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Spielen Juden eine Rolle in Schillers Werken?

Schiller zeigte kein großes Interesse für das Judentum und jüdische Menschen. Allerdings stand er in der Tradition der Aufklärung und setzte sich mit dieser auch (selbst-)kritisch auseinander. Nebenbei bemerkt: Die Aufklärer engagierten sich für die Emanzipation aller Menschen, also auch für die der Juden ein. Sie würdigten die Bedeutung des jüdischen Monotheismus, sahen aber die positiven Inhalte der jüdischen Religion kritisch, so etwa die Halacha, die religiös geprägte Alltagspraxis. Schiller wiederum beurteilte in der Tradition der Aufklärung die Menschen nicht nach ihrer Religion, sondern propagierte die Vervollkommnung aller Menschen ("Alle Menschen werden Brüder"), also musste er auch die Juden miteinschließen.

In seinen Dichtungen hat Schiller Juden jedoch keinen bedeutenden Platz eingeräumt. Er hat weder Spottverse über sie geschrieben, noch hat er sie in Dramen und Romanen ausführlich behandelt. Hin und wieder wird allerdings behauptet, dass in seinem Erstling "Die Räuber" auch Juden mit im Spiele wären, etwa Spiegelberg, der Kumpan von Karl Moor, genannt "der Beschnittene". Vielleicht hat ein Jude aus der Bande des bayerischen Hiasl Schiller als Vorbild für den Räuber Spiegelberg in den "Räubern" (1781) gedient, überlegt der Historiker und Fotojournalist Nachum Tim Gidal.

Diese Vermutung vermag Ludwig Geiger nicht zu teilen und meint, Spiegels Äußerung zu Moor in einer Variante der zweiten Auflage (1.Akt 2.Szene): "Warum sollte der Teufel so jüdisch zu Werke gehen?" wäre gewiß doch eher im Munde eines judenfeindlichen Christen als in dem eines Juden begreiflich, auch die Bemerkung: "Wie wärs, wenn wir Juden würden und das Königreich wieder auf das Tapet brächten", sei für Juden unwahrscheinlich. Die in diesem Zusammenhang herangezogene Anspielung auf die "hebräische Grammatik" (im unterdrückten Bogen B. zit.in Berliner Ausgabe Bd. 1 S.850) kann nicht zur Klärung der Frage beitragen, da die Kenntnis des Hebräischen nicht zum allgemeinen Bildungsgut der deutschen Juden im 18.Jahrhundert gehörte.

Spiegelberg fügt zwar noch hinzu: "Ich bin freylich wunderbarerweiß schon voraus beschnitten." Doch die Antwort Moors: "Hahaha! Nun merk ich, warum du schon gegen Dreyviertel Jahr eine hebräische Grammatik herumschleifst. Du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?", spräche, so Geiger, nicht unbedingt dafür, dass Spiegelberg ein Jude ist.

Spiegelberg spricht allerdings noch weiter: "Wir wollen sie im Thal Josaphat wieder versammeln, die Türken aus Asien scheuchen, und Jerusalem wieder aufbauen. Alle alten Gebräuche müssen wieder aus dem Holzbügel hervor. Die Bundslade wird wieder zusammengeleimt. Brandopfer die schwere Meng. Das neue Testament wird hinausvotirt. Auf den Messias wird noch gewartet, oder du, oder ich, oder einer von beyden. .. Wir sezen dir eine Taxe aufs Schweinefleisch, daß fressen kann, wer zahlt, und das muß horrend Geld abwerfen. Mittlerweile lassen wir uns Zedern hauen aus dem Libanon, bauen Schiffe, und schachern mit alten Borden und Schnallen, das ganze Volk.? Darauf Moor: "Saubere Nation! Sauberer König!" Spiegelberg: "Drauf kriegen wir die benachbarten Ortschafften, Amoriter, Moabiter, Russen, Türken und Jethiter, ohne Schwerdtstreich, unter den Pantoffel, Denn, must du wissen, wir sind mächtig im Feld, und der Würgengel reutet vor uns her, und mäht sie dir nieder wie Spizgras. - Und haben wir erst um uns herum Feyerabend gemacht, so kommen wir uns selbst zwischen Jerusalem und Samaria in die Haare - du, König Moor von Israel, ich, König Spiegelberg von Juda und zausen einander wacker herum im Wald Ephraim, und wer Sieger ist geht her, lässt die Dächer abdecken und beschläft die Kebsweiber des andern, dass da zugaffen alle zwölf Stämme Israel."

Ich füge hier einen längeren Abschnitt aus einem Vortrag von Wilhelm Hofmann ein:

Hofmann befindet, dass der soeben zitierte Ausschnitt "eine bemerkenswerte Textpassage aus dem Werk des späteren Weimarer Klassikers Schiller" sei: "Die germanistische Forschung befand sich sehr lange in ziemlicher Verlegenheit gegenüber diesem Phänomen. Sie glaubt in ihrer Mehrzahl festgestellt zu haben, dass Spiegelberg eigentlich kein Jude sei, und glaubt deshalb das Problem beiseite schieben zu können. Merkwürdige Beruhigung, sich zu erklären, dass der fiktive Spiegelberg aus anderen als religiösen Gründen beschnitten sei und dass deshalb die Frage aus dem Kontext ,Schiller und die Juden" auszusondern sei. Weiter führen Untersuchungen, die zeigen, dass sich in der Figur Spiegelbergs chiliastische, messianische und allgemein ketzerische Traditionen verkörpern. Bemerkenswert erscheint die Hypothese, dass ein "Ur-Spiegelberg" anzunehmen ist, der als Motor der Räuberrebellion anzusehen war und dessen Motivation unter anderem jüdisch-messianische Züge aufweist. Damit erscheint erwiesen, dass Schiller den Protest gegen die repressiven Tendenzen seines Jahrhunderts auch mit Bezug auf eine jüdische Außenseiterposition zu artikulieren versuchte. Die Unterdrückung wesentlicher Aspekte der Spiegelberg-Figur und deren eindeutig negative Bewertung in der veröffentlichten Fassung der Räuber könnte als Teil der Selbstzensur Schillers verstanden werden. Spiegelberg könnte für die Konsequenzen einer radikalen politischen und gesellschaftlichen Opposition stehen, die den moralischen Grundsätzen des Bürgertums zuwider lief und so letztlich von Schiller tabuisiert wurde. Jüdische Motive können also in diesem Fall verdrängte Oppositions-Potentiale enthalten. Die Projektion negativer Eigenschaften wie Bosheit, Grausamkeit, Jähzorn auf die mit jüdischen Motiven konnotierte Figur des Spiegelberg nähert sich allerdings damit leider einem nur allzu bekannten Projektionsmechanismus, der tabuisierte eigene Gefühle und Tendenzen dem Jüdischen als dem Anderen unterschiebt."

