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EKKEHARD MARTENS: Zwischen Gut und Böse. Elementare Fragen angewandter Philosophie. 219 S., Philipp Reclam jun., Stuttgart 1997;

Ekkehard Martens, Professor für Didaktik der Philosophie und der Alten Sprachen an der Universität Hamburg, fragt dagegen nicht nach dem metaphysischen Grund und dem Wesen des Bösen, sondern zeigt vor allem philosophische Richtlinien auf für die Bewältigung elementarer Probleme im praktischen Leben.

Wir müssen uns immer wieder, betont Martens, zwischen Gut und Böse entscheiden, ohne genau zu wissen, was das Gute und das Böse wirklich sind. Keine der beiden Alternativen vermögen wir mit Sicherheit zu bestimmen. Doch können wir moralischen Entscheidungen schwerlich ausweichen, heute weniger denn je, da wir weder aus der Moderne aussteigen noch bedenkenlos weitermachen dürfen.

Martens sieht in Sokrates sein großes Vorbild, durch das wir lernen könnten, was es bedeutet, sich zwischen Gut und Böse durch Denken zu orientieren. Unbeirrt habe Sokrates danach gefragt, was wirklich wahr oder gut sei, und habe sich selbst von vermeintlichen Autoritäten seiner Zeit nichts vormachen lassen. Wichtig sei, laut Sokrates, dass im eigenen Seelenhaushalt die zerstörerischen Triebe durch Selbstbeherrschung gezügelt oder durch Gegenkräfte ausgeglichen würden und dass im Zusammenleben mit anderen Menschen deren Rechte beachtet würden. Auch sei heute noch gültig, so Martens, was Sokrates in seiner Verteidigungsrede vor Gericht vorgebracht hatte, dass der Mensch "tagtäglich über das Gutsein (arete) Gespräche" (S.102) führen müsse. Denn ein ungeprüftes Leben, habe Sokrates gemeint, sei für den Menschen nicht lebenswert.

Allerdings habe der griechische Philosoph, gibt Martens zu bedenken, noch in dem geradezu kindlich-naiven, fast religiösen Urvertrauen gelebt, dass es in der Welt und in unserem Leben grundsätzlich möglich und geboten sei, zwischen Wahr und Falsch, Gerecht und Ungerecht zu unterscheiden. Da uns dieses Urvertrauen längst abhanden gekommen sei und sich die Welt enorm weiterentwickelt habe,dürften wir nicht bei Sokrates stehen bleiben. Die Ausgangsfrage, wie wir heute zwischen Gut und Böse leben können, sei zwar nicht ohne Sokrates zu klären, aber auch nicht mit ihm allein. Vielmehr müsse heutiges Philosophieren Sokrates' Haltung, Methode und inhaltliche Überlegungen auf die Probleme unserer wissenschaftlich-technischen Wirklichkeit beziehen.

Wer wir als Menschen sind oder sein sollen und was wir jeweils zu tun haben, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen, erläutert der Verfasser weiter. Erfahrungsgemäß sind Menschen zu beidem fähig, zum Guten wie zum Bösen. Die Frage indessen, warum wir gut sein sollen und was dies im einzelnen bedeutet, läßt sich weder durch Berufung auf Gott, die Natur oder die Vernunft als absolute Instanzen bestimmen, noch verfügen wir über sichere Argumente, die unsere Einsichten dingfest und unwiderlegbar machen. Vermutlich wird jeder zustimmen, dass wir einen Menschen gut nennen, meint der Autor, wenn er in seinem Denken und Tun nicht nur seine eigenen Interessen berücksichtigt, sondern auch die anderer Menschen, anderer Lebewesen und der Natur.

Trotz des Eingeständnisses unseres Nichtwissens versucht Martens, einigen Fragen auf den Grund zu gehen, zum Beispiel den Fragen: Kann ein anderer wissen, was mich glücklich macht? Wie unterscheiden wir uns von den Tieren? Was bedeutet die zunehmende Computerisierung sämtlicher Lebensbereiche? Wie ist Frieden als gerechte Konfliktregelung möglich? Und:Ist Abtreibung erlaubt? Hier sind einige seiner Antworten: Ein Tier verhält sich, behauptet der Autor, durchaus moralähnlich in seinem Pflege- und Brutverhalten, aber es handelt nicht aus Einsicht und freiem Wahlverhalten und kann daher für sein Fehlverhalten nicht verantwortlich gemacht werden. Computer wiederum sind nicht in der Lage, für uns zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen weder im juristischen noch im moralischen Sinne. Gleichwohl ist der Computer in vielen Bereichen ein unentbehrliches Hilfsmittel. Da wir, auch mit Hilfe des Computers, konkret besser leben wollen und können, liegt die letzte Verantwortung für seine richtige Anwendung bei jedem einzelnen und bei der Gesellschaft insgesamt.

Die Frage, ob Abtreibung erlaubt sei, zeigt dagegen, in welcher Orientierungsunsicherheit wir alle uns in der Moderne befinden, in der kaum mehr allgemein verbindliche Wertmaßstäbe fraglos gelten. Jeder mag seine festen Grundwerte oder Weltanschauungen haben. Niemand könne allerdings in einer modernen, offenen Gesellschaft erwarten, dass die anderen diese ebenfalls haben, und erst recht nicht, dass bei grundsätzlichem Konsens Einigkeit in der konkreten Interpretation und Anwendung besteht.


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