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Juden im Leben Schillers

Vermutlich wurde Schiller in seiner Kindheit und Jugend mit dem Problem des Judentums nie ernsthaft konfrontiert. In Württemberg, wo er aufwuchs, begegneten ihm kaum antijüdische Zeugnisse "aus öffentlicher Anstalt". Bei seiner christlichen Erziehung durch fromme Eltern waren die Hilfsmittel der religiösen Intoleranz und des Fanatismus allem Anschein nach nicht vonnöten. Offensichtlich war sich der schwäbisch pietistische Protestantismus selbst genug. Von dieser Warte aus verdiente für Schiller das Judentum sicherlich eher ein historisches und philosophisches Interesse als ein theologisches. Dafür mag, wie Norbert Oellers in seinem Aufsatz über "Goethe und Schiller in ihrem Verhältnis zum Judentum" deutlich macht, eine beiläufige, nur zufällig überlieferte Begebenheit sprechen: Johann Kaspar Schiller, der für seine Angehörigen treu sorgende Vater des Dichters, hatte einmal, als ihn die wirtschaftliche Lage seines Schwiegersohns Reinwald bedrückte, die Idee, sein Sohn Friedrich könne Reinwald dienlich sein, indem er ihm wissenschaftliche Kärrnerarbeit abkaufte. Denn "wir haben meines Wissens", so schrieb der Vater dem Sohn am 21.Februar 1792, "noch keine vollständige zusammenhängende Geschichte des jüdischen Volks seit ihrer Zerstreuung in die Welt. Mich dünkt, es wär dies ein wichtiger und ebenso würdiger Gegenstand der Beschäftigung eines Gelehrten, welcher aber selbst gelehrte Juden an der Hand haben müsste, die ihm die Materialien lüfern könnten. Nebenbei würde eine geschickte Aufarbeitung viel Interesse für das Christenthum haben, und in diesem Betracht wäre es freilich mehr die Arbeit eines Theologen, und doch müsste die philosophische Bearbeitung mehr Beifall finden! Könnte nicht etwa da Reinwald die Materialien sammeln, seine Bibliothek dabei benützen, und wenigstens soviel darin vorarbeiten, daß es, wenn der liebe Fritz Zeit hätte daran zu gehen, nicht mehr so viel Mühe und Denken und Nachschlagen kostete?" Die Antwort Schillers auf diesen Vorschlag ist nicht überliefert. Doch ist anzunehmen, meint Oellers, dass er ihn gutgeheißen hätte, wenn seine Verwirklichung ihm die eigene wirtschaftliche Situation hätte nennenswert verbessern helfen. Er wäre anders, aber nicht lebhafter Partei gewesen, als bei seinen historischen Arbeiten über den Abfall der Niederlande von Spanien und über den dreißigjährigen Krieg. Zumindest aber stützt die zitierte Äußerung des Vaters die Annahme, dass im Elternhaus keine dezidierte Abneigung gegen das Judentum bestand und dass folglich für Gedanken an mögliche Judenverfolgungen aus religiösen oder anderen Gründen kein Platz gewesen war.

Zudem dürften Schiller in den kleinen Dörfern und Städten, in denen er seine Kindheit zubrachte, keine Juden begegnet sein. In Stuttgart indes, wo um 1780, als Schiller dort als Regimentsmedicus wirkte, viele Juden lebten, war die Erinnerung an Jud Süß (Süß Oppenheimer), den Finanzagenten des Herzogs Karl Alexander(1733-1737), der durch gewagte Geldgeschäfte und einen aufwändigen Lebenswandel von sich reden gemacht hatte und der nach dem Tode des Herzogs nach einem öffentlichen Schauprozess hingerichtet worden war, noch sehr lebendig. Allgemein herrschte damals unter der nichtjüdischen Bevölkerung die Ansicht vor, dass "durch den Hass gegen einen Juden, der das Land ruiniert, sich schändliche Übergriffe erlaubt hatte und vor dem Morde nicht zurückgeschreckt war, (..)die Abneigung gegen die Juden überhaupt erzeugt oder sicherlich genährt" worden sei.

