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Weitergehende Betrachtungen:

Leid zwingt den Menschen allemal, in sich zu gehen, etwas gründlicher nachzudenken, aber nicht immer findet er dabei zu Gott.

Ist es überhaupt richtig, bei schweren Schicksalsschlägen mit Gott zu hadern? Gewiss, nicht wenige fragen sich mitunter ganz naiv, warum gerade ich, ich habe doch nichts Böses getan. Zudem hat der Mensch vieles auch in der Hand. In den 60er Jahren glaubte man reichlich optimistisch, man müsse nur die Verhältnisse ändern, denn diese hätten Menschen geschaffen und Menschen könnten sie wieder ändern, sie könnten Kriege abschaffen und dafür sorgen, dass es allen wohl ergeht. Auch das ist reichlich kurzsichtig.

Bedeutet es Fortschritt oder Rückschritt, wenn sich heute viele nicht mehr die Fragen von Hiob stellen? Das heißt, man fragt vor allem, warum gerade ich, aber nicht so sehr, warum straft mich Gott? Weist dieser Mangel nicht auf eine gewisse Gottesferne hin?

Friedrich Nietzsche und Simone Weil halten die Hiobsfrage für überflüssig. Simone Weil sieht im Leiden keinen Einwand gegen Gott, da neben der Schönheit gerade das Leid der vorrangige Lebensbezug und die besondere Gelegenheit der Gotteserfahrung ist. Und Nietzsche hat sich sinngemäß so geäußert: Leiden gehört zum Leben nun einmal dazu. Nietzsche hat im Leiden einen notwendigen Bestandteil des Wegs zum höchsten Glück gesehen und war der Ansicht, ohne Leiden könne man nicht zum Glück gelangen. "Lust und Schmerz sind `Zwillinge` und mit dem Glücke Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne`."

Menschliches Leid bewirkt oft Veränderung und Entwicklung, provoziert aber gleichwohl bei den meisten Menschen nach wie vor die Suche nach immer neuen Erklärungen.

Trotzdem kann man sich fragen, ob es zulässig ist, Schuld, Strafe, Theodizee, die Rechtfertigung Gottes in einen Zusammenhang zu stellen. Schuld-Leid-Erlösung - die Rechnung geht nicht immer auf. Leid hat mit eigener Schuld nicht immer etwas zu tun, eher mit der Schuld von anderen, und der Gedanke, dass irgendwann ein Ausgleich geschieht, Gerechtigkeit geübt wird, bewegt und beruhigt viele. Denn oft werden Menschen moralisch schuldig, ohne dass ihre Schuld gesetzlich geahndet wird. Dass jedoch ein Schuldiger straflos ausgehen soll, dieser Gedanke, ist für viele unerträglich. Aber wie gesagt, Leid kann, muss aber nicht mit Schuld gekoppelt sein.

Auch der biblische Hiob macht seinen vier Freunden klar, dass seine Leiden durchaus nicht seine Schuld bezeugen und dass die Auffassung vom unbedingten Unheil für den Frevler nicht stimmt.

In einigen Artikeln, die zum ersten Jahrestag der Attentate des 11.September 2001 erschienen sind, war auch von Gott die Rede. Auf einem Comic stand über einem schwarzen Kreuz die Schrift" I am sick of God" (übersetzt wurde dieser Satz mit "Ich hab genug von Gott"), und ein anderer schreibt über die Ruinen der World-Trade-Center-Türme "I 've seen the power of faith".

Als die Pest Mitte des 14.Jahrhunderts Europa heimsuchte, wurde das massenhafte Sterben als göttliche Strafe gedeutet. In einem Fernseh-Feature über Epidemien entdeckte der Autor Harald Brandt, dass auch der Glaube an eine strafende Instanz zurückkehrt. "Die Erde", schreibt die Mikrobiologin Lynn Margulis, "wird nicht zulassen, dass unsere Bevölkerung weiter zunimmt." Auch das 21.Jahrhundert will in der Seuche einen Sinn entziffern. Naturwissenschaftler sind ihre neuen Exegeten. (Frank Kaspar in FAZ v.22.8.02)

Der Widerstandskämpfer Jossel Rakover gab kurz vor seinem Tod zu Protokoll: "Ich glaube an den Gott Israels, auch wenn Er alles getan hat, dass ich nicht an Ihn glaube."

Die Frage nach dem Sinn menschlichen Leidens provoziert die Suche nach immer neuen Erklärungen. Aber - kann und soll man Gott für jedes Ereignis verantwortlich machen?


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