deren Aufgabe es sei, überzeugte Kommunisten zu gebären.

Und wie steht es mit Anna Seghers' Beziehung zum Judentum? Auch das ist ein weitgehend unbeackertes Feld. Zumindest ist ihr Werk unter diesem Gesichtspunkt noch nie umfassend untersucht worden, obwohl einige forschungsgeschichtliche Arbeiten durchaus in diese Richtung weisen. Mehr als ihre jüdischen Wurzeln hat Anna Seghers offensichtlich nicht preisgegeben. Weder Details über ihre jüdische Erziehung noch über den Ablösungsprozess aus dem Judentum sind bekannt. Wegen der angeblich durchgängigen Negation alles Jüdischen in ihrer Biographie und seiner reduzierten Behandlung in ihrem Werk hat man Anna Seghers mitunter Tabuisierung und Verdrängung ihres Judentums vorgeworfen bis hin zum zum jüdischen Selbsthass und offenen Antisemitismus. Tatsächlich hat sie weder die Shoa, die Gründung des Staates Israel noch den Antizionismus in der DDR ausdrücklich thematisiert. An keiner Stelle hat sie sich explizit mit der jüdischen Religion auseinandergesetzt, ansatzweise allenfalls in ihrer Dissertation, in der sie das Bild des Juden und die Rolle des Judentums im Schaffen Rembrandts erforschte sowie andeutungsweise in "Transit". Aber haben wir überhaupt das Recht, ihr Vorhaltungen zu machen, weil sie sich für das Judentum nicht engagiert hat? Schon Marx hatte nicht das geringste Verständnis für das Judentum als Religion und die Abschaffung aller Religionen gefordert. Genau diese Position nahm auch Seghers ein Leben lang ein. Auch sie glaubte, das "Judenproblem" sei durch Einführung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung ein für alle mal gelöst. Wie dem auch sei, eindeutig ist Anna Seghers' Haltung zum Judentum jedenfalls nicht.

Vieles im Werk und Schaffen von Anna Seghers ist sicher noch zu entdecken und aufzuarbeiten, insbesondere ihre früheren Texte und Exilromane, die bestimmt sind von der Hoffnung auf Rettung humaner Lebensformen. Doch soviel ist sicher, der Dialog mit dem Werk von Anna Seghers lohnt sich heute mehr denn je, zudem ist er wichtig und aktuell wie nie zuvor.

(Der Bericht erschien in gekürzter Fassung im Aprilheft (4/2001) der Fachzeitschrift für Literatur und Kunst "Der Literat", Berlin.)


zurück auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis