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Schiller und die Bibel

Schiller war ein vorzüglicher Kenner der Bibel. Denn immer wieder findet man in seinen poetischen Werken, vor allem in den Dramen Zitate und Anspielungen auf die Bibel, am häufigsten in der "Jungfrau von Orléans", aber auch in den "Räubern" und in der Kapuzinerpredigt in "Wallensteins Lager". Doch hat er biblische Wendung oft sehr frei genutzt. Indes ist mit dieser Feststellung ebenfalls wenig über Schillers Einstellung zur jüdischen Religion und zur Geschichte des Judentums und zu einzelnen Juden seiner Umgebung ausgesagt. Goethe allerdings hat den poetischen Wert der Bibel noch höher geschätzt als Schiller, der die Bibel in erster Linie durch seine fromme Mutter kennen gelernt hatte. Auch zeigen seine Briefe, im Gegensatz zu denen Goethes, kaum Anklänge aus der Bibel.

In seiner Jenaer Vorlesung "Die Sendung Moses" hat sich Schiller dagegen auch über das Judentum und über angebliche charakteristische Eigenschaften von Juden geäußert. Manches klingt angesichts des Holocaust aus heutiger Sicht etwas leichtfertig.

Bei Schiller, der Moses als säkularisierten Aufklärer mit politischen Wirkungsabsichten zeichnet, erscheint dieser wie ein psychologisch geschulter Religionsstifter, der den Hebräern ein neues kulturelles Selbstverständnis verschafft. Um sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei zu erlösen und in einem Staat zu vereinen, benötigte Moses ein wirksames Instrument moralischen Zusammenhalts. Dieses Instrument sah er in der Religion. Bemerkenswert sind Schillers Ausführungen vor allem deshalb, weil sie entschieden das Postulat, dass ein Gott sei, vertreten und weil sie folglich vom unbedingten Nutzen der Religion für die Menschen handeln. Die Religion heißt es bei Schiller, sei "die stärkste und unentbehrlichste Stütze aller Verfassung". Gott werde gebraucht, "zur Gesetzgebung und zur Grundlage des Staats" und zwar der "wahre Gott". Für Schiller kann dies nur der abstrakte antlitzlose Vernunftgott sein, wie ihn die ägyptischen Mysterien gekannt haben; diesen habe Moses, so Schiller, aus praktischen Gründen anthropomorphisiert. Doch trägt das Judentum wie auch die aus ihm hervorgegangenen Glaubensrichtungen, das Christentum und der Islam, für Schiller den Keim der Verderbnis in sich, weil alle ein verzerrtes Bild des "wahren Gottes" vermitteln. Gleichwohl habe Gott zu Moses' Zeit seine Funktion erfüllt, als dieser die Befreiung der Israeliten durchsetzte. Insofern sei die 'Verfälschung' gerechtfertigt.

"Die Sendung Moses" ist eine Vorlesung des ersten Sommers in Jena. Später hat sie Schiller in der Zeitschrift "Thalia" veröffentlicht. In dieser Vorlesung, die im wesentlichen eine Auslegung des zweiten Buches Moses'(Exodus) darstellt, verfährt Schiller im Stil des aufgeklärten Rationalisten, indem er die vierhundertjährige Geschichte der in Ägypten unterdrückten Israeliten, die Geschichte Moses' des Retters, und andeutungsweise, den Auszug aus Ägypten, an historische Bedindungen knüpft, die sich der spekulative Kopf zum Teil ausgedacht hat, um die Geschichte 'vernünftig' zu machen. Kein Wunder, dass Schillers bemüht aufklärerisches Geschichtsdenken dann zum Ärgernis aller gläubigen Juden und Christen geworden ist.

Die mosaische Religion habe, meint Schiller weiter, die Aufklärung deutlich gefördert, denn sie habe "eine kostbare Wahrheit, welche die sich selbst überlassene Vernunft erst nach einer langsamen Entwicklung würde gefunden haben, die Lehre von dem Einigen Gott vorläufig unter dem Volke verbreitet und als ein Gegenstand des blinden Glaubens so lange unter demselben erhalten habe, bis sie endlich in den helleren Köpfen zu einem Vernunftbegriff reifen konnten.

"..alles Böse", versichert Schiller an einer Stelle, "welches man diesem Volk nachzusagen gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu seyn."

