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RÜDIGER SAFRANSKI: Das Böse oder Das Drama der Freiheit. 335 S.,Carl-Hanser-Verlag, München 1997.

Rüdiger Safranski sieht im Bösen den Preis für die menschliche Freiheit und glaubt, dass man nicht den Teufel bemühen müsse, um das Böse zu verstehen, weil das Böse zum Drama der menschlichen Freiheit gehört. Für Safranski ist das Böse kein Begriff, eher ein Name für alles Bedrohliche, das dem Menschen begegnet und zu dem er selber fähig ist. Dem Bösen kommt man, seiner Meinung nach, weder mit einer These noch mit einer Problemlösung bei. Auch Aufklärung und Systemveränderungen können das Böse,wie die Geschichte gezeigt hat, nicht aus der Welt schaffen, im Gegenteil: nicht selten versteckt sich das Böse gerade hinter Ideologien, die das Ziel haben, die Menschen zu verbessern.

In der Sündenfall-Geschichte liegt das Böse,laut Safranski, in der Entfremdung von Gott, in der Geschichte von Kain und Abel in der Verfeindung zwischen den Menschen. In einer Philosophie, die nach Sinn sucht, ist das Böse das Sinnabweisende und Sinnlose. Der Autor untersucht die verschiedenen Erscheinungsformen des Bösen, von den antiken und biblischen Mythen über die Philosophie- und Literaturgeschichte bis hin zu Hitler. Erzählend vergegenwärtigt er die Anstrengungen großer Denker und Dichter, mit dem Phänomen des Bösen gedanklich fertig zu werden, wobei sich seine Ausführungen häufig auf abstrakten Höhen bewegen. Platon, Augustinus, Hobbes, Schelling, Schopenhauer, Baudelaire, Freud und viele andere ziehen an unserem geistigen Auge vorbei. Der in Berlin lebende Schriftsteller entfaltet ein Panorama unterschiedlicher Haltungen gegenüber dem Bösen, indem er zitiert und referiert, ohne die Schriften, auf die er sich bezieht, immer genau zu benennen.

Im Paradies, führt Safranski aus, beginnt das Abenteuer der Freiheit. Denn als Gott Adam und Eva untersagte, vom Baum der Erkenntnis zu essen, überließ er ihnen die Wahl, das Verbot zu akzeptieren oder zu übertreten. Sokrates und Platon glaubten, dass der Mensch Böses niemals freiwillig und wissentlich tut, sondern nur aus Mangel an Einsicht und Erkenntnis. Bei den griechischen Philosophen richtete sich der Mensch nach sich selbst, für Augustinus war dies Transzendenzverrat. Der Mensch müsse sich,so Augustinus, Gott öffnen, sonst fällt er dem Bösen anheim. Ähnlich argumentierten Schelling und Schopenhauer, wenngleich mit anderen Begriffen und auf anderen Ebenen. Laut Kant ist der Mensch so frei, dass er sogar von seinem Eigennutz absehen und das Gute tun kann, weil es das Gute ist und nicht etwa deshalb, weil es für ihn gut ist. Ziemlich harmlos ist hingegen Kants Bild vom Bösen. Das Böse, das um des Bösen willen getan wird, das absolut Böse also, gehört für den Königsberger Philosophen in den Bereich des Menschenunmöglichen. Er nennt es "teuflisch"und behauptet, dass es unter Menschen nicht vorkäme, weil das Böse beim Menschen an Motive der Selbsterhaltung gebunden sei. Bei Kants finsterem Doppelgänger, dem Marquis de Sade, ist dagegen die Zerstörung sich selbst zum Zweck geworden. In seinem Fahrwasser segelten, nur stilistisch noch radikaler, die ästhetischen Revolutionäre wie Baudelaire, Poe oder Rimbaud.

In unserem Jahrhundert sei das Denken, schreibt Safranski, weniger durch "böse"Poeten, als vielmehr durch die Großverbrechen des Nationalsozialismus und Stalinismus herausgefordert. Seitdem wissen wir, wie bodenlos die Grausamkeit des Menschen ist und wie groß seine Lust an Zerstörung und Brutalität sein kann. Vieles, was Hitler ausgeführt hat, war im 19.Jahrhundert durch Biologismus und Naturalismus, vorgedacht worden. Trotzdem nimmt Safranski an, dass die Strukturen der industriellen Moderne keine hinreichenden Bedingungen für den planmäßig organisierten und industriell durchgeführten Massenmord gewesen seien. Es habe der "böse" Willen eines Besessenen hinzukommen müssen. Der Verfasser verzichtet darauf, Hitler gesellschaftlich und historisch zu erklären, obwohl er gewisse Einflüsse nicht leugnet. Hitler sei zum Bösen entschlossen gewesen, meint er, er habe eine schwarze Metaphysik gehabt und den Planeten von "Bazillen"- das waren für ihn Juden und Zigeuner - säubern wollen. Genau das habe viele geblendet. Safranski hat sicherlich recht, wenn er konstatiert, dass alle Theorien, die über Hitler im Umlauf sind, diesen Mann gar nicht fassen, doch unterschätzt er bei weitem die Rolle der Täter und Mitläufer. Der Einzelne ist nämlich auch, wie Hannah Arendt einmal gesagt hat, für seinen Gehorsam verantwortlich.

Wie stehen wir heute zum Bösen und zum Sündenfall? Safranski erinnert daran, dass man sich zu Beginn der Karriere des abendländischen Willens zum Wissen das Glück der Erkenntnis versprochen hatte. Inzwischen wüssten wir, nicht zuletzt durch die modernen Bio-Wissenschaften und durch Umweltzerstörungen, dass die theoretische Neugier zu Einsichten führen kann, die nicht mehr lebensdienlich sind, die in Verzweiflung umschlagen können und den Verdacht nähren, "dass es womöglich ein Verhängnis war, vom Baum der Erkenntnis gegessen zu haben."

Und wie sollen wir in der Gegenwart mit der Erfahrung der Kontingenz umgehen? Hier hilft uns allein die Religion, glaubt der Verfasser. Sie bewahrt eine Ehrfurcht vor dem Unerklärlichen und der Unergründlichkeit der Welt und mahnt uns, dass wir hier nur zu Gast sind, mit beschränkter Aufenthaltsgenehmigung.

Safranski beherrscht die Kunst,schwierige philosophische Zusammenhänge knapp, pointiert und verständlich zu erläutern und unsere mitunter verengte Sichtweise auf ein höheres anthropologisches und religionsphilosophisches Niveau zu heben. Das beeindruckt. Dennoch hat man bei der Lektüre zuweilen das Gefühl, dass ihm das Thema entgleitet, weil mehr von der Freiheit als von dem Bösen die Rede ist. Da Rüdiger Safranski einen radikal metaphysischen Freiheitsbegriff vor Augen hat, werden konkrete Erfahrungen mit dem Bösen an den Rand gedrängt. Schade ist zudem, dass der Philosoph keinen Blick in die Sozialgeschichte und in die Psychoanalyse wirft und das weite Feld vernachlässigt, das zwischen der Verabsolutierung und der Leugnung der Freiheit liegt, dabei macht es uns gerade diese Diskrepanz oft so schwer, auf Straftaten, Brutalitäten und das Böse schlechthin angemessen zu reagieren.


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