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Der Roman enthält viele Anspielungen auf Bibeltexte,

zum Beispiel auf die Opferung Isaaks: "Auf beiden Armen bot sie ihren Sohn dar wie man ein Opfer darbringt" - wobei es Menuchim der Sohn ist, den seine Mutter opfert - im übertragenen Sinne natürlich. Auch andere Stellen erinnern im Wortlaut an die Bibel: "Menuchim war die letzte missratene Frucht ihres Leibes",

"die Uhr schlug wie eine Erlösung",

"sie schämten sich voreinander(am Ende der ehelichen Beziehungen, bei Adam und Eva begannen diese mit dem Schämen),

das Wort Mama, zum ersten Mal aus dem Munde Menuchims empfand Deborah wie eine "Offenbarung".

Der älteste Sohn Jonas wird als "stark und langsam wie ein Bär" charakterisiert, der jüngere Schemarjah ist "schlau und hurtig wie ein Fuchs". Das wiederum gemahnt an die Konstellation der ungleichen Brüder Esau und Jakob in der Genesis, und wenn die schöne und vielbegehrte Schwester Mirjam "wie eine Gazelle" erscheint, dann wird man an die Bildersprache des Hohenliedes und den Frauentypus Sulamith erinnert (v.Hofe).

Der christologische Gedanke des stellvertretenden Leidens klingt an, wenn es heißt: "In der Familie Mendel Singers aber schien es, als hätte der kleine Menuchim die ganze Anzahl menschlicher Qualen auf sich genommen, die sonst eine gütige Natur sachte auf alle Mitglieder verteilt hätte."

Die Auswanderung nach Amerika erscheint wie die Parallele zum Auszug der Juden aus Ägypten ins Gelobte Land. Ironische Brechungen liegen in den Bezeichnungen Amerikas als "Land Gottes", Russlands als "ein trauriges Land", Amerika ist ein freies Land, ein fröhliches Land", ein "gesegnetes Land", ein geradezu gelobtes Land, das aber nicht hält, was es verspricht. Später erweist sich Amerika sogar als "tödliches Vaterland".

Roth spielt hin und wieder in einem leicht ironischem Unterton mit biblischen und jüdischen Traditionen und Redewendungen. Die Wiedererkennungsszene findet zum Beispiel am "Osterabend" statt, Mendel ist der "Geringste unter den Anwesenden" heißt es gleich an zwei Stellen, Menuchim gibt sich nach einigen erzähltechnischen Verzögerungen zu erkennen. Man kann darin eine Anspielung auf die Auferstehung Christi sehen, während sein Erscheinen im Familienzimmer während des Osterfestes eine klare Anspielung auf das Kommen des Messias ist. Roth benutzt sowohl die jüdische als auch die christliche Symbolik. Er war zwar kein Glaubensjude mehr, was ihm orthodoxe Juden oft vorgehalten haben, aber er fühlte sich im Judentum durchaus noch beheimatet. Zugleich war er von christlichem Gedankengut erfüllt.

Die Rettung des Juden erfolgt durch einen Menschen, der unter Nichtjuden aufwuchs oder anders ausgedrückt: Mendels Sohn Menuchim - kein "einfacher Mann" - verfügt souverän über die "geistigen Grundlagen für eine neue Welt" und vermag dadurch sogar - als messianische Gestalt - seinen Hiob-Vater zu retten. Dass Roth den Roman mit dem Pessach-Fest 1919 in New York enden lässt - geschieht sicher auch nicht von ungefähr.

Im Unterschied zum Kleinbürger Pum in "Die Rebellion", der die pseudoreligiösen Formen seines Obrigkeitsglaubens als Irrtum erkennt und sein Leben in Resignation beendet, erfährt Mendel Singer am Ende des Romans "ein Wunder", die Wiederbegegnung mit seinem totgeglaubten Sohn. Bernd Hüppauf schreibt dazu: Die Weisheit, die Singer aus dem Zerbrechen seines Lebens- und Weltsystems (Verlust von Familie und Heimat, Infragestellung der jüdischen Religion) erringt, ist die Weisheit des Skeptikers, der sich bewusst ist, dass "die Stellung des Menschen in der Welt ..fragil, die Zukunft ungewiss und das Individuum ein Nichts im allgemeinen Geschehen" ist.