Natürlich kannte Schiller Judenfeindschaften vergangener und gegenwärtiger Zeit. Doch glaubte er, dass durch unmenschliche Repressionen in Ägypten, "der erste Grund zu dem Übel gelegt" worden sei, "welches dieser Nation (den Juden) bis auf die heutige Zeit eigen geblieben ist", nämlich die "höchste Unreinlichkeit und ansteckende Seuchen" ... "..aus einem zufälligen Übel entstand endlich eine erbliche Stammesconstitution." Ferner spricht Schiller davon, dass unter der Knechschaft die Juden in Ägypten "das roheste, das bößartigste, das verworfenste Volk der Erde" geworden seien. Im Grunde benennt Schiller mit dem Hinweis auf die "barbarische Behandlung" der Juden durch ihre Unterdrücker nur die Ursache ihrer schlechten Verfassung. Es kann daher als sicher gelten, dass Schillers superlativistische Exklamationen keine antisemitischen Ausfälle sein sollten, aber ebenso sicher ist, dass er den Feinden der Juden, deren es unter seinen Zuhörern und Lesern wohl etliche gegeben hat, nicht energisch entgegengetreten ist, obwohl er sich die Gelegenheit, es zu tun, selbst geschaffen hat. "Die Versicherung, gerecht sein zu wollen, war auch 1789 nicht ausreichend", schreibt Oellers und kommt zu dem Schluss: "Schiller war kein Gegner des Judentums, aber er war weit davon entfernt, sich als Freund des Judentums auszuzeichnen."

Schillers Vorlesungen über "Die Sendung Moses" erachteten viele Schiller-Kenner für einen großartigen Essay, obwohl er eine Aussage enthält, die als Inbegriff eines antisemitischen Slogans gilt: die Juden bildeten einen "Staat im Staat". Schiller sagt wörtlich: "Die Ebräer.. lebten abgesondert von den Egyptern .. und machten auf diese Art einen Staat im Staat aus."

Als der jüdische Bankier Simon Edler von Laemel einmal mit Goethe zusammentraf, sagte er ihm: "Der Schiller, Ew.Exzellenz, hat uns Juden mit seiner Abhandlung 'Die Sendung Mosis' sehr weh getan, und was das Schlimmste ist, er hat uns gekränkt, weil er die Sache gar nicht verstanden hat." Der Völkerpsychologe Moritz Lazarus hat sich um 1900 ebenfalls kritisch mit Schillers Jenaer Antrittsvorlesung über die Grundlagen der Universalgeschichte auseinander gesetzt. Was ihn an Schillers idealistischem Konzept vor allem störte, war die Missachtung der Bedeutung der jüdischen Geschichte und Literatur für die moderne Kulturentwicklung.

Drei Jahre nach Schillers Moses warf Johann Gottlieb Fichte den Juden vor, sie bildeten einen Staat im Staat, weshalb er von Saul Ascher (1767-1822) als "Eisenmenger der Zweite" gebrandmarkt wurde - als schlimmster Judenfeind also. Aber über den "edlen Schiller" hat Ascher allem Anschein nach kein Wort verloren.

Der Antisemit Theodor Fritsch (1852-1933) schreibt dazu in "Der falsche Gott" an, neuere Forschungen hätten ergeben, dass "die jüdische Lehre nicht Anspruch darauf erheben" könne, "einen Monotheismus in höherem Sinne darzustellen, da sie einen Gott aller Menschen nicht kennt, sondern nur einen nationalen Sondergott verehrt, der ausschließlich für das Volk Juda sorgt und alle übrigen Völker mit Hass verfolgt."

Sonach müsse die Verehrung für das "unreine und gemeine Gefäß" wesentlich herabgestimmt werden.

Schiller hat in seiner Vorlesung "Die Sendung Moses" aber auch die Verdienste der "Hebräer" in höchsten Tönen gelobt: "In einem gewissen Sinne ist es unwiderlegbar wahr, dass wir der mosaischen Religion einen großen Teil der Aufklärung danken, deren wir uns heutzutage erfreuen", schreibt er.

Klaus Berghahn meint hierzu, dass bei aller Verehrung für die Hebräer selbst bei Schiller mentale Vorbehalte durchschimmerten, die auf die Grenzen der Aufklärung verwiesen. Denn offensichtlich war es für ihn und zahlreiche Aufklärer leichter, die Hebräer einer fernen Vergangenheit zu loben, als sich mit der angeblichen "Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation" in der Gegenwart auseinander zu setzen. Allen guten Absichten der Aufklärer zum Trotz darf man nicht übersehen, dass selbst Lessing und Schiller mit ihrer Geschichtsphilosophie in einen unreflektierten Gegensatz zum Judentum gerieten, indem sie es sich für ihre Zwecke zurechtlegten. Schillers historische Rechtfertigung der mosaischen Religion kränkelt an seinem universalhistorischen Entwurf, der das Besondere und Eigentümliche des Judentums seiner totalisierenden Gegenwartsperspektive unterordnet und daher für das nahe Fremde kein Gespür hat. Gleichwohl hat Schiller neben Lessing und Herder mit dazu beigetragen, laut Berghahn, das Judentum historisch zu rechtfertigen, um auf diese Weise die Fremdheit dieses Volkes und die Besonderheit seiner Religion besser zu verstehen - und zu tolerieren.

