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Schiller bei Nazis und Kommunisten

Aber die Nazis mussten bald erkennen, dass Schiller ihrer Ideologie nicht gerade dienlich war. Denn als die Dialogzeile "Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!" bei Theateraufführungen im Nazireich immer wieder Szenenapplaus erhielt, wurde 'Don Carlos' von den Nazis kurzerhand verboten. Ähnlich erging es dem Stück ?Wilhelm Tell?. Am 3.Juni 1941 schrieb der Reichsleiter Martin Bormann an den Reichsminister Dr.Lammers: Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel "Wilhelm Tell" nicht mehr behandelt wird. Da half es nicht, dass der promovierte Germanist Joseph Goebbels, der als Bewundrer und recht guter Kenner der Werke Schillers galt, den Dichter zunächst als Wegbereiter des Nationalsozialismus dargestellt hatte.

In der DDR fragte man sich, ob Schiller, hätte er in dieser Zeit gelebt, Kommunist geworden wäre, und man überlegte, für welche Staatsbürgerschaft sich Goethe wohl 1949 entschieden hätte. Um diese polemisch zugespitzten Fragestellungen kulminierten dann auch die Goethe- und Schillerfeierlichkeiten der Jahre 1949 und 1959.

Beide Dichter galten alsbald als Vorkämpfer des Sozialismus und mussten in den fünfziger Jahren für die von der SED forcierte Deutschlandpolitik herhalten. Sie wurden auf ein hohes Podest gestellt und ihr Werk in spezifischer Weise angeeignet. Auch Johannes R.Becher war fest davon überzeugt, dass das klassische Humanitätsideal im sozialistischen Humanismus seine Verwirklichung gefunden habe und schrieb 1955, wobei er sich einer Zeile Goethes bediente: "Denn er ist unser. Friedrich Schiller, der Dichter der Freiheit?, weil in der DDR verwirklicht werde, was Schiller einst erträumt hatte. Goethes Faust avancierte sogar zum Nationalepos der DDR, glaubte man doch, die DDR würde den dritten Teil des Faust darstellen.


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