Später lernte Schiller in Leipzig einen jüdischen Geldverleiher kennen, von dem er sich Geld borgte und mit dem er keinerlei unangenehme Erfahrungen machte, obwohl er ihm das Geld nicht rechtzeitig zurückgeben konnte.

Der jüdische Buchhändler Salomo Michaelis in Strelitz, Hofbuchhändler des Herzogs von Mecklenburg-Strelitz, lieh ihm ebenfalls Geld, Schiller nannte ihn gelegentlich "Judenbuchhändler" oder einfach "der Jude". Dies war indes keineswegs verächtlich gemeint, war er doch im allgemeinen mit ihm zufrieden, zumal er Michaelis am 15.August 1794 - durch die Vermittlung von Wilhelm von Humboldt - für einen "Musen-Almanach für das Jahr 1796" hatte gewinnen können.

Als Schiller mit seiner Familie 1793 seine Eltern in Württemberg besuchte, engagierte er sich verlegerisch für den Vater, der eine kleine Schrift über Techniken der Baumpflege verfasst hatte, indem er ihm die Verbindung zu dem Neustrelitzer Verleger Salomo Michaelis vermittelte. Diese Schrift erschien 1795 unter dem Titel "Die Baumzucht im Großen".

Auch seinem Jugendfreund Hoven empfahl Schiller den Buchhändler und schrieb ihm: "Du musst Dich nicht daran stoßen, wenn ich Dir vielleicht, einen Juden (einen solchen nämlich, der wirklich beschnitten ist) zum Verleger aussuche. Es ist wirklich in Strelitz ein solcher als Buchhändler aufgestanden, und er hat von mir einen Musen-Almanach im Verlag. Die sächsischen Juden haben viel Cultur und bedeuten etwas. Dieser, der sich Michaelis nennt, ist ein junger unternehmender Mann, der Kenntnisse besitzt, in guten Verbindungen steht, und bey dem Herzog von Mecklenburg viel Credit hat. Er hat auch eine Schrift meines Vaters über die Baumzucht im Verlag, welche hier gedruckt wird."

Schiller nahm also an, meint Norbert Oellers, er müsse Hovens Vorurteile gegen Juden niederhalten und gab dabei zu erkennen, dass er mit der Judenproblematik einigermaßen vertraut war. "Die Juden", so sagte Schiller, "assimilierten sich durch 'Kultur'."

Als Michaelis am 21.Mai 1795 Schiller in Jena besuchte, wurde das gute Einvernehmen bestätigt und gefestigt. Schiller schickte den Verleger am selben Tag zu Goethe, damit er mit diesem und Meyer überlege, welche Goetheschen Beiträge für den Almanach "Stoff zu Vignetten geben" könnten. Als Michaelis jedoch wenig später durch die Treulosigkeit eines Freundes, der Geld unterschlagen hatte, in Schwierigkeiten geriet und die Abmachungen nicht erfüllen konnte, war Schiller schnell mit Formulierungen zur Stelle wie "der elende Mensch, der Michaelis", "Michaelis Armseligkeit", "ich bin dem elendsten Tropf von Buchhändler in die Hände gefallen". Wahrscheinlich hatte Schillers Heftigkeit auch mit Selbstkritik zu tun. Offensichtlich machte er sich selbst Vorwürfe, dass er einem Juden so habe vertrauen können. Seinem Ärger verlieh er beredt Ausdruck, den man jedoch nicht unbedingt als antisemitischen Ausfall werten kann, obwohl er sich so interpretieren und verwenden lässt - zumindest von Judenfeinden und Schillergegnern. Der unzuverlässige Karl August Böttiger will sogar gehört haben, dass Schiller sagte, die "fortdauernde Bedrückung" der Juden sei "eine notwendige Folge ihres unvertilgbaren Charakters."

Selbst nachdem sich Michaelis hatte rehabilitieren können, entzog ihm Schiller auf Anraten Humboldts - denn ihm klebe "jetzt das Andenken an diesen unangenehmen Vorfall wie ein böses Schicksal an" - den Auftrag für weitere Almanache. Michaelis versuchte noch mit zwei wahrhaft bewegenden Briefen, von Schiller ein Zeichen der Sympathie zu erlangen - jedoch vergeblich, die Briefe blieben unbeantwortet.

