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Der Krimi als Teufelsaustreibung

Man könnte im Krimi auch eine Art Teufelsaustreibung sehen mit kathartischer Wirkung, weil er, nach Meinung kluger Leute, unsere Gefühle von Schuld und Schrecken reinigt. Die Braunschweiger Psychologin Elisabeth Müller-Luckmann hat einmal gesagt: "Kriminalromane werden nicht nur aus Unterhaltungsbedürfnis gelesen, sondern auch aus einem unbewussten Schuldgefühl. Es ist das Schuldgefühl der Etablierten gegenüber den Gestrandeten, Gestrauchelten. Indem wir uns mit dem Verbrechen konsumierend beschäftigen, mit dem fiktiven Verbrechen wohlgemerkt, bilden wir uns ein, mit den Missständen der Gesellschaft beschäftigt zu haben, an denen wir auch als Einzelne mitschuldig sind, weil wir nicht genug tun, sie zu mildern und sie zu tilgen."

Doch wenn der Detektiv zum Richter erhöht wird, gleichsam zum Ersatz-Erlöser wird, dann bedeutet dies zweifellos eine unmenschliche Überforderung. Eine fromme Autorin wie Dorothy Sayers hat ihren Detektiv, den exzentrischen Lord Peter Wimsey, durch tiefe Selbstzweifel vom göttlichen Podest wieder herunterholt. Sie lässt ihn nicht nur unter der Dusche Bach-Arien aus der H-Moll-Messe pfeifen. Sie verwickelt ihn darüber hinaus immer wieder in moraltheologische Grundsatzfragen, die aus dem bloßen Standesethos des Detektivs heraus kaum lösbar scheinen. Schon in ihrem ersten 1923 erschienenen Roman "Ein Toter zu wenig" fragt sich Lord Peter, was ihn eigentlich berechtigt, nicht nur knifflige Ermittlungen anzustellen, sondern dadurch vielleicht auch Menschen an den Galgen zu bringen. Noch massiver stellt Sayers diese Frage in dem vier Jahre später erschienenen Roman "Keines natürlichen Todes". Lord Peter ist dort einem mutmaßlichen Mord auf der Spur. Der noch unbekannte Täter tötet allem Anschein nach weitere Menschen, um die erste Tat zu verdecken. Diese Verbrechen wären vermutlich nie begangen worden, hätte nicht Lord Peter die Diskussion um den bereits vergessenen ersten Mord neu aufgewühlt. Dieser Gedanke lässt dem Lord keine Ruhe. Für die Erörterung solch diffiziler Skrupel reicht ihm als Gesprächspartner der ansonsten zuverlässige Inspektor Parker von Scotland Yard freilich nicht aus, auch wenn dieser in seiner Freizeit die neuesten Bibelkommentare studiert. Stattdessen fragt Wimsey einen Geistlichen um Rat. Der beruhigt den Lord, er solle sich nicht zu sehr quälen, "wahrscheinlich wäre der Mörder dann durch seine eigenen Schuldgefühle und Ängste zu neuen Verbrechen getrieben worden, auch ohne Ihr Eingreifen. Ich rate Ihnen, tun Sie, was Sie für das Richtige halten und zwar in Übereinstimmung mit den Gesetzen, die zu respektieren wir erzogen wurden. Alles weitere überlassen Sie Gott. Übergeben Sie den Missetäter der Gerechtigkeit. Aber vergessen Sie dabei nie, dass auch Sie und ich nicht davon kommen würden, wenn uns allen recht geschähe."

Der frommen Pfarrerstochter Dorothy Leigh Sayers aus Exford, die die tiefe Religiosität, in der sie aufwuchs, nie ganz abgelegt hat - ihre ersten schriftstellerischen Arbeiten waren religiöse Gedichte, ihre letzten religiöse Versdramen -, hat es gewiss gefallen, dass ein einfacher Dorfgeistlicher dem weltläufigen Lord in letzten Fragen offenbar überlegen war.


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