Bei Roths Hiob wie beim biblischen Hiob geschehen am Ende wahre Wunder. Beide Geschichten haben einen glücklichen Ausgang. Indes - im wirklichen Leben geschehen derartige Wunder so gut wie nie, Menschen, die schlimme Schicksalsschläge erleiden, gehen entweder daran zugrunde, zerbrechen daran oder finden nach und nach wieder Zugang zum Alltag. Die Schmerzen allerdings, die die Schicksalsschläge verursacht haben, halten noch lange an. Vielleicht brennen sie sogar für immer in ihrer Seele. Narben bleiben allemal. Und sich mit seinem Schicksal versöhnen - das wiederum dürfte nur wenigen gelingen, allenfalls finden sie sich damit ab.

Die Wunder am Schluss - hat Roth sie wirklich ernst gemeint, (immerhin müssen wir bedenken, wir haben es hier nicht mit einer Legende, sondern ganz ernsthaft und von Roth gewollt mit einem Roman zu tun) ganz naiv als bare Münze oder vielleicht nur ironisch eingefügt oder aus reinem Wunschdenken, wohlwissend, so schön und wundersam ist die Wirklichkeit nicht. Hoffte Roth am Ende für sein Leben insgeheim auf Wunder? Diese blieben aus, aber ihr Ausbleiben hat seine Schaffenskraft nicht gelähmt, im Gegenteil. Die Wunder, deren Roth so dringend bedurft hatte, hat er schließlich selbst erfunden.

Die wunderbare Heilung des Sohnes hat viele Kritiker nicht überzeugt. Ludwig Marcuse zum Beispiel hält das Romanende für verfehlt. Dieses sei eine "kompositorische Verlegenheit". Hans Blumenberg dagegen sieht darin eine literarisch überzeugende Aktion gegen die "Diskriminierung des Trostes". Man soll den Trost annehmen, der einem geboten wird durch die Bibel, durch die Religion oder durch andere Menschen. Für Mendel geschieht das schlechthin Unbegreifliche, das nicht mehr Erwartete. Der biblische Hiob hat, wie wir wissen am Ende durchaus eine neue Gotteserfahrung gemacht. Gilt dies auch für Mendel Singer? Es fällt dem ein oder anderen möglicherweise schwer, zu glauben, dass Roths Hiob zu Gott findet, und ob Roth selbst dies gelungen ist, dünkt noch fraglicher, aber man weiß natürlich nie, was in den letzten Stunden seines Lebens bei ihm vor sich gegangen ist.

Helmuth Nürnberger meint sogar: "Der Roman drückt nicht die Hinwendung seines Autors zum Gottesglauben aus, wohl aber den Unglauben in die Fähigkeit des Menschen, sein Los aus eigener Kraft zu verändern." Über dieses Resümee kann man streiten, aber so viel ist sicher: Der Mensch bleibt auf Gott angewiesen. Manche sprechen heute statt von Gott lieber von Glück oder einem gnädigen Schicksal.

Ich habe sicher nicht alle Interpretationsmöglichkeiten ausgeschöpft. Ich kann nur raten, lesen Sie Roths "Hiob" und Sie werden sicher noch andere Aspekte und andere versteckte Hinweise entdecken. Vielleicht aber ist es mir gelungen, deutlich zu machen, dass Roth, angetrieben von eigenen biografischen Erfahrungen und Momenten, den biblischen Hiobstoff literarisch so eindrucksvoll umgesetzt und in die Zeit des 20.Jahrhunderts so vortrefflich übersetzt hat, dass er bis heute aktuell geblieben ist und uns noch eine Menge zu sagen hat.


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