Michaelis war im übrigen der einzige jüdische Verleger, den Schiller gehabt hat. Aber auch mit dem jüdischen Kaufmann und Gelehrten David Friedlaender stand Schiller in einer geschäftlichen Verbindung.

In Weimar, wo Schiller den letzten und wichtigsten Abschnitt seines Daseins verbrachte, gab es überdies nur wenige Juden, wie etwa die Familien Gabriel Ullmann und Jacob Elkan, der sogar in Goethes Gedicht "Auf Miedings Tod" vorkommt. Vermutlich war Elkan ein Händler mit alten Kleidern und auch Schillers Lieferant. Bei dem "Juden Elkan" bestellte Schiller, wie er an Wilhelm von Humboldt am 21.August 1795 schrieb, Stoffe. Doch hielten sich seine Weimarer Kontakte zu Juden in Grenzen.

An der von Schiller begründeten und von Goethe beförderten, ebenso anspruchsvollen wie kurzlebigen Zeitschrift "Horen" waren zudem zwei Juden als Mitarbeiter tätig: die beiden Kantianer Lazarus Bendavid und Salomon Maimon, die zeitweise dem Kreis der Berliner Aufklärer angehörten und die Schiller als Mitarbeiter seiner Zeitschrift ebenso willkommen waren wie christliche Dichter, wie Boie, Herder, Kosegarten und andere. Auch ein dritter jüdischer Aufklärer, Markus Herz - er war portugiesischer Herkunft -, wird als Arzt Wilhelm von Humboldts bei Schiller gelegentlich erwähnt. Allerdings hatte Schiller in seiner Eigenschaft als Dramatiker geringere Beziehungen zu Juden als in seiner Eigenschaft als Schriftsteller. Unter den Theaterleuten, mit denen er zu tun hatte, befand sich nur ein Jude: Jakob Herzfeld, Theaterdirektor in Hamburg, dem er seine klassischen Dramen verkaufte.

Henriette Herz, Ehefrau von Markus Herz, lernte Schiller bei seinem Berliner Aufenthalt 1804 kennen. Henriette Herz hatte Schillers Bücher schon vor dem persönlichen Kennenlernen gelesen und war von ihm sehr angetan. Laut Rüdiger Safranski machte Schiller auf Henriette Herz "einen noch angenehmeren Eindruck als Goethe."

Von Rahel Varnhagen indes wurde Schiller nicht eingeladen. Sie stellte Goethe über alles und soll Schiller kühl entgegengetreten sein. Allerdings schreibt sie fünf Jahre nach Schillers Aufenthalt in Berlin: "Schillers Wallenstein liegt seit drei Tagen auf meinem Tisch, und was auf dem Tisch liegt, liest man am Ende doch: wie paßt jedes Wort, die Tragödie in der Tragödie! Wie versteh' ich jetzt Welthändel und Dichter erst!"

Dorothea Veit geborene Mendelssohn gehörte offensichtlich ebenfalls der antischillerschen Gesinnung an, die in den damaligen romantischen Zirkeln zur Mode geworden war. Ein paar Äußerungen aus ihrem Tagebuch bekunden, dass sie Schiller Hochmut und Grobheit zugleich zuschrieb, aber sie hat auch gesagt: "Ich weiß wohl, es gibt einige Leute, die behaupten, Schiller wäre kein Dichter! So lange ich aber lebe, soll sich gewiß niemand unterstehen, es zu sagen."

Dass seine Freunde Körner und vor allem Wilhelm von Humboldt mit Juden freundschaftlich verbunden waren, konnte dem Dichter nicht verborgen geblieben sein. (Humboldt war außerdem einer der ersten, der um 1809, also vier Jahre nach Schillers Tod, die rechtliche Gleichstellung der Juden forderte und für deren uneingeschränkte Emanzipation eintrat.) Schiller, so viel ist wohl sicher, zollte nie einem offenen Antisemitismus Beifall und kritisierte nie christliche 'Parteigänger' des Judentums. Ja, er tat so, als hätten Nichtjuden keine Probleme mit Juden, als habe es keine Hetze, Unterdrückung und Pogrome bis in seine Gegenwart hinein gegeben. Dieser Realität entzog er sich weitgehend wie sein Dichterfreund Goethe.