Oellers weist in diesem Zusammenhang darauf hin, wie bereits erwähnt, dass Kaspar Schillers Vorschlag gegenüber seinem Sohn, er möge die Geschichte des Judentums schreiben - weniger aus theologischer als aus philosophischer Sicht, mit dem Historischen als Substrat des Philosophischen - nicht allein darauf hindeutet, dass er dem Geschichtsprofessor ein solches Werk zutraute, sondern auch, dass er annahm, dieser habe Neigung zu dem Stoff. Nichts anderes mochte Körner gedacht haben, als er Schiller in einem Brief vom 6.Oktober 1790 nahe legte, er solle eine Reihe von Beiträgen wie "Die Sendung Moses" "liefern, die zusammen eine historische Galerie liefern könnten." Schiller dankte Körner für die Anregung und kündigte weitere Aufsätze "ungefähr von demselben Gehalt" an. Das Versprochene reduzierte sich dann auf die Abhandlung "Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde", die im 11.Heft der "Thalia" 1790, einen Monat später als "Die Sendung Moses" erschien. Beide Abhandlungen geben im wesentlichen die Vorlesungen wieder, die Schiller Ende Juni 1789, etwa vier Wochen nach dem Beginn seiner Vorlesungstätigkeit an der Jenaer Universität gehalten hatte.

Bemerkenswert an diesem Essay ist, dass Schiller den Sündenfall als den glücklichsten Moment der Weltgeschichte verstanden hat. "Dieser Abfall des Menschen vom Instinkte", behauptete Schiller, angeregt durch Kants Abhandlung "Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte"(1786), "der das moralische Übel zwar in die Schöpfung brachte, aber nur um das moralisch Gute darin möglich zu machen, ist ohne Widerspruch, die glücklichste und größte Begebenheit in der Menschheitsgeschichte, von diesem Augenblick her beschreibt sich seine Freiheit..". Schiller versuchte, im Anschluss an seine Kant-Studien in diesem Essay zu beweisen, dass die Entwicklung des Individuums unter dem Gesetz einer fortschreitenden Verfeinerung seiner Vernunftfertigkeiten vonstatten geht, deren Bedingung gerade die Vertreibung aus dem Paradies war. Im ersten "Übergang des Menschen zur Freiheit und Humanität" wird der Sündenfall also nicht für eine rückwärtige Bewegung, sondern für einen Riesenschritt vorwärts gehalten, weil der Mensch dadurch aus einem Sklaven des Naturtriebs ein freihandelndes Geschöpf wurde, das aus der engen Ruhe des Paradieses in die tätige Weite und die weite Tätigkeit des Lebens versetzt wurde."

Aus vielem, was Schiller in den Essays geschrieben hat, spricht nicht so sehr der Bibelforscher, auch nicht der Historiker, sondern vor allem der Poet mit einer kühnen Phantasie. Die Bedeutung, die Schiller dem Wüstenaufenthalt für die Sendung Moses zuschreibt, beruht ganz offensichtlich auf einer eigenständigen Deutung der biblischen Erzählung.

In seinen Vorlesungen ging es Schiller auch keineswegs um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit religiösen Fragen, seien diese jüdisch oder christlich. Es ging auch nicht um Theologie, nicht einmal um Geschichte im strengen wissenschaftlichen Sinne, sondern eher um eine Philosophie der Geschichte, das heißt um die philosophische Interpretation historischer Zeugnisse. Seine etwas merkwürdige Darlegung ist mithin weniger eine historische als eine philosophische Abhandlung. Ihm kam es auf eine psychologische Studie an, nämlich zu zeigen, wie der Seele Mosis die Idee entstammen konnte, sein Volk zu rächen, und wie diese Idee zur Ausführung gelangte.

Für Schiller war das Judentum die Quelle für Christentum und Mohammedanismus, die Verkünderin der Lehre von der Einheit Gottes für die ganze Menschheit. Safranski schreibt hierzu: "Es ist von nichts weniger die Rede als von der Erfindung des Monotheismus in Ägypten und von der Weitergabe dieser Geheimlehre durch den Mann Moses an die Hebräer, deren universalhistorische Bedeutung es war, diese Sendung wider Willen in christlicher Verpackung einem ganzen Weltkreis zugesellt zu haben. Es soll also das Betriebsgeheimnis einer Religion, die auf krummen Wegen Karriere gemacht hat, aufgedeckt werden."

Apropos: In Goethes 1797 begonnenem Aufsatz "Israel in der Wüste", der später Eingang in die "Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des west-östlichen Divans" fand und in dem Goethe dasselbe Thema behandelt hat wie Schiller in "Die Sendung Moses", rekonstruiert er ebenfalls recht frei die Ereignisse um Knechtschaft und Rettung Israels, wie sie sich seiner Ansicht nach hätten begeben können.

Um noch einmal auf die Ausführungen von Wilhelm Hofmann zurückzukommen: Hofmann weist hier zum Schluss seines Vortrags darauf hin, dass Schiller in seinem Spätwerk eine Poetik des Erhabenen entwickelte, und er sich damit - unbewusst - auch abendländischen Traditionsbeständen angenähert habe, die von der jüdischen Kultur mitbestimmt seien.


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