zurück vor auf Inhaltsverzeichnis


Was Weininger über Juden und Frauen dachte

In seinem Hauptwerk offenbarte Otto Weininger eine, trotz seiner jüdischen Abstammung, scharf ablehnende Haltung alles Jüdischen und erwies sich zugleich als Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshaltung. Die Werte höheren Lebens seien, behauptete der eigenwillige Philosoph, der Frau ebenso unzugänglich wie die Welt der Ideen. Je weiblicher das Weib, desto mehr verkörpere es eine reine geistlose Geilheit. Erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand. Nicht von ungefähr nannte Ernst Bloch Weiningers Abhandlung "eine einzige Anti-Utopie des Weibes".

Das Judentum wiederum schien Weininger durchtränkt von Weiblichkeit. Daraus leitete er die paranoide Gleichung ab, dass "der Jude" (Weininger sprach von Juden durchweg im Singular und dann auch immer nur vom männlichen Juden) ein Weib sei, eine kommunistische Kupplerin. Da beide, Frauen und Juden, nur Sexualität, nur Körper und Materie seien, bar jeden Geistes, jeder Seele und jeder Sittlichkeit und unfähig zur sexuellen Askese, stellten sie eine Bedrohung dar.

Seiner Meinung nach denken Frauen nicht logisch, eher in Assoziationen. Instinktiv sagten sie nie die Wahrheit und neigten von Natur aus zu Krankheiten und zur Hysterie. Aber auch die Logik von Juden sei mangelhaft. Sie stützten sich vor allem auf den "Pilpul", einer von hebräisch 'Pfeffer' abgeleiteten scharfen Dialektik, die auf reiner Assoziation beruhe und, laut Weininger, nur ein weiteres intuitives Mittel zur Lüge darstelle. Im Grunde sei der Jude noch verderblicher als das Weib und habe wie das Weib keinen "Schwerpunkt" innerhalb seiner Auffassung von der Welt. Darüber hinaus gäbe es für Juden auch keinen Schwerpunkt in der Welt selbst, während für die Frau dieser Schwerpunkt immerhin der Mann sei. Der Jude sei nichts anderes als eine degenerierte Frau. Gleichwohl stellten beide, Juden und Frauen, universelle Möglichkeitsformen menschlicher Existenz dar. Sie seien Erscheinungsformen, die in jedem beliebigen Individuum auftreten könnten. "Der Jude" wie "das Weib" hätten ferner eine materialistische Gesinnung. Beiden fehle der Sinn für Humor, ihre Ausdrucksform sei die Satire. Ferner zeigten beide einen Mangel an Tiefe wie etwa auch der "fast jede Größe entbehrende Dichter Heine." Aber: "Der tiefstehende Mann steht noch unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe, so hoch, dass Vergleich und Rangordnung hier kaum mehr statthaft scheinen."

Neben einer geradezu manichäischen Geringschätzung der Frau, die freilich nicht mit ordinärem Weiberhass verwechselt werden darf, drückt sich in Weiningers Werk ein nicht weniger abgründiger jüdischer Selbsthass aus. Diese Verneinung ist gleichfalls weit entfernt von jenem Antisemitismus, der um die Jahrhundertwende in Österreich und in Deutschland das politische Leben bereits zu großen Teilen vergiftet hatte.

"Weininger war kein Antisemit im gehässigen Sinne des Wortes", glaubte auch Friedrich Georg Jünger. "Vom rohen, vulgären Weiber- und Judenhass war er weit entfernt. Er war kein Täter, kein gewalttätiger Mensch... Das Massive seiner Angriffe entspricht dem Zugriff, dem er sich ausgesetzt fühlt. Seine Polemik ist ein Akt der Selbstverteidigung und Notwehr. Ohne Angst ist der durchdringende Scharfsinn seiner Kombination nicht zu denken, und diese Angst wächst, bis sie Verzweiflung wird."

Judentum war für Weininger keine Schicksalsgemeinschaft, sondern eine Geisteshaltung, eine psychische Anlage, die sich grundsätzlich bei allen Menschen finde. "Frau" und "Jude" werden bei ihm geradezu zum Massstab der Selbstdefinition, an dem sich das Ich misst, und sind zudem, wie es bei Weininger heißt: "Der Abgrund, über dem das Christentum aufgerichtet ist." Damit gehörte er zu den wenigen Antisemiten, die darauf hingewiesen haben, wie sehr das Christentum des Judentums zur Selbstdefinition bedarf. Während fast alle Judenfeinde eine Abhängigkeit des Judentums vom Christentum zu etablieren versuchten, schrieb Weininger: "Das Christentum ist die absolute Negation des Judentums; aber es hat zu dem dasselbe Verhältnis, welches alle Dinge mit ihren Gegenteilen, jede Position mit der Negation verbindet, welche durch sie überwunden ist."

Frau und Jude sind ihm eins - "Das Lachen Kundrys geht aufs Judentum". Der Jude ist genauso wie das Weib, unfähig zum Ergabenen, außerstande, Wagners Parsifal zu verstehen. Das Wesen des Germanentums wird Juden immer verschlossen bleiben, eine These, die der antisemitische Kritiker Paul Fechter dann in den dreißiger Jahren gegen die deutsch jüdischen Schriftsteller verwendet hat.

In "Geschlecht und Charakter" wird die uralte Tradition des in den meisten Zivilisationen verbreiteten Antifeminismus rekapituliert. Neu und originell bei Weininger ist, dass seine Theorien in ein metapsychologisches und kulturkritisches System eingegliedert sind, in dem "das Weib" gemeinsam mit "dem Juden" das absolut Negative und das Ferment der Dekadenz verkörpert.(Le Rider)

Weininger führt sogar Bibelzitate an und betrachtet die "Betrügereien Jakobs" als Beweis dafür, dass es Juden immer schon an echter Moral gemangelt habe. Außerdem beruft er sich auf die Genesis, um die ursprüngliche Unterlegenheit des Weibes zu belegen und bezeichnet die Kabbala als vulgären Aberglauben, der nichts mit echter Mystik zu habe. Christus ist dagegen für Weininger das Modell des Juden, der "die stärkste Negation, das Judentum, in sich überwindet", der Mann, der "das Weib von der Weiblichkeit emanzipiert" hat.


zurück vor auf ursula@UrsulaHomann.de Inhaltsverzeichnis