Norbert Oellers findet es in seinem Aufsatz "Goethe und Schiller in ihrem Verhältnis zum Judentum" (Tübingen 1988) doch recht bedenklich, "dass Schiller den speziellen Nöten der Juden keine Aufmerksamkeit geschenkt hat" und fragt: "Sollte er nicht gesehen haben, dass es die gab?"

Doch antijüdische Klischees und Redensarten waren beiden nicht fremd. Als Frau von Wolzogen Schiller Anfang Februar 1784 mahnte, seine Schulden bei ihr zu bezahlen, antwortete er: "Wenn es möglich ist, daß Israel biß Ostern wartet so ist alles gut - wo nicht, so mus ich Geld auf Judenzins aufnehmen, um Sie nicht stecken zu laßen. . Proponieren Sie es Israel, ich gebe mein Ehrenwort auf Ostern 8 Carolin zu schiken.."

Als geschichtskundiger und philosophierender Schriftsteller kannte Schiller durchaus die Schrift von Moses Mendelssohn "Über das Erhabene und Naive in den Schönen Wissenschaften". Unverkennbar ist er von seinen Briefen "Über die Empfindungen" und dessen "Rhapsodie, oder Zusätze zu den Briefen über die Empfindungen" beeinflusst worden, wenn auch nicht so stark wie von Kant.

Schon in Bauerbach hat er die philosophischen und ästhetischen Schriften Moses Mendelssohns studiert. Er zählte Moses Mendelssohn durchaus zu den großen Denkern, was ihn freilich nicht davon abhielt, zu behaupten, dass Mendelssohn zu jenen gehöre, "die das Instrument ihres Verstandes verstimmt haben, dass es keinen rechten Laut mehr von sich gibt." Trotz mancher Ausdrücke, die nicht immer ganz frei von Spott und Missachtung sind, hat Schiller manches aus den Anschauungen des jüdischen Weltweisen geschöpft, besonders die Theorie des Naiven. Dagegen wird der holländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) von ihm kaum erwähnt, obwohl Schillers philosophische Ideen auch durch dessen pantheistische Vorstellungen mitbeeinflusst worden sind.

Ein kleines, vermutlich 1781 entstandenes satirisches Gedicht von Schiller ist jedoch mit "Spinoza" betitelt und lautet: "Hier liegt ein Eichbaum umgerissen,/Sein Wipfel tät die Wolken küssen,/Er liegt am Grund-warum?/Die Bauern hatten, hör ich reden,/Sein schönes Holz zum Baun vonnöten,/Und rissen ihn deswegen um." Mit diesen Versen richtete sich Schiller gegen verflachende Interpretationen der pantheistischen Lehren Spinozas und spielte dabei indirekt den untadeligen Lebenswandel des jüdischen Denkers gegen den von der jüdischen und christlichen Hierarchie erhobenen Atheismus-Vorwurf aus.

Doch im großen und ganzen unterhielt Schiller im Gegensatz zu Lessing keine direkten Freundschaften mit Juden und wurde, anders als Goethe, von ihnen nicht aufgesucht. Er trat auch nicht öffentlich für die kulturelle oder politische Emanzipation der Juden ein, wohl aber für die Gleichberechtigung und Emanzipation aller Menschen. Lessings "Nathan der Weise" hat Schiller ebenso geschätzt wie Goethe. Immerhin hat er das Stück für Goethes Theater bearbeitet, so dass es 1801 in Weimar erfolgreich aufgeführt werden konnte. Seitdem ist es eines der meistgespielten klassischen Theaterstücke. Als der Meininger Hofprediger Georg Pfranger in Lessings, wie er meinte, "tendenziösem Drama" Nathan den Weisen "eine Herabsetzung der christlichen Kirche zu Gunsten des darin verherrlichten Judentums" sah, rief diese Äußerung Schillers heftigen Protest hervor.


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