Wie dem auch sei, Norbert Oellers scheint die Frage, ob Spiegelberg ein Jude für deren negative Beantwortung es gute Gründe gibt, für das hier zur Diskussion stehende Thema wenig interessant, weil Spiegelberg prinzipiell nicht mehr oder nicht weniger gilt als Karl Moor oder Schufterle oder Kosinsky - auch wenn er vielleicht als politischer Abenteurer die festesten Umrisse erhalten hat, und deshalb ist zu vermuten, dass der junge Schiller ihn in aller Heimlichkeit bewundert haben könnte. Oellers hat sicherlich Recht, wenn er meint, dass die Judenproblematik, wenn überhaupt, in dem Stück "Die Räuber" höchstens flüchtig berührt wird. Ob die Figur des Moritz Spiegelberg, wie das einige sprachliche Hinweise mitsamt dem Vorschlag zur Wiedererrichtung eines jüdischen Staates andeuten, im Drama "Die Räuber" tatsächlich als Jude konzipiert war, ist also wohl unerheblich und zugleich fragwürdig. Letztlich fehlen schlichtweg die Beweise dafür, dass Schiller in seinen "Räubern" Juden dargestellt hat.

Wilhelm Hofmann gibt indes weiter zu bedenken, dass Schillers Stellung gegenüber der Gesellschaft seiner Zeit ambivalent gewesen sei. "Einerseits steht er wie sein Held Karl Moor gegen die Einschnürung des Individuums, die er als Kennzeichen des sogenannten aufgeklärten Absolutismus in der Konfrontation mit "seinem Herzog" Karl Eugen von Württemberg buchstäblich am eigenen Leib erfährt. Andererseits bewahrt er eine profunde Skepsis gegenüber den Allmachtsphantasien, die seine Räuberrebellen artikulieren, und er lässt sein Stück mit der Kapitulation des Räuberrebellen vor der Obrigkeit enden - das ist allerdings kein überzeugendes Versöhnungsmotiv, weil, die willkürlichen Unterdrückungsmechanismen des feudalistischen Absolutismus eigentlich nicht legitimiert werden können." Die Selbstzensur habe dann, führt Hofmann weiter aus, zu einer pejorativen Bewertung der Rebellion geführt. "Diese Problematisierung des Rebellentums hat Schiller mit der Figur des Moritz Spiegelberg verbunden ? einer Figur, die uns hier besonders interessiert, weil jüdische Motive mit ihr verbunden sind. Vor dem Druck des Erstlingsdramas hat Schiller einen Bogen zurückgezogen und den Text verändert, entschärft - wobei gerade die entscheidenden Passagen über den Räuber Spiegelberg der Selbstzensur zum Opfer fielen: Unterdrückter Bogen B der Räuber."

Aber schauen wir uns weiter in Schillers Dichterwerkstatt um.

Der Dichter soll während seiner Vorstudien zum "Wallenstein" auf Jehudah Abravanels (1460 - 1523 ungefähr) "Dialoghi" gestoßen sein, in denen der Mensch - auch in Goethes Sinne - "in Naturverbundenheit und Willensbestimmtheit" gefasst ist. Aber ob die Lektüre wirklich für den "Wallenstein" von Belang geworden ist, dünkt ebenfalls mehr als fraglich.

In Schillers Jugendlyrik kann man nur mit Mühe gewisse anrüchige Formulierungen ausmachen, wie etwa "Pharisäerlarven" und "Eure Juden schachern mit der Münze" in dem Gedicht "Die schlimmen Monarchen" sowie "ermauscheln und "Pharisäer" im Sinne von selbstgerechten und heuchlerischen Menschen in dem Gedicht "Der Venuswagen", was einem Karl Kraus offensichtlich nicht sonderlich aufgefallen ist oder dem er keinerlei Bedeutung beigemessen hat. Entdeckte er in diesem Gedicht doch nur, wie er 1905 in der "Fackel" schrieb, einen "Triumph der Sinnlichkeit." Zumindest kann man aus all diesen Textstellen nicht auf eine pro- oder anti-jüdische Mentalität des Dichters schließen, auch wenn gerade der Ausdruck "Pharisäer" das Bild von Juden bei Antijudaisten lange Zeit bestimmt hat und oft heute noch den christlich-jüdischen Dialog unnötig erschwert. Wie damals und leider manchmal heute noch üblich hat Schiller die drei oben zitierten Ausdrücke wohl lediglich gedankenlos benutzt.

Kurzum, in Schillers Schriften kommen kaum Juden vor, von denen jedoch keiner eine wichtige Figur ist oder als besonders tugendhaft oder als besonders anrüchig dargestellt wird.


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